Unmittelbar bevor OB Günter Czisch am Freitagmittag mit dem Gemeinderat gemeinsam im Bus zur Klausurtagung nach Bad Boll gefahren ist, hat er am Vormittag im Rathaus-Foyer noch die Gäste zur Preisverleihung des Landesverbands der Sinti und Roma beehrt. „In jedem von uns steckt Vielfalt“ sagte er und begrüßte den Landesvorsitzenden Daniel Strauß als einen „Freund der Stadt“. Dass der Verband seinen Kultur- und Ehrenpreis gerade in Ulm verleihe, sei ein schönes Zeugnis dafür, dass in der Stadt ein freier und europäischer Geist wehe. Czisch: „Wir wollen uns mit Haltung und Taten gegen völkisches Denken und Nationalismus stellen“, sagte er unter dem Beifall der knapp 100 Gäste.

Gewalt gegen Sinti und Roma steige wieder an

Am Freitag allerdings standen andere im Mittelpunkt, so wie die Linken-Politikerin und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags, Petra Pau, die aus Berlin angereist war, und von „alarmierenden Vorfällen“ berichtet, die ihr Anlass zur Sorge gäben. Beispielsweise einen aus Sachsen, wo ein Abgeordneter der AfD in einer Anfrage an die Landesregierung wissen wollte, wie viele Sinti und Roma im Freistaat lebten. Das sei nicht einfach nur so eine Anfrage gewesen, das erinnere sie beängstigend an die Zeit der Nazi-Herrschaft, in der Millionen von Sinti und Roma in den KZs ermordert wurden, sagte Pau.

In seiner Laudatio auf die Politikerin hat der Europaabgeordnete Romeo Franz darauf hingewiesen, dass die Gewalt in Deutschland gegenüber den Sinti und Roma wieder ansteige und man diese Erscheinung nicht wie bisher ignorieren dürfe. Er nannte Pau eine wichtige Verbündete, die stets eintrete gegen Rassismus und für Gerechtigkeit und Völkerverständigung. Pau: „Mich inspiriert Artikel 1 des Grundgesetzes, wo es heißt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Und zwar die Würde eines jeden.“

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Preise für Kultur und Bildung

Neben dem Preis für Politik, gab es auch zwei für Kultur und Bildung. Mit letzterem wurde Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter geehrt, Beauftragter der evangelischen Landeskirche für die Zusammenarbeit mit den Sinti und Roma. Mit der Besetzung für diese bundesweit einmalige Stelle habe man „den richtigen Mann zum Missionar gemacht“, sagte Laudator Wolfgang Mayer-Ernst von der Akademie Bad Boll.

Im kulturellen Bereich bekam die österreichische Schriftstellerin Rosa Gitta Martl einen Preis für ihr Lebenswerk, in dem sie sich mit der Lebenssituation „ihrer Leute“ beschäftigt, wie sich Sinti und Roma gegenseitig nennen. Die Laudatio hielt die Bürgerrechtlerin Ilona Lagrene, die praktisch von Gleich zu Gleich den Preis an die Bürgerrechtlerin aus Linz übergab, die aktuell ihre neuestes Buch  „Bleib stark“ vorstellte, in dem sie einen Brief an ihren Großvater schreibt, der 1941 von den Nazis abgeholt und ins KZ gesteckt wurde. Mit von Rührung brüchiger Stimme las die 73-Jährige eine kurze Passage aus dem Buch vor, in dem sie Kindheitserinnerung an das Anders-Sein formuliert hatte: „Wir waren anders, wir wohnten in einem Wohnwagen.“

Die Geschichte der Sinti und Roma

Zuvor hatte der Landesvorsitzende der Sinti und Roma, Daniel Strauß, an die lange Geschichte seines Volkes erinnerte, das auf den Tag genau vor 612 Jahren am 20. September 1407 erstmals urkundlich erwähnt wurden und seither zur europäischen Geschichte gehört. In vielen Ländern aber sei die Situation von Ausgrenzung und Rassismus geprägt. Eine um 30 Prozent geringere Lebenserwartung sei in vielen Ländern die Folge, sagte Strauß. Mit 12 Millionen Menschen sei sein Volk die größte Minderheit in Europa.

Baden-Württemberg stelle die große Ausnahme dar, wo ein Staatsvertrag seit 2014 die Gleichberechtigung regele und Zeichen sei, dass man sich auf Augenhöhe begegne. Die Kultur sei dabei das verbindende, die Musik, wie sie etwa von der Band „Die Drahtziehe“ gespielt wurde.

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Innovative Roma-Projekte


Verleihung: Im Rahmen der Preisverleihung hat auch die Europäische Donauakademie (EDA) besondere Projekte von NGOs zur Verbesserung der Lebenssituation der Roma in den Donauländern prämiert. Darunter sind Projekte in Slowenien, der Slowakei, Rumänien, Albanien und Kroatien. Es geht um Tanzprojekte, um Sommercamps für Kinder und Jugendliche und darum, elektrischen Strom in Wohnsiedlungen zu verlegen.