Pyro-Prozess im Fußball: In Karlsruhe steht das Vertrauen vor Gericht

Am 20. Oktober spielte der SSV Ulm 1846 gegen den Karlsruher SC im Ulmer Donaustadion. Auch dort zündeten die KSC-Fans Pyrotechnik.
Harry Langer/dpa- Prozess gegen Karlsruher SC-Fanprojekt wegen Pyrotechnik könnte wegweisend sein.
- Sozialarbeitende haben kein Zeugnisverweigerungsrecht, was Vertrauen gefährdet.
- 1972 urteilte der Bundesgerichtshof gegen Zeugnisverweigerungsrecht für Sozialarbeitende.
- Fanprojekte entstanden nach tödlichem Vorfall 1982; erstes Projekt in Hamburg.
- Prozess wird am 28. Oktober 2024 fortgesetzt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„In den 90ern herrschte auf den Rängen geradezu Anarchie. Im Vergleich dazu ist es heute eher eine Tee-Party. Diese Befriedung ist zum wesentlichen Teil auf die Arbeit der Fanprojekte zurückzuführen“, sagt Thomas Kessen. Der 35-Jährige ist Sprecher von „Unsere Kurve“, dem größten deutschen Fußball-Fan-Dachverband.
„Nicht die Vereine brauchen die Fanprojekte, sondern die Fans“, stellt Kessen klar. Ihr Auftrag ist es auch nicht, „drei Bengalos zu verhindern, sondern die Begleitung der Fans in deren Lebensrealität. Fußball ist dabei nur der Zugang zur Zielgruppe.“ Das sind vor allem Fans im Alter von 15 bis 25 Jahren, bei Themen wie Schule, kein Studien- oder Ausbildungsplatz oder Probleme zu Hause.
„In diesem Alter erlebt man die ersten großen Lebenskrisen, hat aber kaum Erfahrung, um sie zu meistern. Fanprojekte setzen da an“, erklärt Kessen. Zusätzlich übernehmen Fanprojekte die vermittelnde Rolle: zu Vereinen, Polizei und Staatsanwaltschaft. „Das alles ist unglaublich wertvoll und ich wüsste auch nicht, wer sonst diese Rolle professionell einnehmen sollte“, sagt Kessen.
Fanprojekt-Mitarbeitende vor Gericht
Kürzlich zeigte die KSC-Ultra-Fangruppe Rheinfire vor dem Zweitliga-Spiel des Karlsruher SC gegen den FC St. Pauli eine Choreografie. Bengalos, Rauchtöpfe und Böller wurden gezündet. Die Rauchentwicklung war enorm. Mehrere Personen wurden verletzt.
Nach dem Vorfall bekam die Staatsanwaltschaft mit, dass die Pyrotechnik am Vortag der Partie auf Fanprojekt-Gelände vorbereitet worden sei. Währenddessen versuchte das KSC-Fanprojekt zwischen den Fronten zu vermitteln. Dazu will die Staatsanwaltschaft Informationen, doch die Fanprojekt-Mitarbeitenden schweigen. Dafür stehen sie nun mit vor Gericht. Aber warum?
„Das grundlegende Problem des Prozesses in Karlsruhe ist, dass die Fanprojekt-Mitarbeitenden fachlich und berufsethisch alles richtig machen – aber rechtlich gesehen nicht“, erklärt Christiane Bollig. Die 40-Jährige ist Referentin der Landesarbeitsgemeinschaft der Mobilen Jugendarbeit/Streetwork und aktives Mitglied im Bündnis Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit. „Das ist das Fatale an dem Prozess. Es wird auf Recht und Ordnung gepocht – aber der Schaden?“, fragt Bollig. „Die Projekte können ihr hart erarbeitetes Fundament verlieren: das Vertrauen der Fans.“
Zeugnisverweigerungsrecht als Basis
1972 urteilte der Bundesgerichtshof über das Zeugnisverweigerungsrecht (ZVR) für Sozialarbeitende. Aufgrund des schwammigen Berufsprofils und der fehlenden Professionalität stand keines zu. „Das Urteil ist überholt“, sagt die Referentin. „Sogar die Bundesregierung meint, dass unser Beruf ein besonderes Vertrauensverhältnis braucht – jedoch ohne die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.“
Das Dilemma bleibt: „Wir haben die berufliche Schweigepflicht, aber im Strafprozess kein Zeugnisverweigerungsrecht“, erklärt die 40-Jährige. Bei klaren Verstößen gegen das Recht müssen Strafen folgen. Allerdings sollten dabei die Rollen von Sozialarbeitenden, Polizei und Staat dringend geklärt werden, denn „wir sind definitiv keine Erfüllungsgehilfen bei der Aufklärung von Straftaten“, stellt sie klar. Jedoch schien die Karlsruher Staatsanwaltschaft im Pyro-Prozess genau davon auszugehen.
Ein Spannungsfeld, in dem Sozialarbeitende nicht ohne Grund seit Jahren ein ZVR fordern. „Die rechtlichen Rahmen dafür sind bereits durch andere Berufe gesetzt, Stichwort Verhältnismäßigkeit“, sagt Bollig. So ist bereits klar geregelt, in welchen Fällen ausgesagt werden muss. Dazu zählen unter anderem Kindeswohlgefährdung, Mord, Totschlag oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Prävention ist nicht gleich Prävention
Polizeiliche und sozialarbeitende Prävention werden oft im selben Satz genannt, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Denn wo die Polizei auf Verhinderung und Vermeidung setzt, zeigt die Pädagogische alternative Handlungsoptionen auf, fördert Eigenverantwortung und Verhaltensänderung. „Uns geht es darum, im Vorfeld aktiv zu sein, sodass die Leute gar nicht erst auf die Idee kommen. Es ist langfristiger, nachhaltiger gedacht“, fasst Bollig zusammen.

Das als Hochrisikospiel eingestufte Zweitliga-Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig im November 2023 begleitete die Polizei mit einem Großaufgebot.
Moritz Frankenberg/dpaSignalwirkung des Pyro-Prozesses
„Es geht den drei Mitarbeitenden nicht darum, Täter zu schützen – sondern das Vertrauen“, sagt Christiane Bollig. Trotzdem stehen drei Sozialarbeitende des KSC-Fanprojekts vor Gericht und das zeigt bereits Auswirkungen: Die Fachkräfte berichten von deutlicher Reduzierung oder gar Kontaktabbruch seitens der Fans.
„Früher sind die Mitarbeitenden in Ultra-Bussen mitgefahren. Seit der Vorladung nicht mehr und das ist problematisch“, sagt Thomas Kessen von „Unsere Kurve“. Aus gegenseitigem Schutz würden Ultras und Sozialarbeitende darauf verzichten. Doch Distanz ist Gift für Vertrauen „und Vertrauen ist die Währung, mit der der Erfolg der Sozialarbeit eingekauft wird.“
Der Prozess gegen die Mitarbeitenden des KSC-Fanprojekts soll am 28. Oktober 2024 fortgesetzt werden.
Erstes Fanprojekt in Deutschland
Das erste Fanprojekt entstand nach dem Tod des 16-jährigen Bremer Fußballfans Adrian Maleika. In der Nähe des Hamburger Volksparkstadion geriet Maleika im Oktober 1982 mit knapp 150 jungen Leuten in einen Hooligan-Hinterhalt des rechtsradikal unterwanderten HSV-Fanclub „die Löwen“, wurde von einem Stein am Kopf getroffen und starb mit schweren Gehirnblutungen an den Folgen eines Schädelbasisbruchs.
Mit Unterstützung der Hansestadt rief die Hamburger Sportjugend das HSV-Fanprojekt ins Leben. Dass Teile der rechtsradikalen Szene des HSV zurückgedrängt wurden, ist Verdienst des sozialpädagogischen Projekts.




