„Hier sind wir zu Hause“ in Braunsbach
: Ein Rückzugsort für bedrohte Tierarten

Das unzugängliche Grimmbachtal südlich von Braunsbach steht seit der Sturzflut vor zehn Jahren im Fokus von Naturschützern und Flurneuordnungsamt.
Von
Gottfried Mahling
Braunsbach
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Umweltschützer plädieren für die Ausweisung neuer Flächen. Besonders bedroht und schützenswert scheint das Grimmbachtal.

Vor einigen Jahren war es leichter als heute möglich, das einer Hochgebirgslandschaft ähnelnde Grimmbachtal zu Fuß zu erkunden. Mittlerweile hat sich die Natur große Teile der Geröllflächen zurückerobert.

Archiv/Gottfried Mahling
  • Grimmbachtal: Nach der Sturzflut am 29. Mai 2016 veränderten Bach und Tal ihr Gesicht.
  • Aue wurde stark verbreitert, Oberboden fehlt auf vier Kilometern – Wälder und Wiesen weggespült.
  • Heute einzigartiges Biotop mit bedrohten Arten; Waldweide soll halboffene Bereiche erhalten.
  • Flurneuordnung statt Schutzgebiet gestartet, um Eigentum, Nutzung und Wege neu zu regeln.
  • Verfahren dauert länger und wird teurer: Baukosten nun zwei Millionen Euro, Gesamtkosten 2,5 Mio.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Orlacher Bach erreicht am 29. Mai 2016 bundesweite Bekanntheit, als er bei der verheerenden Sturzflut die Braunsbacher Ortsmitte zerstörte. Womöglich noch mehr Schlamm und Geröll riss der rund anderthalb Kilometer südlich in den Kocher mündende Grimmbach mit sich. Entscheidender Unterschied: Weder am Verlauf, noch an der Mündung des Grimmbachs befindet sich eine Wohnsiedlung.

Die Auswirkungen der entfesselten Naturgewalten vom 29. Mai 2016 sind dennoch immens. Der Grimmbach hat seinen Lauf und das Tal sein Aussehen völlig verändert. Einst schmal und dunkel, ist es nun um ein Vielfaches breiter. Auf einer Strecke von vier Kilometern befindet sich im ehemals überwiegend bewaldeten Bereich der Grimmbachaue kein Oberboden mehr. Angrenzende Bäume wurden ebenso wie Grünland von den Wassermassen mitgerissen, die Standorte vom Bach zum Teil als neues Bett beansprucht. Die neu entstandene Landschaft ist für die Hohenlohe-Region einzigartig. NABU-Landesvorsitzender Johannes Enssle verglich das Grimmbachtal direkt nach der Sturzflut 2016 mit einer Gebirgsbach-Landschaft in den Alpen.

Nun, zehn Jahre später, hat sich das Landschaftsbild erneut gewandelt. „Der von der Hochwasserwelle entwaldete Auenbereich mit seinen besonnten Schotterfluren –  in der Art nur aus dem Gebirgsraum bekannt – war ein außergewöhnliches Biotop“, schreibt Martin Zorzi, Leiter des Umweltzentrums Schwäbisch Hall. Inzwischen sei im Grimmbachtal wieder viel Gebüsch emporgekommen und Wildnis entstanden. Durch ein lang diskutiertes Waldweideprojekt soll dort nun ein halboffener Charakter und damit Teile der Schotterflächen erhalten werden.

In Sachen Artenvielfalt sucht das Grimmbachtal heute seinesgleichen. Schlingnatter, Großer Feuerfalter, Mopsfledermaus, Nymphenfledermaus, Grauspecht, Halsbandschnäpper und Eisvogel sind nur eine Auswahl der zahlreichen im Grimmbachtal vorkommenden bedrohten beziehungsweise streng geschützten Arten. „Insbesondere aufgrund des Bestandes an Fledermäusen ist der Grimmbachwald laut Gutachter ein Gebiet von landesweiter Bedeutung. Davon haben wir im Landkreis wirklich nicht viele“, betont Martin Zorzi.

Ginge es nach ihm und anderen Artenschützern, dann wäre das Grimmbachtal direkt nach der Sturzflut 2016 unter Schutz gestellt worden. Das Land hätte dann die entsprechenden Flächen aufgekauft beziehungsweise den Waldbesitzern die Weiterbewirtschaftung untersagt.  Doch es kam anders. Auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters Frank Harsch wurde ein Flurneuordnungsverfahren in Gang gesetzt, das die Eigentumsverhältnisse auf rund 200 Hektar Fläche neu regeln soll. Durch die Sturzflut waren viele einst forstwirtschaftlich genutzte Grundstücke unbrauchbar geworden. Durch Flächentausche, Übereinkünfte oder Landabfindungsverzichte sollen beim Flurneuordnungsverfahren die Eigentumsverhältnisse neu und sinnvoll geregelt werden und zudem neue Erschließungswege und Holzrückegassen angelegt werden. Dabei gilt der Grundsatz: Nicht mehr bewirtschaftbare Grundstücke der Natur überlassen, wirtschaftlich rentable Grundstücke in der Bewirtschaftung halten.

Kosten deutlich höher als erhofft

Bei der Aufklärungsversammlung im Juli 2018 gingen die Vertreter des Flurneuordnungsamtes noch von einem Abschluss des Verfahrens im Jahr 2023 aus. Doch das zähe Verfahren zieht sich in die Länge. Eventuell 2028 oder 2029 sollen die neuen Wege und Grundstücke in neuen Grenzen genutzt werden können, wagte Flurneuordnungsamts-Mitarbeiterin Julia Gruber bei einer Infoveranstaltung Anfang Juli in Geislingen eine vorsichtige Prognose. Nicht nur die Dauer des Flurneuordnungsverfahrens, sondern auch die Kosten übertreffen die ursprüngliche Prognose mittlerweile deutlich. Ging man 2018 noch von 760.000 Euro Baukosten aus, werden diese mittlerweile auf zwei Millionen Euro geschätzt und die Gesamtkosten des Flurneuordnungsverfahrens sogar auf 2,5 Millionen Euro. Von dieser Summe müssen die 134 Grundstückseigentümer aufgrund diverser Zuschüsse im Idealfall nur elf Prozent selbst tragen. Den Großteil der Kosten übernimmt das Land. Zudem stellte Braunsbachs Bürgermeister David Beck bei der Infoveranstaltung in Aussicht, dass sich die Gemeinde Braunsbach mit 100.000 Euro, verteilt auf fünf Jahre, am Flurneuordnungsverfahren beteiligt – sofern der Gemeinderat dem zustimmt.

Trotz der hohen Zuschüsse müssen die 134 Grundstückseigentümer gemeinsam einen beträchtlichen sechsstelligen Betrag selbst bezahlen. Im Laufe des Verfahrens hatten sich viele Beteiligte dafür eingesetzt, dass das Wegenetz nicht grundlegend modernisiert wird. „Die Standards wurden herabgesetzt, sonst wären wir bei vier Millionen Euro herausgekommen“, sagte Julia Gruber. Dennoch müssen die Grundstückseigentümer tief in die Tasche greifen. Im nördlichen Teil des Flurneuordnungsgebiets werden im Schnitt 1000 Euro pro Hek­tar fällig, im südlichen Teil 2000 Euro. Mehrere Waldbesitzer machten ihrem Unmut darüber bei der Infoveranstaltung in Geislingen Luft.

Nach wie vor steht das Angebot der Gemeinde Braunsbach, wirtschaftlich unrentable Flächen direkt am Grimmbach für einen Euro pro Quadratmeter aufzukaufen. 20 Grundstückseigentümer haben von dem Angebot bereits Gebrauch gemacht und insgesamt 9,44 Hektar an die Gemeinde abgetreten.

Noch viele Gespräche werden nötig sein, um das Flurneuordnungsverfahren zum Abschluss zu bringen. Martin Zorzi bewertet es aus Naturschützer-Perspektive positiv: „Von den vielen Flurneuordnungsverfahren, bei denen das Umweltzentrum in den letzten Jahrzehnten mitgewirkt hat, war und ist jenes am Grimmbach sicher eines der anspruchsvollsten: Es mussten Belange der Land- und Forstwirtschaft genauso unter einen Hut gebracht werden wie von Natur- und Gewässerschutz. Trotz dieser Herausforderungen wurden aufgrund der konstruktiven Haltung aller Beteiligten auch für den Naturschutz gute Lösungen gefunden – wobei wir im Verfahren selbstverständlich auch Kompromisse eingehen mussten.“

Bewerten Sie die Gemeinde Braunsbach

Beteiligen Sie sich an der Aktion „Hier sind wir zu Hause“ und vergeben Sie Schulnoten für die Gemeinde. Das ist online möglich, unter www.swp.de/hallertagblatt/umfrage. Zudem haben Sie am Donnerstag (23. Juli) beim HT-Leserfest (Beginn 18 Uhr) auf dem Marktplatz noch einmal Gelegenheit, anonym Ihre Noten zu vergeben. Die Ergebnisse der Befragung werden anschließend im Haller Tagblatt veröffentlicht.