Eine Frau liegt im Wachkoma, leidet an Spastiken, ist verkrampft und hat Probleme mit der Atmung, wird mit einer Trachealkanüle mit Luft versorgt. Sie ist Patientin des Albstädter Logopäden Patrick Beck. Zahlreiche Termine hatte er bei der Frau zu Hause, bis das Thema Hund aufkam. „Ihre Tochter meinte zu mir, bring ihn doch mal mit.“ Gemeint war Becks Hund Charly.
Der Logopäde lässt sich durch Charly in seiner Praxis immer mal wieder unterstützen. Nicht für jeden Patienten eigne sich jedoch eine tiergestützte Therapie, sagt Beck. „Manche lassen sich dadurch zu sehr ablenken.“ Außerdem ist dem 25-Jährigen wichtig, dass Charlys Bedürfnisse gedeckt sind. „Für mich steht an oberster Stelle das Tierwohl.“ Wenn er beispielsweise Ruhe braucht, dann wird er nicht zur Arbeit gezwungen.
Im Falle der Wachkoma-Patientin kam es Patrick Beck nicht in den Sinn, Charly miteinzubeziehen, bis zu besagtem Gespräch mit der Tochter. „Die Patientin hatte früher selbst Hunde gezüchtet.“ Während Beck nun also die Patientin behandelte, durfte sich Charly neben sie ins Bett legen. „Er lag einfach nur neben ihr und hat sie leicht am Arm berührt“, erinnert sich Beck. „Dann ging die Herzfrequenz der Frau runter, der Sauerstoffgehalt ging hoch und sie entspannte sich sichtlich.“
Es sind solche Momente, in denen sich Patrick Beck wieder neu in seinen Beruf als Logopäde verliebt und die ihn darin bestätigen, dass es richtig war, seit Eröffnung seiner Praxis 2020 auf Charly zu setzen. Die Ausbildung zum Therapiebegleithund hat der Dreijährige bereits abgeschlossen.

Hund Charly beruhigt die Patienten

Welche Wirkung der Labrador-Retriever haben kann, zeigte eine weitere Patientin: Für den Termin mit der SÜDWEST PRESSE kam Charly an seinem freien Tag mit in die Praxis. Dort traf er auf ein Mädchen mit Trisomie 21. „Sie ist bei mir in Behandlung wegen ihrem muskulärem Ungleichgewicht im Mundraum.“ Das liegt daran, dass sie sehr wenig spricht. Diese Patientin sah Charly das erste Mal, weil sie immer an seinem freien Tag in Behandlung ist. „Sie kam strahlend in die Praxis und sagte von sich aus: ‚Wow, du bist aber ein schöner Hund!‘“ Das würde sie sonst nie machen, erklärt Beck. Denn das Mädchen spricht normalerweise nicht, wenn sie nicht aufgefordert wird. „Während der Behandlung redete sie wie ein Wasserfall“, freut sich Patrick Beck.
Dabei ist die Therapie mit Hund im logopädischen Bereich noch relativ selten. Studien regen jedoch an, dass Menschen durch Streicheln von Tieren das Hormon Oxytocin ausstoßen. Das Hormon wird auch als Bindungshormon bezeichnet und erzeugt Zufriedenheit, Geborgenheit und Glücksgefühle.
Das hilft nicht nur den Patienten. „Die Angehörigen leiden oft mindestens genauso viel mit. Wenn dann ein Hund schwanzwedelnd herkommt und die Patienten begrüßt, strahlen die Menschen schon.“ Das nehme auch den Angehörigen so viel Leid. „Denn Krankheiten sind nie schön, für die Patienten nicht, aber auch nicht für die Angehörigen.“
In solchen Fällen reiche es, wenn Charly dabei ist. Doch der Labrador kann noch mehr. Er steht den Patienten wertfrei gegenüber, damit kann er auch das Vertrauen zum Therapeuten stärken. Das helfe Beck auch bei Patienten mit Autismus, bei denen die Kontaktaufnahme je nach Spektrum länger dauert.

„Manchen hilft er auch, wenn die Motivation flöten geht.“

Außerdem nutzt Beck Charlys Freude am Apportieren für seine Therapie. In der Albstädter Praxis gibt es beispielsweise Stangen, auf die Ringe draufgeworfen werden. Für jede Stange soll der Patient ein Geräusch machen. Charly hat dann die Aufgabe, den Ring zurückzubringen. „Manchen hilft er auch, wenn die Motivation flöten geht.“
Dabei war Beck zu Beginn gar nicht überzeugt: „In meinem Ausbildungspraktikum gab es ein Besuchshund und ich dachte zuerst, ein Hund in der Logopädie ist Blödsinn.“ Bis er den Hund bei einer Demenzgruppe in Aktion erlebte. Von da an wuchs auch in ihm der Wunsch nach einem Praxishund, den er sich inklusive Praxis 2020 in Ebingen erfüllte. Nun fehlt nur noch menschliche Unterstützung in Form von weiteren Logopäden.