TAGBLATT-Podium in Tübingen
: Ohne Not Leute verärgert

Vielleicht geht Ihr mal hin? TAGBLATT-Podien haben noch nie einem AfD-Kandidaten eine Plattform für Rassismus und rechte Hetze geboten.
Kommentar von
Ulrich Janßen
Tübingen
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Demo Tagblatt Podium

Kein Durchkommen für Besucher. Demonstranten der Antifa blockierten das TAGBLATT-Podium am Dienstagabend.

Carolin Albers

Wer glaubt, dass die Blockade von Zeitungspodien dazu beiträgt, die AfD in Deutschland schwächer zu machen, der hat wirklich nichts verstanden. Der Aufstieg der Rechten ist ein weltweites Phänomen, selbst in traditionell liberalen Ländern wie Finnland oder Schweden gibt es starke rechte Parteien, in Italien und Ungarn regieren rechte Politiker, und in den USA ist jemand Präsident geworden, gegen den die AfD-Politiker hierzulande fast niedlich wirken.

Mit Podien hat all das nichts zu tun. Viele Menschen haben einfach Angst vor wirtschaftlichem Abstieg, vor Veränderungen und vor Fremden. Hinzu kommt die allgemeine Verunsicherung angesichts der vielen neuen Bedrohungen und eine geschickte rechte Propaganda. Eine Rolle gespielt hat sicher auch, dass linke Parteien das Gespür für die Stimmung ihrer alten Klientel verloren haben. Soziologen wie Didier Eribon oder Eva Illouz haben das für Frankreich und Israel gut analysiert.

Absurd ist jedenfalls das Argument, mit der Einladung zu einem Podium trage man zur „Normalisierung“ der AfD bei. Die AfD ist längst normal, sie repräsentiert ein Fünftel der Wähler, es macht keinen Sinn, dies zu ignorieren. Dass „über 90 Prozent der Tübinger/innen“ kein Interesse daran hätten, die AfD bei einem Podium zu sehen, wie die Antifa auf ihrem Flugblatt behauptet, ist eine durch nichts belegte These. Wenn es so wäre, hätte man das Podium nicht blockieren müssen. So aber hat eine selbstgerechte Antifa ohne Not eine Menge Leute verärgert, die sicher keine Fans der AfD sind, die es aber nicht mögen, wenn Menschen ihnen ohne jegliche Legitimation vorschreiben, was sie anhören dürfen und was nicht. So etwas möchte man  gerne selbst entscheiden. Immerhin leben wir nicht in einem faschistischen Staat.

Ein TAGBLATT-Podium ist auch kein AfD-Parteitag. Seit acht Jahren lädt das TAGBLATT Vertreter der Partei zu Podien ein, noch nie haben wir, wie die Blockierer behaupten, „der AfD eine Plattform geboten, rassistische Hetze zu verbreiten“. Die Podien haben die Zahl der AfD-Wähler in Tübingen vermutlich nicht verringert, aber ganz sicher nicht erhöht. Das gilt auch für den Auftritt von Daniel Winkler, der am Dienstag keine Hetze verbreitete, sondern nach dem Eindruck vieler Zuschauer eher etwas kläglich rüberkam.

Um es klarzustellen: Das TAGBLATT begrüßt es, wenn gegen Rassismus und rechte Hetze demonstriert wird. Aber andere Leute zu bevormunden, ihnen den Weg zu versperren, sie niederzubrüllen und Gespräche zu verweigern, das geht gar nicht.