Früherer Handballprofi: Matthias Gerlich jagt jetzt in Ulm Verbrecher

Früher Handballprofi, jetzt jagt er mit dem Kriminaldauerdienst bei der Ulmer Polizei Verbrecher: Matthias Gerlich.
Atelier Schlieper- Matthias Gerlich, früherer Handballprofi, arbeitet jetzt als Kriminaloberkommissar in Ulm.
- Gerlich ist 2,04 Meter groß und trinkt gerne Espresso ohne Zucker.
- Er begann seine Handballkarriere bei TSV Mindelheim und spielte später für TuSEM Essen.
- Nach dem Sportkarriereende entschied er sich für die Polizei und arbeitet seit April 2024 im Kriminaldauerdienst.
- Gerlich lebt mit seiner Frau, drei Söhnen und Hündin Ella in Ulm.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Mord, Raub oder schwere Körperverletzung – Kapitalverbrechen kennen die meisten Menschen nur aus Krimis. Für die Männer und Frauen des Kriminaldauerdienstes gehören sie zum Alltag. Rund um die Uhr ermitteln sie beim Verdacht auf schwere Straftaten. Der ehemalige Handballprofi Matthias Gerlich gehört dieser Abteilung der Kriminalpolizei erst seit einigen Wochen an. Die Sorge, ob er den zum Interview vereinbarten Treffpunkt problemlos finden würde, war deshalb zwar berechtigt, erwies sich aber schnell als unbegründet.
Gerlich ist stolze 2 Meter 4 groß
Schon von weitem ist der Hüne zu sehen. Mit seinen 2,04 Metern überragt er alle Passanten, die sich bei traumhaften Frühlingstemperaturen in der Ulmer Innenstadt tummeln. Wie ein wandelnder Leuchtturm reiht er sich in den Strom der Passanten ein und erscheint auf die Minute gpünktlich. Der Kriminaloberkommissar hat sich noch kurz von der Nachtschicht erholt und jetzt erst einmal Appetit auf einen Espresso. Nicht, weil ihm die ungewohnte Arbeitszeit noch in den Knochen steckt, sondern weil der „kleine Schwarze“ die Hitliste seine Lieblingsgetränke anführt. Den trinkt er ohne Zucker und wirkt dabei mit sich und der Welt im Reinen.
Überhaupt scheint der 37-Jährige in sich zu ruhen. Nicht auf eine behäbige, sondern freundliche, sehr höfliche Art. Es ist ein Paradoxon, wie er Ruhe und Agilität vereint. Der frühere Rückraumspieler erzählt unterhaltsam über sein Leben, beleuchtet alle Ecken und hält dann immer wieder kurz inne, um sich zu versichern, dass er nicht zu viel „labern“ würde, wie er sich ausdrückt. Die kurze Zäsur nutzt er, um im Gesicht seines Gegenübers nach einer Antwort zu suchen. Die Situation gleicht der eines Siebenmeters: Mit ausgestrecktem Wurfarm kurz zögern, den Torhüter taxieren und dann den Ball scheinbar mühelos im Tor versenken.

Sein Lieblingsgetränk ist Espresso: Matthias Gerlich trinkt den „Kleinen Schwarzen“ ohne Zucker.
Atelier SchlieperSchon als Kind ein Faible für Bälle
Der gebürtige Landsberger blickt gerne auf seine Zeit im Profisport zurück. Auf dem Weg dorthin fügte sich ein Puzzleteil ins nächste, bis fast zufällig ein Bild entstand. Schon als Knirps entwickelte er eine Leidenschaft für Bälle, die er unermüdlich gegen die Schlafzimmertüre seiner Eltern trat. Diese meldeten ihn wohl aus einem Akt der Selbstverteidigung in einem Fußballverein an. Weil das den Bewegungsdrang des Jungen immer noch nicht stillen konnte, kurz darauf auch noch in einem Tennisverein. Doch auch das konnte seinen Sporthunger nicht stillen. Das Kinderzimmer verwandelte er regelmäßig in einen imaginären Tennisplatz. Mit Plastikschläger und Softball bewaffnet spielte er gegen fiktive Gegner die legendären Matches von Boris Becker oder Steffi Graf nach. Dabei war er Akteur und Sportreporter in Personalunion. Spiegelbildlich wiederholten sich diese Szenen beim Kicken im Garten. „Wäre ich nicht Polizist geworden, dann sicher Sportreporter oder Stadionsprecher“, ist sich Gerlich heute sicher.
In der siebten Klasse legte dann sein Sportlehrer das Fundament für seine Handballkarriere. Mit dreizehn glich er einer Stange Lauch – groß und dünn. Der Pädagoge addierte den körperlichen Status quo seines Schülers mit dessen gutem Ballgefühl und konstatierte nüchtern: „Mit deiner Größe musst du Handball spielen“.
Seit Juni am Start: acht.neun
Dieser Text erschien zuerst im Ulmer Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni 2024 an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur Online-Ausgabe gibt es hier.
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Ehrgeiz und Talent
Beim nahegelegenen TSV Mindelheim warf der älteste von vier Brüdern daraufhin seine ersten Bälle. Dann nahm die Entwicklung richtig Fahrt auf. Bezirksauswahl, Alpenvorlandauswahl, Landesauswahl und schließlich eine Einladung zur Jugendnationalmannschaft. Mehr Beschleunigung in drei Jahren ist kaum machbar. Neben Fleiß und Disziplin war auch reichlich Talent mit im Spiel, anders ist diese Entwicklung nicht zu erklären. Aber in den Sphären, in denen er sich jetzt bewegte, wurde die Luft dünn. Die Jungs, mit denen er hier auf dem Platz stand, hatten alle Talent und jeder von ihnen träumte von einer Profikarriere. Ab jetzt war es, als wolle man einen Teller Suppe mit einer Gabel essen. Es ist möglich, aber der Aufwand ist gigantisch.
Selbst, wenn man den betreibt, erhält man das ungeschminkte Feedback der offiziellen Sichter des Verbandes. Mit ihrem geschulten Auge legen sie, ganz unsentimental, die Defizite der Aspiranten offen. Bei einem Ländervergleich nahm einer der Erfahrenen Gerlich zur Seite und riet eindringlich, sein Trainingsumfeld zu verbessern und auf leistungssportliche Beine zu stellen.
Diese Turniere sind auch so etwas wie ein Supermarkt der zukünftigen Stars. Jeder will die Besten binden, keiner eine Chance verpassen. Der Landestrainer von Sachsen-Anhalt wurde unbemerkter Zuhörer des Gesprächs und bot Gerlich den Wechsel auf ein Sportgymnasium und die Ausbildung in der Jugendmannschaft des SC-Magdeburg an. Im Fußball käme das einer Einladung des FC Bayern München gleich. Die Handballer von der Elbe waren zu dieser Zeit das Maß aller Dinge. „Natürlich hatte ich Bock und habe zugesagt. Aber ich stand zunächst als blasser blonder Schlaks in der Halle, es war fast surreal.“
Sportlich ging es immer weiter aufwärts
Mit dem Umzug von Oberbayern in die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt änderte sich sein Leben radikal. Es war eine Zäsur. Freunde und Verwandte waren fünf Autostunden entfernt, auf einmal drehte sich alles nur um das Thema Handball. „Mein Umzug war ein Turbo im Selbstständigkeitsprozess, ich musste sportlich wie privat die Ellbogen ausfahren, um nicht unterzugehen“. Aber er war mit dieser Entwurzelung nicht allein. Die Mannschaftskollegen vom Internat kamen aus ganz Deutschland. Zweimal am Tag wurde trainiert und für die Schule gerade so viel wie nötig gelernt, daneben wurde die ein oder andere Party gefeiert. Der Selektionsprozess ist auch im Handball gnadenlos. Gerade einmal fünf von seinen 40 Mitspielern haben den Sprung ins Profilager geschafft. Matthias Gerlich gehörte zu dieser Handvoll Spieler.
Um seinen 18. Geburtstag herum durfte er als Belohnung für gute Leistungen in der zweiten Herrenmannschaft sein erstes Spiel in der 2. Liga absolvieren. Sein erster Vertrag für diese Spielklasse war, anders als im Fußball üblich, nicht besonders üppig dotiert.
Mit 20 vermittelte ihn ein Spielerberater zu TuSEM Essen. „Der Kontrakt war finanziell überschaubar, aber ich hatte es in den Profibereich geschafft.“ Was dann folgte ist mit Handballzirkus treffend beschrieben. Der Erstligaaufsteiger „Hüttenberg“ (bei Wetzlar) hatte ihn ebenso unter Vertrag wie die „Rhein-Neckar Löwen“ (Heimspielort Mannheim) und der „SC DHFK Handball aus Leipzig“. Auch für den Erstligisten aus Bern (Schweiz) lief er auf und bei der TSG Söflingen absolvierte er einen Kurzzeiteinsatz im Abstiegskampf. Seine Frau beschreibt die Schattenseiten dieses Lebens. Es sei schwer gewesen, wirkliche Freundschaften aufzubauen, weil im Kopf immer ein möglicher bevorstehender Vereinswechsel mitschwang. „Diese zwei bis drei Jahre bis zu einem möglichen Umzug hat man immer im Hinterkopf“, sagt Carina Gerlich und vergleicht es mit einem Leben auf gepackten Koffern.

Mit seinen 2,04 Metern Körpergröße ist Matthias Gerlich nicht zu übersehen.
ULLI SCHLIEPER PHOTOGRAPHY„Wie ein Leben auf Klassenfahrt“
Das Nomadenleben und der natürliche Karrierezyklus im Profisport brachten dann die Gedanken an die Zeit nach dem Sport aufs Tapet. „Handball, wie ich ihn betrieben habe, war wie ein Leben auf Klassenfahrt, aber deren Ende war in Sichtweite“, sagt Gerlich und ergänzt: „Eine Tätigkeit bei der Polizei war schon lange ein vager Gedanke, den ich jetzt in Angriff nehmen wollte“. Nach bestandenem Einstellungstest und Vorausbildung in Biberach folge noch ein letzter Ortswechsel zum Studium des gehobenen Dienstes in Villingen-Schwenningen. Danach, das hatte er seiner Frau fest versprochen, sei Schluss mit den ewigen Umzügen.
Seit April ist er jetzt Teil eines 36-köpfigen Teams des Kriminaldauerdienstes in Ulm. Neben seinem Beruf spielen nun seine Frau, die drei Söhne und Ella, eine Australian-Shepherd-Hündin, die Hauptrolle. Zum Trost ergibt sich immerhin rechnerisch noch eine Handballmannschaft. Seine drei Brüder, die drei Söhne und er ergäben ein generationsübergreifendes Team.
Zum Abschied bestellt Matthias Gerlich noch einen letzten Espresso und freut sich nach der vergangenen Nachtschicht jetzt auf etwas Schlaf.

