Holger Fischer sitzt an seinem wuchtigen Wohnzimmer-Tisch aus Holz. Auf dem Tisch stehen Kekse, in seiner Tasse dampft Kaffee, draußen sind Schulkinder unterwegs. Der 60-Jährige lehnt sich in seinem Stuhl zurück und denkt nach. Stress ist kein guter Ratgeber, sagt Fischer. Er setzt auf die richtige Balance. Bei sich selbst – und bei seinen Klienten ohnehin. Der Balinger Coach hilft Spitzensportlern dabei, ihre Ziele zu erreichen: Tennis-Ass Angelique Kerber, Bundesliga-Fußballer Daniel Caligiuri, Dressurreiter Benjamin Werndl. Von seinen Tipps können nicht nur Topathleten profitieren, betont der Coach. Sondern auch Zeitungsleser, die sich für 2023 viel vorgenommen haben.

Sind Neujahrsvorsätze zum Scheitern verurteilt, Herr Fischer?

Holger Fischer: Auf keinen Fall. Man muss nur wissen, wie man sie nachhaltig umsetzt. Wie das funktioniert, wissen allerdings nicht viele. Rund 80 Prozent scheitern mit ihren Plänen.

Warum ist das so?

Die meisten Menschen wollen zu schnell zu viel. Sie starten mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst, können diese aber nicht lange aufrecht halten. Irgendwann brechen sie ein und verfallen in alte Routinen. Dann sind die guten Vorsätze passé.

Nennen Sie ein Beispiel.

Der Klassiker sind Leute, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Wer eine Schachtel am Tag konsumiert und dann glaubt, morgen komplett damit aufhören zu können, wird schnell von der Realität eingeholt. Die Person sollte sich zunächst fragen, warum sie raucht. Will sie damit Stress kompensieren? Und wenn ja: Was kann sie tun, damit der Stress weniger wird? So kann man die Ursachen für die schlechte Angewohnheit angehen. In jedem Fall ist es wichtig, mit realistischen Zwischenzielen zu arbeiten. Statt 20 Zigaretten am Tag nur noch 15 – und so weiter.

Auch Abnehmen ist ein verbreiteter Neujahrsvorsatz. Welche Tipps können Sie geben?

Wichtig ist, sich zu fragen, weshalb man unzufrieden mit dem Status quo ist. Warum hat man in der Vergangenheit eigentlich zugenommen? Sich damit auseinanderzusetzen und es sich einzugestehen, ist zwar unangenehm, aber zielführend. Zudem reicht es nicht, zu sagen: Ich möchte zehn Kilo abnehmen, damit ich es künftig vermeiden kann, mich schlecht zu fühlen. Vermeidung schafft wenig Motivation. Es geht darum, das Ziel positiv zu belegen, etwa mit einer konkreten Vorstellung. Dann könnte man sagen: Ich will zehn Kilo abnehmen, damit ich im Sommer eine tolle Radtour in den Alpen machen kann. Dieses Ziel zu visualisieren, es sich vorzustellen, wie man in die Pedale tritt, kann sehr motivierend wirken. Auch hierbei ist es wichtig, mit kleinen Zwischenzielen zu arbeiten. 500 Gramm in drei Wochen abnehmen und dann weitermachen.

Was ist, wenn man sein Zwischenziel mal nicht erreicht?

Das kann natürlich mal vorkommen. Dann ist es ratsam, sich nicht selbst zu verurteilen, sondern die Situation so anzunehmen. Das Leben geht weiter, das Ziel ist nach wie vor erreichbar. Also abhaken, dranbleiben und wieder sein Bestes geben.

Der innere Schweinehund ist beim Sport bekanntlich stark. Was tun, wenn er zu stark wird?

Wer nachhaltig abnehmen möchte, braucht einen abwechslungsreichen Trainingsplan. Zu viel Routine wird schnell langweilig. Man sollte immer wieder neue Reize setzen. Mal ins Fitnessstudio, mal raus zum Joggen, mal Yoga, mal einen Spaziergang unternehmen. Dieses Konzept lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

Sollte man die Fortschritte dokumentieren?

In den meisten Fällen ist es zielführend, wenn man sich das, was bereits geschafft ist, vergegenwärtigt. Es löst positive Gefühle aus, die einem helfen, weiterzumachen. Man kann sich die Fortschritte notieren oder im Smartphone einspeichern. Wobei man aufpassen sollte: Das Handy ist auch ein großer, ein sehr großer Ablenkungsfaktor.

Wie meinen Sie das?

In einer digitalisierten Welt ist das Smartphone nicht mehr wegzudenken. Wir telefonieren, schreiben uns damit Nachrichten, geschäftliche E-Mails – und das ist auch völlig in Ordnung. In einem gesunden Maße. Doch wir schauen auch Videos, lassen uns unterhalten. Das kann schnell zu viel werden, gerade bei der jüngeren Generation. Mir ist die Auswertung eines Fußball-Bundesligateams bekannt. Es hat die durchschnittliche Bildschirmzeit der Spieler pro Tag berechnen lassen. Das Ergebnis: knapp acht Stunden. Bemerkenswert, nicht? Die müssen ja auch viel trainieren und dann kommen trotzdem diese Zahlen raus.

Nicht nur der ein oder andere Profifußballer hat solche Bildschirmzeiten am Smartphone vorzuweisen.

In der Tat (nickt). Das ist die Digitalisierung. Sie erleichtert und hilft uns im Alltag viel. Aber sie führt eben auch dazu, dass Stressoren zunehmen, dass sich viele Leute immer mehr getrieben und gehetzt fühlen und sie unzufriedener werden mit ihrem Leben, wenn bei den Stars und Sportlern in den sozialen Medien alles perfekt zu sein scheint. Eine weitere Folge sind fehlende zwischenmenschliche Kontakte, Kontakte im echten Leben. Die soziale Vereinsamung wird ein immer relevanteres Thema. Auch Depressionen, Angstzustände und Burn-out nehmen zu.

Können Coaches da helfen?

Es kommt immer auf den Einzelfall an. Ein guter Coach verspricht nicht das Blaue vom Himmel. Er kennt seine Grenzen und sagt auch, wenn es für einen Klienten sinnvoller ist, zum Psychotherapeuten zu gehen. Wenn lösungsorientierte Ansätze gefragt sind, können Coaches viel tun. Wichtig ist, dass die Chemie stimmt.

Die Branche boomt.

Das ist richtig. Trotzdem ist das Ganze zum Teil immer noch mit einem gesellschaftlichen Stigma belegt. Kaum einer spricht offen darüber, dass er sich coachen lässt. Ich habe einige Klienten, darunter sehr bekannte, die ich nicht auf meiner Referenz-Liste aufführe, weil sie das nicht möchten. Wir müssen gesellschaftlich davon wegkommen, den Gang zum Coach oder zum Psychotherapeuten mit Scham zu belegen. Vielmehr ist es ein positives Zeichen, dass ein Mensch Eigenverantwortung übernimmt, sich entwickeln und verbessern oder sich seinen Ängsten stellen möchte. Dafür braucht sich wirklich keiner schämen. Man ist eher Vorbild für andere.

Was haben Sie sich fürs neue Jahr vorgenommen?

Einiges (lächelt).

Und zwar?

Ich will beruflich so erfolgreich weitermachen wie bisher, eine neue Firma aufbauen und meine Hobbys pflegen. Ich mache Kampfsporttraining und spiele Golf. Gerade bei Letzterem ist mir wichtig, Maß zu halten und nicht zu oft zu spielen.

Warum?

Weil ich sonst zu viel will. Das gibt es eben auch: Leute, die dazu neigen, zu ehrgeizig oder gierig zu werden. Dazu zähle ich mich zum Teil auch. Es geht darum, Balance zu halten. Das macht glücklich.

Karriereweg: Vom Tennis zum Coaching

Zur Person Holger Fischer war 17 Jahre lang Tennisspieler und Trainer. Über den Sport kam er mit dem Thema Coaching in Berührung und arbeitete sich schließlich in die Materie ein. Heute berät Fischer nicht nur Spitzenathleten, sondern auch Unternehmer und Firmen. Mit seiner Familie lebt der 60-Jährige in Balingen, zu seinen Hobbys zählen Golf und Kampfsporttraining. Außerdem geht er gerne mit seinem Hund spazieren.