Bundestagswahlkampf in Tübingen: Das sagen Polizei, Besucher und Kandidierende zur Blockade des TAGBLATT-Podiums

Die Polizei konnte den Zugang zum Wahlpodium nicht garantieren – zu massiv war die Blockade der Demonstranten.
Carolin Albers- 300 Menschen blockierten Wahlpodium in Tübingen, Polizei überfordert.
- Kundgebung gegen AfD-Kandidat Daniel Winkler, Zugang zum Kino verwehrt.
- Polizei: Gewaltbereite Demonstranten, eine Polizistin verletzt.
- Künftige Wahlpodien mit AfD-Kandidaten unter erhöhter Sicherheitsbewertung.
- Erfahrung fließt in zukünftige Gefahrenabschätzungen ein.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am Dienstagabend (18. Februar 2025) wollten viele wissen: Wofür stehen eigentlich die Kandidaten und die Kandidatin in meinem Wahlkreis vor der Bundestagswahl? Welche Konzepte haben Sie für den Kampf gegen den Klimawandel, für die Wirtschaft, was sagen sie zum Schindhau-Basistunnel, wie stehen sie zu Fragen der Migration, Frauenrechten, der gesellschaftlichen Spaltung? Was wollen sie für den Wahlkreis erreichen und welche Schwerpunkte setzen? Wo stimmen sie überein, wo nicht?
Doch für die allermeisten war am Eingang des Kinos Museum Schluss: Aus einer Kundgebung des Bündnisses gegen Rechts, das eine Ausladung des AfD-Kandidaten Daniel Winkler vom TAGBLATT-Wahlpodium forderte, rannten mehrere Hundert Menschen über die Straße und blockierten den Zugang. Es kam zu Gerangel mit der Polizei. Wer durch wollte, wurde abgedrängt und teilweise beschimpft.
Die Polizei konnte den freien Durchgang zum Kinosaal nicht sichern, dafür waren nicht ausreichend Polizisten vor Ort. Im Vorfeld hatte sie wie bei politischen Versammlungen üblich eine Gefahrenprognose erstellt, in Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt. Doch von dem massiven Auftreten der Demonstranten und Demonstrantinnen wurden beide überrascht.
Anfangs habe die Polizei noch Leute durchgelassen, die offensichtlich als Besucher zum Podium wollten. Doch dann sei das nicht mehr möglich gewesen: „In dem Pulk gab es Gewaltbereite, die Menschen Angst gemacht haben, und solche, die nur dabei standen und protestierten. Die waren nicht zu trennen.“ Die Polizei alarmierte Kräfte nach. Die Demonstranten zogen dann gegen 19.30 Uhr Richtung Bahnhof ab. Verletzte gab es laut Polizei am Abend nicht. Eine Polizistin wurde gegen das Bein getreten, die Polizei ermittelt gegen unbekannt.
„Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche demokratische Veranstaltung von der linken Szene so angegangen wird“, sagt Tübingens Revierleiter Heiko Kächele, der am Abend selbst vor Ort war. Zwar war im Vorfeld in den sozialen Medien vielfach zur Kundgebung am Museum aufgerufen worden. Aber beim Auftritt von Ex-Finanzminister Christian Lindner kürzlich sei das ähnlich gewesen, die Kundgebung verlief friedlich. Auch deshalb waren nicht mehr Beamte vor Ort: Anders als bei einem problematischen Fußballspiel, bei dem die Risiken klar sind, waren deshalb auch nicht Hunderte Polizisten mit schwerem Gerät angerückt. Die braucht man ja bei einem Wahlpodium einer Tageszeitung normalerweise auch nicht. „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns anders aufgestellt.“
Was aber bedeutet die gewaltsame Blockade des Wahlpodiums für zukünftige Podien, an denen auch ein Kandidat der AfD teilnimmt? Wie bisher werde es in Zukunft eine Gefahrenabschätzung geben, sagt Kächele. Und in die flössen auch die Erfahrungen mit der Blockade beim TAGBLATT-Podium ein.
Das sagen betroffene Besucher
Martin Winter konnte sich zwar „auf Schleichwegen“ in den Saal durchschlagen, doch viele seiner Freunde kamen nicht rein: „Ich fand es sehr schade, dass die politische Willensbildung nicht stattfinden konnte“, sagte er dem TAGBLATT. Für die Blockade hat der Tübinger keinerlei Verständnis: „Für mich ist nichts anderes als Nötigung.“ Winter war derjenige, der mit seiner schnellen Reaktion im Saal eine Sirene zerstörte, die ein eingedrungener Störer einfach in die Reihen nach vorne geworfen hatte: „Die war extrem laut und hat richtig Schmerzen verursacht.“
Auch Siegward Lingenheil gelangte in den Saal, aber nur, weil er zusammen mit einem Polizisten vor dem Kino einer älteren Dame half, „die fast zerquetscht wurde“. Er habe versucht, mit den Demonstranten zu reden, „aber die wollten nur brüllen“. Was Lingenheil besonders ärgert: „Die Demo war völlig kontraproduktiv.“ Der AfD-ler sei auf dem Podium komplett untergegangen und habe sich eher blamiert: „Der hatte ja gar nichts zu sagen.“
Anders als Lingenheil schaffte Belinda Zellweger es nicht in den Saal. Sie stand draußen in der Kälte, wusste nicht, wie es weitergeht und konnte die Veranstaltung auch nicht im Internet verfolgen. Was die Tübingerin besonders ärgert: „Man denkt, man steht auf der gleichen Seite und wird dann von denen so angegangen.“ Auch Max Steinacher fand die Stimmung vor der Tür unangenehm. „Die Antifa hält sich offenbar für was Besseres“, sagte er dem TAGBLATT, „und denkt, sie steht über dem Gesetz.“ Der ehemalige Lehrer wunderte sich besonders, dass in Sprechchören die CDU mit der AfD gleichgesetzt wurde. Beide seien als „Nazipack“ bezeichnet worden. „Das wäre dann ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung.“
Der Tübinger Sebastian Simsch, der in den Saal gelangte, zeigte sich dagegen „sehr begeistert über die jungen, engagierten Menschen, die draußen demonstrieren“. Er meinte, die Blockade hätte verhindert werden können, wenn das TAGBLATT den AfD-Direktkandidaten nicht eingeladen und ihm keine Plattform geboten hätte, kritisiert er. „Die Einbeziehung der AfD war vollkommen unnötig.“
Das sagen Kandidaten zur Blockade
Florian Zarnetta (SPD): „Protest gegen die AfD ist immer in Ordnung, aber hier das Podium zu blockieren hilft der Sache nicht.“
Asli Kücük (Grüne): „Angemeldeter Protest ist okay. Aber den Zugang zu einer politischen Informationsveranstaltung zu verhindern, ist nicht in Ordnung. Jeder hat das Recht, da hinzugehen.“
Ralf Jaster (Linke): „Ich finde es einen notwendigen Protest und halte es für falsch, den Vertreter der AfD hier einzuladen. Das trägt zur Normalisierung einer faschistischen Partei bei. Ich komme aber trotzdem, weil als Linker denen den Platz auf dem Podium zu überlassen, wäre falsch.“
Julian Grünke (FDP): „Das ist eine einzige AfD-Werbeaktion. Wir müssen auch Meinungen aushalten, die an die Grenze dessen gehen, was wir ertragen können. Und jede Diskussion, bei der der AfD-Kandidat bislang dabei war, hat seine Wahlchancen gesenkt. In solchen Formaten kann die AfD ihre Themen nicht setzen.“
Christoph Naser (CDU): „Zu mir waren sie ja nett, aber was mich ärgert: Dass freie Bürgerinnen und Bürger daran gehindert werden, sich eine Meinung zu bilden. Das kritisiere ich sehr.“




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