Rückkehr der Atomkraft?: Staaten kündigen weltweit beschleunigten Ausbau an

Staats- und Regierungschefs von Ländern, die an der Kernenergie festhalten, haben bei einem Gipfeltreffen in Brüssel die globale Rolle der Atomkraft hervorgehoben. Die Konferenz wird von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der derzeitigen EU-Ratspräsidentschaft Belgien organisiert.
Stefan Puchner/dpaWeltweit sind der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge 415 Reaktoren zur Stromproduktion in Betrieb. Bereits bei der Weltklimakonferenz Ende vergangenen Jahres hatten rund 20 Staaten angekündigt, die Kapazitäten zur Atomenergieerzeugung bis 2050 zu verdreifachen. Beim aktuellen Internationalen Gipfel für Atomenergie in Brüssel bekräftigten nun 30 Staaten am Donnerstag ihre Pläne, Atomkraft schneller auszubauen.
Weltweit beschleunigter Ausbau angekündigt
Rund 30 Staaten aus aller Welt wollen sich für den schnelleren Ausbau und eine einfachere Finanzierung von Atomkraftwerken einsetzen. Das gaben die Staaten am Donnerstag beim Internationalen Gipfeltreffen für Atomenergie bekannt.
„Wir verpflichten uns dazu, das Potenzial der Nuklearenergie voll auszuschöpfen“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung, die am Donnerstag auf dem ersten internationalen Gipfeltreffen für Atomenergie in Brüssel verabschiedet wurde.
Strom aus Atomkraftwerken sei für die Verringerung klimaschädlicher CO2–Emissionen unerlässlich, hieß es weiter.
Die Politiker sprachen sich in ihrer Erklärung nicht nur für den Bau neuer AKW, sondern auch für die Verlängerung der Lebenszeit bestehender Anlagen aus. Weiters plädierten sie für den raschen Einsatz neuerer und kleinerer Reaktoren.
Deutschland nahm an dem Gipfeltreffen nicht teil.
Forderungen nach Finanzierung von Atomprojekten
Die Teilnehmer riefen internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank dazu auf, Atomprojekte verstärkt zu unterstützen und deuteten an, dass andere alternative Energieträger aus ihrer Sicht von Entwicklungsbanken bislang bevorzugt behandelt würden. Deutschland, das den Atomausstieg vollzogen hat, nahm nicht an dem Treffen teil, das von einem Protest der Umweltorganisation Greenpeace begleitet wurde.
Internationales Gipfeltreffen für Atomenergie
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und die derzeitige EU–Ratspräsidentschaft Belgien laden zu dem Treffen. „Es geht nicht darum, einfach die Atomenergie zu feiern“, sagte IAEA–Chef Rafael Grossi am Mittwoch. Es gehe darum, Themen im Kontext der Beibehaltung oder des Ausbaus von Atomkraft zu besprechen — etwa die Frage, wie AKW–Projekte leichter finanziert werden könnten, erklärte Grossi. Es sei eine Veranstaltung, die ausdrücke, dass die Kernenergie angesichts des steigenden Energiebedarfs „ein Teil des Puzzles“ ist, sagte Belgiens Premierminister Alexander De Croo jüngst.
Wer nimmt an dem Treffen teil?
An dem Treffen nahmen unter anderem Staats– und Regierungschefs aus Frankreich, den Niederlanden und Polen sowie hochrangige Vertreter aus den USA, China und Japan teil. Deutschland sitzt nicht mit am Tisch. Neben Belgiens Premierminister Alexander De Croo werden mehr aber als 30 weitere Staats– und Regierungschefs erwartet, die an der Kernkraft festhalten wollen. Unter anderem der französische Präsident Emmanuel Macron, sein finnischer Kollege Petteri Orpo, aus Tschechien Petr Fiala und aus Ungarn Viktor Orban. Erwartet werden auch EU–Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie EU–Ratspräsident Charles Michel.
Deutschlands Reaktion auf Gipfeltreffen
Das Bundesumweltministerium gibt sich betont gelassen: „Dass es unter den EU–Mitgliedstaaten bezüglich der Atomkraftnutzung unterschiedliche Sichtweisen gibt, ist bekannt und wird gegenseitig respektiert“, sagte ein Sprecher. Deutschland habe mit seinem Ausstieg den Kreis der atomkritischen EU–Mitgliedstaaten gestärkt.
Atomkraft auf dem Vormarsch
Während in Deutschland die letzten Atomkraftwerke vom Netz gegangen sind, fahren die europäischen Nachbarn die Produktion hoch: Atomenergie ist in der EU wieder auf dem Vormarsch. Länder wie Frankreich und Schweden setzen auf Kernenergie, nicht zuletzt um ihre Klimaziele zu erreichen. Kurz vor dem Treffen der EU–Staats– und Regierungschefs warben Vertreter aus Brüssel und mehreren Mitgliedstaaten bei einem „Atomgipfel“ für den Einsatz von Kernenergie.
(Mit Material der dpa und AFP)


