„All deine Lieben, alle, die jetzt gerne bei dir wären, aber nicht hier sein können, mögen dir verbunden sein in Liebe und Treue.“ So steht es im „Segen zum Abschied“, den Ulrike Erath und ihre Kolleginnen in eine Karte gedruckt haben. Auf deren Vorderseite sind zwei Hände zu sehen, die ein Kerzenlicht halten. „Viele Angehörige konnten nicht Abschied nehmen“, sagt Erath über das Sterben während der Coronapandemie. Die Karte sollte Trost spenden. Ärzte und das Pflegepersonal waren geschult worden, um den Segen zum Abschied eines Verstorbenen zu sprechen.
Während drei Pandemiejahren verloren 392 Menschen im Kreis wegen oder mit Corona ihr Leben (Stand 17.01.23). Viele dieser Menschen starben im Zollernalb Klinikum am Standort Balingen. Zu Beginn der Pandemie wurden dort bis auf die Gynäkologie alle Stationen mit Corona-Patienten belegt. Nicht-Corona-Fälle kamen an den Standort Albstadt-Ebingen. Doch auch dort steckten sich Menschen mit dem Virus an. Pastoralreferentin Ulrike Erath ist sei Januar 2018 Seelsorgerin im Zollernalb Klinikum am Standort Balingen. Gisela Pullwitt leitet das Krankenhauspfarramt am Standort Ebingen. Beide waren während der Pandemie als Seelsorgerinnen im Einsatz.

Seelsorge während Corona: Erzählt wird von der Familie

Ulrike Erath hatte 2020 einen Text für das Kirchenblatt geschrieben. Sein Titel: Sterben und Tod in Corona-Zeiten. Normalerweise kann die 61-Jährige für die Patienten da sein, auch für deren Angehörige. „Die Hauptaufgabe einer Seelsorgerin ist Zuhören. Und immer wieder die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt stellen“, sagt Erath. In solchen Gesprächen geht es dann um vieles, selten aber um die Krankheit. Erzählt wird von der Familie, diskutiert wird über die Kirche, und vielleicht mal über Hühnerzucht. Auch schweigen, eine Hand halten, gar gemeinsam beten – all dies zeichnet Seelsorge im Krankenhaus aus. Für Pfarrerin Gisela Pullwitt ist das auch so. „Normalerweise rufen mich die Angehörigen und bitten mich um seelischen Beistand“, sagt Pullwitt. „Dann salbe ich den Sterbenden, segne ihn und bete mit den Angehörigen. Das ist für die Angehörigen vielleicht sogar wichtiger als für den Sterbenden, denn im Sterbeprozess braucht er mich nicht.“ Sie ist sich aber sicher, dass der Sterbende alles hört, was um ihn herum geschieht. „Oft erzählen die Angehörigen von ihrem Leben und sagen, wovor sie sich jetzt fürchten.“ Die Krankenhauspfarrerin erklärt dann, wie dem Sterbenden geholfen werden könne, damit er leichter über die Schwelle geht. „Es sind simple Sachen: Ihn nicht festhalten und ihm die Erlaubnis geben, dass er jetzt gehen könne. Man kann etwas vorlesen oder jene Lieder singen, die der Sterbende mochte.“
Während der Coronapandemie und den Einschränkungen an beiden Standorten des Zollernalb Klinikums ging das nicht. Es waren keine Besuche im Krankenhaus mehr möglich. „Die Patienten waren hier ganz alleine“, sagt Erath. „Das hat für uns zur Folge gehabt, dass wir versuchten, an sieben Tagen der Woche für die Menschen da zu sein.“ Außer den Ärzten und dem Pflegepersonal waren die Seelsorgerinnen lange die einzigen, die Zugang zu den Patienten bekamen.

Kontakt zu den Liebsten: Die Arbeit der Seelsorge im Zollernalb Klinikum

Trotz des Risikos, sich selbst anzustecken, entschieden Erath und ihre beiden Kolleginnen in Balingen sich dafür, die Menschen zu besuchen. Sie wollten den Kontakt zwischen den Infizierten und ihren Angehörigen halten. „Angehörige haben mir per Mail Fotos geschickt, die ich dann daheim ausgedruckt, ins Krankenzimmer gebracht und dort aufgehängt habe“, sagt Erath. „Damit die Patienten ihre Lieben daheim sehen.“ Als Pastoralreferentin der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist die Seelsorge im Krankenhaus eigentlich nur ein Teil ihrer Arbeit. Anders zu Corona-Zeiten: „Ich war 100 Prozent nur noch im Krankenhaus.“ Um für die Patienten, aber auch um für das Klinikpersonal da zu sein. „Auch für sie war das eine neue Situation, sie standen unter einem großen Druck.“
Viele Patienten starben an Covid-19. Dem Angehörigen keinen Beistand leisten zu können – damit umzugehen, war für viele Menschen schwierig, berichtet Erath. „Ich habe eine Frau begleitet, deren Mutter hier verstorben war.“ Deren Vorstellung vom Tod der Mutter: Sie sei jämmerlich erstickt. „Das hat sie wirklich gequält“, sagt Erath. Die Frau bat sie herauszufinden, wie die Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes ausgesehen habe. „Ich habe mich auf die Suche gemacht, bis ich jemanden gefunden habe, der die Dame betreut und gepflegt hatte.“ Es gelang ihr, und die Pflegerin erinnerte sich. „Sie sagte, das Gesicht sei entspannt gewesen“, sagt Erath. „Das habe ich dann an die Tochter weitergeben können.“
Durch Erfahrungen wie diese boten die Seelsorgerinnen in Balingen fortan an, für die Angehörigen Fotos der Verstorbenen zu machen. Damit diese wussten: Der Vater, die Mutter, der Bruder, die Schwester ist gestorben. „Du musst den Tod ja auch ein Stück weit begreifen“, sagt Erath. Viele seien dankbar dafür gewesen.
Seelsorgerin Gisela Pullwitt verstand sich während der Zugangsbeschränkungen als Stellvertreterin der Angehörigen. Seit 2008 ist die 62-jährige Krankenhauspfarrerin im Zollernalb Klinikum am Standort Albstadt-Ebingen. Von dem Gemeindepfarramt ins Krankenhaus zu wechseln, sei das Beste, was sie je gemacht habe. „Weil ich unmittelbar am Menschen dran bin.“
Durch das Coronavirus konnte es diese Nähe aber nicht geben. „Ich habe schnell gemerkt, dass die Vermummungspflicht für die Sterbebegleitung schlecht ist“, sagt Pullwitt und meint damit die Schutzkleidung inklusive Haube und Maske, die auch sie als Seelsorgerin fortan in der Klinik tragen musste. „Eine Sterbebegleitung lebt davon, dass ich das Lächeln sehe, dass ich die Mimik sehe, dass ich den Händedruck spüre.“ Wie ein Alien sei sie sich manchmal vorgekommen, der einen Menschen anguckt und ihn eigentlich eher erschreckt, statt ihm zu helfen. „Es war eine unglückliche Zeit. Im Nachhinein denke ich, ich hätte mich mehr auf die Hinterfüße stellen müssen“, sagt Pullwitt. „Aber dann hätte ich mich eben selbst gefährdet. Und damals wussten wir alle noch viel zu wenig.“

Entwarnung geben: Worauf es bei der Seelsorge während Corona ankam

Oft riefen Angehörige an und baten Pullwitt, nach einem Patienten zu sehen. „Anfangs gab es ja Horrorvorstellungen, was Corona mit einem macht“, sagt Pullwitt. Nämlich, dass die Menschen zwangsbeatmet würden und fürchterlich litten. „Ich konnte dann oft Entwarnung geben und sagen, der Patient ist bei Bewusstsein, atmet ruhig und ich kann mit ihm sprechen. Es ist alles gut.“ Pullwitt machte auch Videoschalten zwischen Patienten und ihren Angehörigen möglich.
Gespräche mit dem Pflegepersonal gab es, wenn überhaupt, zwischen Tür und Angel. Eine Viertelstunde-Seelsorge nennt Pullwitt das und schmunzelt. Dabei habe es auch für das Personal ein forciertes Gesprächsangebot gegeben. „Es wurde aber kaum nachgefragt.“ Das habe ihr gezeigt, dass die Pflegekräfte wissen, was sie zu tun haben und wo ihre Grenzen liegen. „Wir waren da nicht nötig.“

Zahlen und Kontakt zur Seelsorge

Im Jahr 2020 starben laut Gesundheitsamt Zollernalbkreis 119 Menschen an und 22 mit Covid-19. Im Jahr 2021 waren es 115 an und 25 mit Corona Verstorbene, im vergangenen Jahr starben 41 an und 65 mit dem Virus (Stand: 09.01.23). Für das Jahr 2022 könnte es noch  zu Nachmeldungen kommen.
Wenn Sie seelsorgerischen Beistand benötigen, gibt es im Zollernalbkreis verschiedene Angebote. Das Seelsorge-Team des Zollernalb Klinikums Balingen erreichen Sie unter anderem über Ulrike Erath (Tel. 07433 5187). Pfarrerin Gisela Pullwitt vom Krankenhauspfarramt in Albstadt-Ebingen ist über Tel. 07431 4646 erreichbar.