Landtagswahl BW 2026
: Der unglaubliche Sieg des Cem Özdemir

Der Sieg der Grünen ist eine faustdicke Überraschung. Die grün-schwarze Koalition geht weiter – aber das Regieren wird nicht leichter.
Kommentar von
Ulrich Becker
Ulm
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Cem Ozdemir, top candidate of the Greens addresses supporters after exit polls were announced in the state elections on March 8, 2026 in Stuttgart, southern Germany. The German Greens have beaten Chancellor Friedrich Merz's conservative CDU in a state election seen as a test for the German leader, according to exit polls. (Photo by THOMAS KIENZLE / AFP) / ALTERNATE CROP

Hat die Grünen zum Sieg gebracht: Cem Özdemir.

THOMAS KIENZLE/AFP

Ganz gleich, ob man nun diesen Wahlausgang feiert oder nicht: Der Sieg von Cem Özdemir, dem Mann aus Bad Urach mit türkischen Wurzeln, ist schlichtweg eine Sensation. Vor einem halben Jahr vom dritten Platz aus hinter einer übermächtigen CDU und einer starken AfD gestartet, hat er auf der Zielgeraden die Villa Reitzenstein denkbar knapp erobert. Niemand hätte erwartet, dass die Grünen nahezu das Kretschmann-Ergebnis von 2021 erreichen würden.

Ist es jetzt Özdemirs Sieg? Oder eher die Schwäche seines Gegners? Beides spielte eine Rolle. Manuel Hagel hatte sich zu früh und ausschließlich auf die AfD als den entscheidenden Gegner festgelegt. Eine Aufholjagd der Grünen, im Land vor rund sechs Monaten in den Umfragen 14 Prozentpunkte hinter der CDU und im Bund ebenfalls schwach, schien undenkbar.

Cem Özdemir hat diese Strategie gekontert – indem er den Wahlkampf fast ausschließlich auf seine Person ausrichtete und seine Partei geradezu ausschloss. Die Grünen im Land seien die CSU in den eigenen Reihen, verkündete Özdemir, während er mit Boris Palmer politisch kuschelte. Mehr Antikurs gegen Berlin geht nicht.

Für das Land heißt das: Das alte Farbenspiel geht weiter – unter weitaus komplizierteren Vorzeichen als bisher. Da es zur grün-schwarzen Koalition keine Alternative gibt, wird sich bei diesem Kopf-an-Kopf-Ergebnis kein Partner dem anderen unterwerfen. Entsprechend zäh könnten die Verhandlungen in den kommenden Wochen werden.

SPD und FDP verzwergen sich weiter

Auch hinter den beiden großen Parteien gibt es faustdicke Überraschungen: Die AfD ist zwar mit Abstand die größte Oppositionspartei geworden, ihre hochgesteckten Ziele konnte sie allerdings nicht erreichen. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier verschwand in der letzten Woche vor den Wahlen in die USA. Den Urnengang in Baden-Württemberg nutzte der Rechtspopulist nur als Sprungbrett für bundespolitische Ambitionen, seine Zukunft sieht er in Berlin und nicht in Stuttgart. Das nimmt selbst die AfD-Wählerschaft übel.

Und sonst? SPD und FDP verzwergen sich weiter, für die Liberalen ist das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde in ihrem Stammland gleichbedeutend mit dem Untergang der Partei. Beide sind als politische Kräfte kaum noch wahrnehmbar. Im Sport wäre das Schicksal klar: Die Trainer müssen weg. Andreas Stoch und Hans-Ulrich Rülke haben diese Konsequenz noch am Wahlabend gezogen.

Landtagswahl 2026

Am 8. März 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Können die Grünen mit Cem Özdemir den zweiten grünen Ministerpräsidenten der Landesgeschichte stellen oder holt Manuel Hagel Baden-Württemberg für die CDU wieder zurück? Wie stehen die Chancen der anderen Parteien?

Infos, Hintergründe und Interviews zur Wahl finden Sie in unserer Übersicht.

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