Kapitän des SSV Ulm
: Jo Reichert: „Hausaufgaben waren Nebensache“

Jo Reichert ist nicht nur Kapitän des SSV Ulm 1846 Fußball, sondern auch Kumpeltyp, Hundefreund und Fußballnarr. Der Spatzenkapitän im Gespräch mit dem Stadtmagazin „acht.neun“.
Von
Karsten Sander
Ulm
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Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Martina Strilic

Um es gleich vorwegzunehmen, Jo Reichert ist verrückt, genaugenommen ist er fußballverrückt und wirkt dabei völlig normal. Der 33-jährige Kapitän des SSV 1846 Fußball erscheint zum Shooting mit schwarzem Hoodie, Jeans und den obligatorischen weißen Sneakern.

Das Gespräch beginnt er ohne Umschweife mit einer Charmeoffensive. „Macht mit mir, was ihr wollt“, sagt er zur Fotografin und seine blendende Laune wirkt ansteckend. In Sekunden entsteht gute Stimmung. Den Worten lässt er Taten folgen. Den Ball auf dem Kopf balancieren, ihn mit einem Fuß in der Luft halten, das Kinn etwas tiefer, jetzt das Kinn wieder etwas höher. Jo Reichert erfüllt gut gelaunt jeden Wunsch der Fotografin. Es ist offensichtlich, dass der Mann liebt, was er tut – auf und abseits des Platzes. Wer ihn und seine Kunststücke mit dem runden Spielgerät beobachtet, sieht auf den ersten Blick, dass er und der Ball gute Freunde sind.

Einmal Fußball, immer Fußball

Bereits als Bambini zeichnete sich seine Leidenschaft für den Sport und den Verein ab. Der gebürtige Söflinger war zwar mit seiner Familie nach Bernstadt gezogen, die Fußballschuhe wollte der Knirps aber unbedingt in Ulm schnüren. Von da an drehte sich die Welt des Jo Reichert um das Thema Fußball und das ist bis heute so geblieben. Sein Vater, Lehrer für Mathematik, Biologie und Sport sowie seine Mutter, eine Sozialarbeiterin, waren nicht durchweg von der sich früh abzeichnenden Fußballbesessenheit begeistert. Etwas mehr Leidenschaft für die Schulbücher hätten sie sich durchaus gewünscht. Die Realität sah aber anders aus. Nach der Schule ging es auf den Bolzplatz oder ins Mannschaftstraining. „Hausaufgaben waren Nebensache“, erzählt der 1,84 m große Innenverteidiger und strahlt. Kann er auch, denn rückblickend hat er alles richtig gemacht. Wahrscheinlich war es wie in vielen anderen Familien auch. Die drei älteren Geschwister hatten dem Nesthäkchen den Weg geebnet und zahlreiche Freiheiten erkämpft. Ohne Mühe durchlief Jo Reichert alle Jugend- und Auswahlmannschaften, sein Abitur machte er nebenbei. Im Fokus seines Lebens stand der Fußball, alles andere war Nebensache. Diese an Besessenheit grenzende Leidenschaft für den Sport bringt er selbst treffend auf den Punkt: „Sportlich interessiert mich nur Fußball, alle anderen Sportarten langweilen mich, ich spiele nicht einmal PlayStation“.

Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Martina Strilic

Dass seine Geschwister, genau wie er, nicht ganz alltägliche Berufe ausüben, erzählt er nahezu beiläufig. Die Schwester arbeitet als Ärztin, ein Bruder ist Professor für Statistik, der andere Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Da wollte er wohl nicht ganz aus der Reihe tanzen und trippelte sich mit Energie, Disziplin und Entschlossenheit durch sein BWL-Studium. Der Mann, der vom Elfmeterpunkt aus fast ausschließlich trifft, schloss an der Hochschule Neu-Ulm erfolgreich sein Studium ab. Der Titel seiner Bachelorarbeit verwundert kaum: „Bilanzierung von Fußballspielern im Profifußball“. Vielleicht kann er den Abschluss später einmal gebrauchen. Als Kind wollte er eigentlich Zahnarzt oder Sportkommentator werden, vorerst hat er aber andere Pläne.

Kapitän und „Kumpeltyp“

Jo Reichert nippt an seinem Cappuccino und macht noch schnell ein Selfie mit Michele, dem neuen Betreiber der Billbar. Reicherts Frisur und Bart sitzen tadellos, das T-Shirt ist faltenfrei. Sein Lächeln kann er wie auf Kommando anknipsen und doch wirkt es echt. Der sich anschließende Smalltalk mit dem Gastronomen ist unverstellt und locker. Es geht natürlich um Fußball und Diego Maradona.

Man versteht in diesen kurzen Sequenzen, warum der Mann so wichtig für die Mannschaft ist und als Identifikationsfigur fungiert. Jo Reichert nimmt sich Zeit, ist zugewandt und nahbar. So abgedroschen es klingt, er ist der Prototyp eines Kumpeltypen, ein Kapitän der Herzen und auf dem Platz ein Mentalitätsmonster. Dieser Begriff fällt oft, wenn man mit anderen über ihn spricht. Vielleicht liegt das auch an seinem, wie er es nennt, Wertekorsett. Sein christlicher Glaube ist in seinem Leben Halt und Orientierungshilfe zugleich. Der Spielführer des SSV ist fromm und Teil der christlichen Spielergemeinde „Fußball mit Vision“.

Seit Juni am Start: acht.neun

Dieser Text erschien zuerst im neuen Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur Online-Ausgabe gibt es hier.

acht.neun als gedrucktes Magazin ist an mehr als 250 Auslagestellen kostenlos zu haben. Es liegt an vielen hochfrequentierten Plätzen in der Doppelstadt aus: in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Banken und Parkhäusern.

Eine Kombination aus Lässigkeit, Einfühlsamkeit und unbedingtem Siegeswillen verschafft ihm Respekt im Team. „Als Kapitän bin ich für die Harmonie in der Mannschaft verantwortlich. Auch Spieler, die nicht im Fokus stehen, müssen mitgenommen werden.“ Dieser Satz ist ebenso ein typischer Reichert, wie dieser: „Ohne Teamgeist und zwischenmenschliche Harmonie ist Erfolg nicht möglich“. Diese Empathiefähigkeit kommt bei Fans und Mannschaft an. Sicher auch, weil er auf dem Platz eine ganz andere Seite präsentiert. Als Verteidiger darf man per se kein Sensibelchen sein und sollte eher eine rustikale Grundveranlagung besitzen. Das bekommt der ein oder andere gegnerische Stürmer auch zu spüren.

Jo Reichert ist ein großer Hundefan

Den Teamgeist der Ulmer Spatzen zeigt auch eine Geschichte, in der eine Französischen Bulldogge die Hauptrolle spielt. Ein großer Hundefan ist Jo Reichert schon, solange er denken kann. Ein Mitspieler versuchte ihn deshalb für einen Welpen zu begeistern, doch der Defensivspieler zögerte zunächst. Zu viele Trainingseinheiten, Auswärtsspiele und Termine. Er hatte aber die Rechnung ohne seine Mannschaftskollegen gemacht. Sie verordneten ihm den Hund.

Die Französische Bulldogge bekam ein unbegrenztes Aufenthaltsrecht in der Kabine, Mitspieler und Hausmeister sagten sogar ihre Unterstützung bei Aufsicht und Gassirunden zu. Ehrensache, dass auch die Namensfindung Mannschaftsangelegenheit war. Der Hund hört per Teambeschluss auf den außergewöhnlichen Namen Donatella Alea Mia Versace Reichert, Rufname Donna.

Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Jo Reichert im Gespräch mit dem Stadtmagazin "acht.neun".

Martina Strilic

Dass Jo Reichert Schritt für Schritt Karriere gemacht hat, hält er selbst für ein großes Privileg. „Als Zwanzigjähriger hätte ich noch nicht die Reife gehabt und 200.000 Euro ausgegeben, wenn ich 100.000 Euro verdient hätte“, sagt er angesprochen auf junge Fußballprofis mit teuren Sportwagen und extrovertierten Hobbys. Der heute 33-Jährige ist rückblickend dankbar, auch schwere Zeiten erlebt zu haben. Dass er ein erfahrener Profi ist, will er in der ersten Zweitligasaison unter Beweis stellen. Der bekennende HSV-Fan freut sich besonders auf das erste Zusammentreffen mit den Hanseaten, aus dem er natürlich als Sieger hervorgehen möchte. Alles andere wäre ja verrückt.

SSV Ulm – Der Countdown zum Saisonstart

Der Saisonauftakt der 2. Bundesliga steht kurz bevor. Mehr als 23 Jahre nach der bisher letzten Zweitliga-Partie des SSV Ulm 1846 Fußball sind die Spatzen zurück im Profi-Unterhaus. Der Gegner am Sonntag, 4. August, im Donaustadion: Traditionsverein 1. FC Kaiserslautern.

In ihrem Countdown zum Saisonstart veröffentlicht die SÜDWEST PRESSE in der Woche vor dem Spiel täglich Artikel zum SSV Ulm. Stimmen Sie sich auf die Saison ein:

Als Vorbereitung auf die Zweitliga-Saison des SSV Ulm 1846 Fußball empfehlen wir zudem die neueste Folge von „Spatzenfunk“ – dem SSV-Podcast der SÜDWEST PRESSE. Cheftrainer Thomas Wörle ist erstmals zu Gast und blickt auf die Mission 2. Bundesliga.

SSV Ulm 1846

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