TAGBLATT-Wahlpodium in Tübingen: 300 blockieren Zugang zum Kino Museum – im Saal wird trotzdem diskutiert

Vor dem Eingang zum Kino Museum zerren Polizisten und Demonstrierende an einem Protestbanner.
Carolin Albers- 300 Demonstrierende blockieren Kino in Tübingen, verzögern TAGBLATT-Wahlpodium.
- Protest gegen AfD-Teilnahme, Polizei konnte Blockade nicht verhindern.
- Keine Verletzten, aber Verkehr beeinträchtigt, Busse umgeleitet.
- Kandidaten der CDU und Linken durch Hintereingang; Diskussion begann verspätet.
- Bürgermeister Palmer kritisiert "antidemokratische" Blockade auf Facebook.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Pünktlich zur geplanten Saal-Öffnung um 18.30 Uhr war der Haupteingang: dicht. Abgesperrt von rund 300 Protestierenden und einer etwa 20-köpfigen Polizeikette. Nur etwa 80 Interessierte gelangten auf Schleichwegen in den großen Kinosaal, andere drehten frustriert ab. Das Wahlpodium des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs konnte dann doch noch beginnen, etwas verspätet und vor spärlich gefülltem Saal. "Es macht mich traurig, dass der demokratische Diskurs auf diese Weise beeinträchtigt wird", sagte TAGBLATT-Geschäftsführer Tim Hager über die Blockade.
Auf 18 Uhr hatte ein Bündnis "Gemeinsam und Solidarisch gegen Rechts" zu einer Kundgebung aufgerufen. Der Protest richtete sich gegen die Teilnahme des AfD-Kandidaten Daniel Winkler aus Hechingen. Gut 300 Leute hatten sich an der Bushaltestelle beim Schimpfeck versammelt, mit handgemalten Schildern gegen die AfD, mit Transparenten und roten Antifa-Fahnen. Es war eine bunte Menge, junge Antifas und grauhaarige "Omas gegen Rechts". Der Busverkehr lief weiter, der Kinobetrieb auf der anderen Straßenseite auch.
Demonstranten: „Entzaubern“ klappt nicht
Bündnis-Sprecherin Mai Schäffer hielt eine Rede. "Wir protestieren nicht gegen das Podium an sich, sondern allein gegen die Einladung der AfD", sagte sie. Die Vorstellung, man könne "die in Teilen faschistische AfD" durch solche pluralistischen Debatten "entzaubern", sei ein Irrtum. Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt, dass "solche Veranstaltungen rechte Positionen salonfähig machen".
Noch bevor Schäffer zu Ende gesprochen hatte, zündete jemand im nahegelegenen "Bota" mehrere Böller. Und per Megafon rief jemand auf, jetzt schnell die Straße zu überqueren und die auf 19 Uhr geplante Veranstaltung zu blockieren. Innerhalb weniger Sekunden war der Haupteingang zum Kino Museum dicht.
Keine Verletzten
Die Polizei schien überrumpelt. Knapp 20 Beamte kamen vom Parkhaus her angerannt und drängten die vorderste Reihe der Demonstrierenden von den Eingangsstufen zurück. Kurzes Gerangel, Wortgefechte, Sprechchöre. Einige Polizisten zogen ihre Schlagstöcke, aber insgesamt blieb die Lage stabil. Es gab keine Verletzten und keine Festnahmen. Die Beamten ließen noch ein paar Leute durch. Dann bat Fabrizio Sanfilippo vom Kino Museum, niemanden mehr durchzulassen, "damit drinnen die Lage nicht ausartet".

Laute Sprechchöre gegen die AfD. Das Kino, aber auch der Verkehr in der Straße Stadtgraben ist für anderthalb Stunden blockiert.
Carolin AlbersAnfangs fuhren sogar noch einige Busse hinter den Rücken der Demonstrierenden, aber schließlich sperrte die Polizei aus Sicherheitsgründen auch den Verkehr im Stadtgraben. Für anderthalb Stunden wurden die Busse in Richtung Bahnhof durch den Schlossbergtunnel umgeleitet, viele Fahrten fielen ganz aus.
CDU-Kandidat Christoph Naser irrte kurz durch die Menge. "Zu mir waren sie ja nett", sagte er dem TAGBLATT. "Aber was mich ärgert: Dass freie Bürgerinnen und Bürger daran gehindert werden, sich eine Meinung zu bilden." Er gelangte durch einen Hintereingang ins Gebäude. Ebenso wie der Linken-Kandidat Ralf Jaster, der sich aber mit der Blockade solidarisierte. "Ich halte es für falsch, den Vertreter der AfD hier einzuladen. Das trägt zur Normalisierung einer faschistischen Partei bei. Ich komme aber trotzdem, weil als Linker denen den Platz auf dem Podium zu überlassen, wäre falsch."

Am Stehtisch befragen die TAGBLATT-Redakteurin Miri Watson (links) und ihr Kollege Ulrich Janßen (rechts) verschiedene Kandidaten-Paare, in diesem Fall Christoph Naser (CDU) zweiter von links und Ralf Jaster (Linke).
Carolin AlbersPalmer: "Antidemokraten von links"
Auch Oberbürgermeister Boris Palmer tauchte kurz auf: Er hatte um 20 Uhr in den Oberen Sälen des Museums (der Eingang dazu war frei) eine gemeinsame Gesprächsveranstaltung mit dem früheren Spiegel-Reporter Hasnain Kazim. Auf Facebook postete Palmer sogleich: "Antidemokraten von Links verhindern Podiumsdiskussion" über die Podiumsdiskussion, die kurz darauf begann. "Die Polizei hat sich gegen eine Räumung entschieden. Die notwendigen Einsatzkräfte stehen kurzfristig nicht zur Verfügung." Kazim wiederum sagte oben im Saal: "Ich hätte auch demonstriert. Ich finde es nicht gut, dass das (das Auftreten der AfD) normalisiert wird. Aber ich möchte auch nicht anderen Leuten den Zugang versperren." Das 250-köpfige Publikum der Lesung applaudierte.
Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Demonstrierenden bereits gemeinsam abgezogen, in Richtung Bahnhof, Parolen rufend und ohne Polizei-Eskorte. Etwa 50 Leute harrten noch vor dem Eingang aus, aber die Polizei ließ weiterhin niemanden mehr hinein. Der für 20.15 Uhr geplante Film "Maria" wurde abgesetzt.
Drinnen hatte die Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl längst begonnen, es ging um Themen wie Asylrecht, den Schindhau-Basistunnel und Gewalt gegen Frauen. Bis zu 400 Leute schalteten sich von zuhause aus in den TAGBLATT-Livestream ein (weiterer Bericht folgt).
Das sagen Kandidaten zu der Blockadeaktion
Florian Zarnetta (SPD): „Protest gegen die AfD ist immer in Ordnung, aber hier das Podium zu blockieren hilft der Sache nicht.“
Asli Kücük (Grüne): „Angemeldeter Protest ist okay. Aber den Zugang zu einer politischen Informationsveranstaltung zu verhindern, ist nicht in Ordnung. Jeder hat das Recht, da hinzugehen.“
Julian Grünke (FDP): „Das ist eine einzige AfD-Werbeaktion. Wir müssen auch Meinungen aushalten, die an die Grenze dessen gehen, was wir ertragen können. Und jede Diskussion, bei der der AfD-Kandidat bislang dabei war, hat seine Wahlchancen gesenkt. In solchen Formaten kann die AfD ihre Themen nicht setzen.“

