• Initiative aus Kultur, Wissenschaft und Sport präsentiert Konzept zur Rückkehr von Zuschauern
  • 20 Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen haben mitgewirkt
  • Bündnis präsentiert Leitfaden
  • Was können Kulturschaffende von den Bund-Länder-Besprechungen am Mittwoch, 3.3.2021, erwarten?
  • Frühere Öffnungsmöglichkeiten für Kultur und Sport als bisher gedacht

Beschluss: Schrittweise Lockerungen für deutschen Sport

Nach monatelangem Stillstand gibt es für den deutschen Amateur- und Breitensport in der Coronavirus-Pandemie die Möglichkeit für schrittweise Lockerungen. Das haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch in Berlin vereinbart, wie aus ihrem Beschlusspapier hervorgeht.
Abhängig von regionalen Inzidenzwerten können die Bundesländer nach und nach Lockerungen der Corona-Maßnahmen für den Sport vornehmen und entsprechend erweitern, bei Bedarf aber auch wieder verschärfen.

Corona-Gipfel Beschlüsse: Ergebnisse des Bund-Länder-Treffens - Die neuen Regeln im Überblick

Die Konferenz von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten war lang und zäh. Um viele Beschlüsse wurde hart gerungen. Nach über neun Stunden standen die Ergebnisse fest, aus denen die Bundesländer nun regional neue Regeln formen.
Diese Öffnungsschritte sieht der Stufenplan nach dem Corona-Gipfel vor.
Diese Öffnungsschritte sieht der Stufenplan nach dem Corona-Gipfel vor.
© Foto: Bundesregierung

Bündnis präsentiert Leitfaden für Rückkehr der Zuschauer

Bereits Tage zuvor präsentierte ein Bündnis einen möglichen Leitfaden für Öffungsschritte in Kultur und Sport.
Das Gewandhausorchester Leipzig, der VfB Friedrichshafen, der Deutsche Volleyball-Verband: Sie alle unterstützen ein Bündnis aus Wissenschaft, Sport und Kultur. Ihr Ziel: Wieder mehr Zuschauer bis hin zu Vollbesetzung. Im Februar hat die Initiative ein Konzept präsentiert.„Wir wollen der Politik einen Weg aufzeigen, wie es zurück gehen könnte“, sagte der Berliner Gesundheitsökonom Florian Kainzinger zu dem von gut 40 Sport- und Kultureinrichtungen getragenen Konzept, an dem 20 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen mitgewirkt haben. Nutzen soll es allen: Das Konzept eigne sich vom kleinen Stadttheater bis zum Berliner Olympiastadion.

Öffnung bevor alle geimpft sind

Einen konkreten Zeitpunkt wollten die Beteiligten nicht nennen. Es gehe um eine Zusammenschau von verschiedenen Kriterien, „zentrale Frage ist die Belastung des Gesundheitswesens“, sagte Kainzinger. „Wir können nicht alles absperren, bis die letzte Person geimpft ist.“ Aus Sicht von Georg-Christian Zinn, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin in Ingelheim, soll das Konzept „möglichst vielen Zuschauern die Möglichkeit geben, an den Veranstaltungen teilzunehmen“. Als Vertreter der Theater sagte Klaus Dörr, Intendant der Volksbühne Berlin: „Wir können jeden Tag starten.“

Was sieht der Leitfaden vor?

Der Leitfaden sieht zunächst ein Basiskonzept zur Rückkehr von Zuschauern vor. Das soll gelten:
  • Bei geschlossenen Räumen wie Konzerthäusern, Theatern, Opern, Hallen oder Arenen soll jeweils ein Hygiene-, Lüftungs- und Infektionsschutzkonzept notwendig sein.
  • Zudem werden Konzepte zum Ein- und Auslass sowie für An- und Abreise verlangt.
  • Damit werde eine Besetzung zwischen 25 und 30 Prozent möglich.
  • Im Außenbereich wird bei vergleichbaren Standards eine Auslastung von bis zu 40 Prozent als möglich betrachtet.
  • Für mehr Auslastung dienen Spezialkonzepte, wobei ein Hygienekonzept mit hohen Standards „Wildwuchs“ verhindern soll.
  • Ein Maximalmodell erfordert etwa digitales Kontaktmanagement und Antigen-Tests vor jeder Veranstaltung. Mit solchen Maßnahmen ist laut Konzept eine „Vollauslastung von Opern, Konzerten und Sportereignissen“ möglich.

Wer unterstützt die Initiative?

Zu den Unterstützern zählen Expertinnen und Experten etwa aus den Bereichen Infektiologie und Virologie, Raumlufttechnik, Gesundheitsökonomie sowie Sport-, Kultur- und Rechtswissenschaften. Mitgezeichnet haben:
  • Deutscher Fußball-Bund
  • Handballbund
  • Volleyball-Verband
  • Basketball
  • Bühnenverein mit zahlreichen Einzeltheatern
  • Hallen und Arenen aus dem Veranstaltungsbereich
„Einen Mutmacher können momentan alle gut gebrauchen. Keiner hat mehr Lust auf den Lockdown“, sagte Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, der dpa am Montag. „Wir wissen um die Brisanz einer Öffnung, halten sie aber für verantwortbar.“ Gernot Tripcke, Chef der Deutschen Eishockey-Liga, sagte: „Das Virus wird uns noch auf Monate, Jahre, vielleicht sogar für immer begleiten. Umso wichtiger ist es, dass wir zukunftsgerichtete Konzepte zur Lösung entwerfen.“
Auch Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), ist Befürworter der Initiative.
Auch Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), ist Befürworter der Initiative.
© Foto: Marius Becker/DPA

So reagiert die Politik auf das Konzept

Aus der Politik kamen erste positive Reaktionen. Von einem „richtigen Weg“ sprach Berlins Kultursenator Klaus Lederer. „Die Initiative ist nicht hoch genug einzuschätzen“, sagte der Linke-Politiker der dpa. „Es braucht eine Perspektive, die uns Hoffnung und Ansporn gibt, damit wir wegkommen von den Durchhalteappellen ohne Aussichten auf Verbesserungen“, sagte Lederer, der derzeit auch die Kulturministerkonferenz der Länder leitet. Dies müsse allerdings im vollen Wissen um die Gefahren des Virus und entsprechend realistischer Einschätzung geschehen.
Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) erklärte, der Leitfaden sei „ein Konzept der Hoffnung“. Theater, Orchester und Museen hätten bewiesen, dass sie Kultur ohne Ansteckung ermöglichen könnten. Jetzt sei Zeit, die Weichen für eine Kultur nach Corona zu stellen, erklärte Schüle.
Auch die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sieht Möglichkeiten für pandemiegerechte Kultur- und Sportveranstaltungen. „Mit kreativen Ideen, Teststrecken und hygienegerechten Konzepten können wir hoffentlich bald wieder Kultur genießen, in großen und in kleinen Spielstätten, denn das fehlt uns allen sehr.“

Vor dem Corona-Gipfel, 03.03.2021: Was können Kulturschaffende von der Konferenz erwarten?

Vor dem Treffen von Bund und Ländern zu weiteren Maßnahmen in der Corona-Pandemie und möglichen Lockerungen hat sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters für eine Berücksichtigung der Kulturszene stark gemacht. „Die Ministerpräsidentenkonferenz und die Bundesregierung beraten neben notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen mittlerweile auch wieder über Öffnungsszenarien“, sagte die CDU-Politikerin der dpa in Berlin. Dabei müsse die Kultur bei allen Diskussionen von Anfang an mitgedacht werden. „Öffnungen dürfen nicht einer rein marktwirtschaftlichen Logik folgen“, sagte Grütters.
Sie erinnerte daran, dass Kultureinrichtungen die ersten gewesen seien, die schließen mussten. „Sie dürfen nicht die letzten sein, die wieder öffnen.“ Inzwischen gebe es viele Studien namhafter Experten, die nachwiesen, dass Museen wie auch Theater, Kinos und Konzerthäuser mit ihren modernen Lüftungsanlagen und Hygienekonzepten gut auf ihr Publikum vorbereitet seien und dass „unter Einhaltung üblicher Hygiene- und Abstandsvorgaben ein verantwortungsvoller Neustart des Kulturbetriebs auch in Pandemiezeiten unproblematisch ist“.
Experten weisen immer wieder darauf hin, dass bei einer hohen Zahl der Infektionen die Übertragungswege nicht geklärt sind. Zudem soll der bisherige Lockdown auch An- und Abreisen vermeiden.
Grütters verwies auf „die dramatischen Verluste in der stillgestellten Kultur“, die nicht nur Publikum, Theater-, Kino- und Konzertgänger beträfen, sondern alle Menschen. „Nicht nur weil die Kultur- und Kreativbranche ein so wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sondern auch weil Kultur kein Luxus ist, den man sich nur in guten Zeiten gönnt.“ Kunst sei unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Menschseins. „Sie ist Quelle von Inspiration und Irritation, Reflexion und Innovation. Sie schafft Raum für Empathie und für Debatten. Und: Kultur holt die Menschen endlich auch wieder heraus aus ihrer häuslichen Isolation.“

Baden-Württemberg: Landesmusikrat und Musikverbände fordern Öffnungsstrategie

Mehr als 46 Musikverbände des Landes Baden-Württemberg haben am Mittwoch, 3.3.2021, in einem Appell an die Landesregierung kurzfristige Öffnungsstrategien gefordert. Dazu zählen ihrer Ansicht nach,
  • die Öffnungen für den schulischen und außerschulischen Musikunterricht,
  • die Kopplung von Musikveranstaltungen, Proben und Aufführungsmöglichkeiten an die Öffnungen im Einzelhandel und der Gastronomie,
  • die finanzielle Unterstützung bei der Finanzierung der Schnelltests vor Proben und Aufführungen
  • und die Gleichbehandlung der Musikverbände mit dem Solidarpakt Sport IV, in dem erhebliche Aufstockungen der Fördervolumen angekündigt wurden.
„Das Musikland Baden-Württemberg ist in seinen Grundfesten bedroht“, wird Prof. Dr. Hermann Wilske, Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg, in einer Pressemitteilung zitiert. „Jede weitere Fortschreibung des strikten Lockdowns befördert zugleich irreversible Beschädigungen in vielen Bereichen des Musiklebens. Umso mehr benötigen wir einen verantwortungsvollen Umgang mit Lockerungen und Öffnungen, benötigen wir Motivation und Perspektive für alle am Musikleben Beteiligten.“

Luca-App: Kontaktnachverfolgung per Smartphone für Konzerte und Co.

Ein Hip Hopper als Pandemiebekämpfer: Smudo von den Fantastischen Vier (52) sieht das von ihm mitentwickelte System „Luca“ als einen der Schlüssel, um das gesellschaftliche Leben wieder hochzufahren. „Ich bin davon überzeugt, dass "Luca" uns in Kombination mit Testungen, der Corona-App und den AHA-Regeln in ein immer normaleres Leben führen wird“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Für uns ist das eine reelle Öffnungsstrategie.“
Der Musiker („Tag am Meer“, „Zusammen“), der eigentlich Michael Schmidt heißt, wirbt derzeit bei Behörden und Politikern um sein System der Kontaktnachverfolgung. Mit dem System einer App und verschlüsselten QR-Codes könnten etwa Besucher von Restaurants oder Kinos digital einchecken. Bei einer Corona-Infektion fänden die angeschlossenen Gesundheitsämter schneller entsprechende Kontaktpersonen.
So sieht die Luca-App zur Nachverfolgung von Kontakten aus.
So sieht die Luca-App zur Nachverfolgung von Kontakten aus.
© Foto: Luca
Das System könnte langfristig auch bei Musikveranstaltungen zum Einsatz kommen. „Konzerte sind natürlich der Endgegner. Körper an Körper zu stehen und einem Künstler zuzujubeln, das wird bis nächstes Jahr bestimmt nicht funktionieren. Das ist meine persönliche Einschätzung“, erklärte Smudo, der am Sonntag in der Talksendung von Anne Will zu Gast war, weiter.
Das „Luca“-System könnte bei den Beratungen von Bund und Ländern an diesem Mittwoch in Berlin zur Sprache kommen. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) hatte sich bereits offen für solche digitalen Lösungen gezeigt – als Unterstützung der Corona-Warnapp.

Beleuchtete Kinos: Betreiber fordern Öffnungs-Perspektive für Kinos

Vor Beginn der Berlinale haben zahlreiche Kinobetreiber in Deutschland eine Perspektive für ihre Häuser gefordert. Mehrere Filmtheater wurden am Sonntagabend beleuchtet. Nach Angaben des Branchenverbands AG Kino hatten sich mehr als 300 Kinos angemeldet, etwa in Berlin und Köln.
„Wir leben seit vielen Monaten ohne Kultur“, sagte Verbandschef Christian Bräuer der Deutschen Presse-Agentur. Auch wenn man sich damit eingerichtet habe, sei das Zuhause-Bleiben eine Belastung. Bei den Kinobetreibern gehe es außerdem um die Existenz.
Die Kinos sind seit November wieder geschlossen, auch viele andere Einrichtungen in Deutschland sind zu.