Rechtsextremismus in Herboldshausen
: Unsere Autoren gewinnen Otto-Brenner-Preis 2024

Für ihre Berichterstattung über rechtsextreme Umtriebe im Jugendheim Hohenlohe werden Jens Sitarek, Harald Zigan und Timo Büchner vom HOHENLOHER TAGBLATT, einer Lokalausgabe der SÜDWEST PRESSE, ausgezeichnet.
Von
swp
Crailsheim/Kirchberg/Frankfurt
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Mahnwache vor dem Jugendheim Hohenlohe in Herboldshausen: Rund 300 Menschen demonstrieren beim zweiten Aktionstag vom Kirchberger Bündnis im Juni dieses Jahres Geschlossenheit.

Sebastian Unbehauen

In den 20 Jahren, die es den renommierten Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus gibt, ist es eine Seltenheit, dass eine Lokalzeitung zu den Gewinnern zählt. In diesem Jahr geht der mit 3000 Euro dotierte 3. Preis der Otto-Brenner-Stiftung an Jens Sitarek, Harald Zigan und Timo Büchner, die im HOHENLOHER TAGBLATT über das Jugendheim Hohenlohe berichtet haben. Das alte Bauernhaus im Kirchberger Teilort Herboldshausen fungiert als Vernetzungszentrum der extremen Rechten. Dort geben sich Feinde der Demokratie die Türklinke in die Hand.

Die Jury würdigt damit „die kenntnisreiche und kontinuierliche Berichterstattung über rechtsextreme Umtriebe im sogenannten Jugendheim Hohenlohe“, heißt es in einer Pressemitteilung der Otto-Brenner-Stiftung (OBS). Das Gebäude, ein altes Bauernhaus, gehört seit Anfang der 1970er-Jahre dem antisemitischen und rassistischen Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff), der es Neonazis und Völkischen aus Südwestdeutschland zur Verfügung stellt. Die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen reisen aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich nach Hohenlohe.

„Effektiver und exemplarischer Lokaljournalismus“

Aus Sicht der Jury gelingt dem Lokalreporter-Team ein „effektiver und exemplarischer Lokaljournalismus“, der Beobachtungen vor Ort mit „Hintergrundwissen über die Strukturen und die Ideologie der Betreiber verbindet“, schreibt die OBS weiter. Der Ton der Autoren wird von der Jury als „sachlich“ gelobt, Kommentar und Bericht werden sauber getrennt. Die Berichterstattung im HOHENLOHER TAGBLATT, das zur SÜDWEST PRESSE gehört, schuf die Grundlage dafür, dass sich Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine 2023 zum Kirchberger Bündnis zusammenschlossen, um gegen die Aktivitäten des Bundes für Gotterkenntnis zu protestieren.

Jens Sitarek, 48 Jahre alt, arbeitet seit 2014 als Redakteur und Reporter fürs HOHENLOHER TAGBLATT mit Sitz in Crailsheim. Für seine journalistische Arbeit wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Harald Zigan, 66, verließ im Sommer 2020 nach mehr als 42 Jahren die Redaktion. Bereits in den 1980er-Jahren veröffentlichte er Artikel über den Bund für Gotterkenntnis. Im Ruhestand ist Zigan weiter als freier Mitarbeiter fürs HT tätig. Dritter im Bunde ist der freie Journalist Timo Büchner, 32, der sich auch als Buchautor einen Namen gemacht hat und bundesweit als Vortragsredner gefragt ist.

Im Visier der Sicherheitsbehörden

Zu den Veranstaltungen in Herboldshausen, über die Sitarek, Zigan und Büchner berichteten, gehörten beispielsweise ein Gemeinschaftstag der Jungen Nationalisten, ein „Thing der Titanen“, ein „Aktivistenwochenende“ der Identitären Bewegung, ein Winterlager vom Sturmvogel, eine „Stützpunktgründung Baden-Württemberg“ der Jungen Nationalisten sowie vermutlich ein Neonazi-Konzert mit der Gruppe Kategorie C. Davor, dazwischen und danach traf sich der Bund für Gotterkenntnis immer wieder. Manchmal mit dabei: Mitglieder der inzwischen verbotenen neonazistischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“.

Im Gemeinderat der Stadt Kirchberg wurde das Herboldshausen-Thema schon mal heftig diskutiert, dabei gab es Kritik am damaligen Bürgermeister und von diesem eine Presseschelte. Zu einem Übergriff vor dem Jugendheim kam es auch. Mittlerweile haben die Sicherheitsbehörden den Bund für Gotterkenntnis auf dem Schirm. Erstmals erwähnte das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg den Verein und dessen Immobilie im Jahresbericht 2022 (veröffentlicht 2023).

„Die Zeit“, „Stern investigativ“, Wallraff – und das HT

Den 1. Preis der Otto-Brenner-Stiftung (10.000 Euro) erhält Christian Schweppe für seinen Beitrag „Wahnsinn. Eine Riesenscheiße“, erschienen am 4. Januar 2024 in der „Zeit“. Dabei handelt es sich um einen „Investigativreport über das deutsche Kabul-Desaster“, wie es in der Pressemitteilung heißt. „Vertuschen, verschweigen, verstecken – das war in den Augen der Jury die Strategie der letzten Regierung Merkel nach ihrem Versagen während des Sturms der Taliban auf Kabul im August 2021.“ Schweppe habe „mit unendlicher Akribie“ neun Monate lang Hunderte von Aktenvermerken, E-Mails und Protokollen ausgewertet und sei in vielen Gesprächsstunden mit Insidern „dem kollektiven Versagen aller Verantwortlichen“ nachgegangen.

Der 2. Preis (5000 Euro) geht an das „Stern-Investigativ“-Team um Christian Esser, Manka Heise und Tina Kaiser für ihre Recherche zur neuen Fabrik des E-Autobauers Tesla im brandenburgischen Grünheide. Das 16-köpfige Team habe für seine „investigative Tiefenbohrung im schillernden Reich des Elon Musks“ ein Jahr lang hartnäckig recherchiert, verschleierte Vorfälle rekonstruiert, die Vorgänge dokumentiert und so „das Bild einer verantwortungslosen kapitalistischen Unternehmung“ gezeichnet. Die Jury lobt auch die multimediale Aufbereitung mit einem Fernsehbeitrag auf RTL, einer Magazinstory im Stern, umfangreicher Begleitberichterstattung auf stern.de und einem Podcast.

Neben den begehrten Otto-Brenner-Preisen werden ein Newcomerpreis, ein Medienprojektpreis und drei Recherche-Stipendien vergeben. Zudem geht die „Besondere Auszeichnung“ in diesem Jahr an den legendären Investigativjournalisten Günter Wallraff für sein Lebenswerk. Die Preisverleihung findet am 12. November in Berlin statt.

Mehr als 560 Bewerbungen für Otto-Brenner-Preis

Die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) vergibt den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus in diesem Jahr zum 20. Mal. Prämiert werden journalistische Arbeiten, die das Motto der Ausschreibung „Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“ beispielhaft umgesetzt haben. Aus mehr als 560 Bewerbungen wählte die Jury Mitte September in Frankfurt am Main die Preisträgerinnen und Preisträger in fünf Kategorien aus. Das Preisgeld beträgt insgesamt 47.000 Euro. Jurymitglieder sind die freie Journalistin und Medienexpertin Brigitte Baetz (u. a. Deutschlandfunk), Korrespondentin Nicole Diekmann (ZDF-Hauptstadtstudio Berlin), Prof. Dr. Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus), Henriette Löwisch (Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München, DJS), Prof. Dr. Heribert Prantl (Kolumnist und Autor, „Süddeutsche Zeitung“), Harald Schumann (Mitbegründer Investigate Europe, Redakteur für besondere Aufgaben, „Der Tagesspiegel“) sowie Christiane Benner (Vorsitzende der IG Metall und OBS-Verwaltungsratsvorsitzende). Weitere Informationen zu den prämierten Beiträgen, zu den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern, den Jury-Mitgliedern und allen Gewinnerinnen und Gewinnern seit 2005 finden sich unter www.otto-brenner-preis.de.

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Der 3. Preis für kritischen Journalismus der Otto-Brenner-Stiftung geht in diesem Jahr an Jens Sitarek, Harald Zigan und Timo Büchner vom Hohenloher Tagblatt.

Jan Burzinski/Otto-Brenner-Stiftung