US-Wahl
: Harris' Überraschungscoup – Warum Tim Walz der ideale Vize gegen Trump ist

Er ist unbekannt, kam spät in die Politik und entspricht dem Bild des „alten weißen Mannes“: Tim Walz ist überraschend als Kamala Harris' Vize auserkoren. Doch vieles spricht für ihn.
Von
Peter DeThier
Washington
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Medien: Harris wählt Tim Walz als Vizekandidaten aus: ARCHIV - 03.04.2023, USA, Fridley: Minnesotas Gouverneur Tim Walz lacht während eines Besuchs der Cummins Power Generation Facility in Fridley, Minnesota, am Montag, 3. April 2023. Die Demokratin Kamala Harris hat nach Medienberichten Tim Walz als ihren Vizekandidaten für die US-Präsidentschaftswahl im November auserkoren. Foto: Carolyn Kaster/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Minnesotas Gouverneur Tim Walz wird der Vizekandidat von Kamala Harris. Bisher war er unbekannt, doch vieles spricht für ihn.

Carolyn Kaster/AP/dpa

Bis vor wenigen Tagen war der Name Tim Walz (60) den meisten Amerikanern außerhalb seines Heimatstaats Minnesota völlig unbekannt. In fünf Monaten könnte der Gouverneur aber als nächster Vizepräsident der Vereinigten Staaten vereidigt werden. Zwar hat noch keine Nummer Zwei jemals den Ausgang einer Wahl entschieden. Gleichwohl ist in diesem einzigartigen US-Wahljahr, das von Drama und überraschenden Wenden geprägt ist wie kein anderes, nichts ausgeschlossen. Sicher erscheint, dass Walz der Harris-Kampagne zwei Wochen vor dem demokratischen Nominierungskonvent frischen Schwung verleihen wird.

Am Ende war klar, dass sich die demokratische Kandidatin entweder für Walz oder Josh Shapiro, seinen Amtskollegen aus Pennsylvania entscheiden würde. Beide galten als kluge Wahl, da sie Harris helfen würden, in den kritischen „Swing States“ des mittleren Westens ihre Position zu festigen. Dass die Vizepräsidentin letzten Endes Walz den Zuschlag gab, lag daran, dass er im Gegensatz zu dem neun Jahre jüngeren Shapiro im Wahlkampf politisch weniger verwundbar ist. Shapiro, Gouverneur aus Pennsylvania und selbst Jude, hat pro-palästinensische Demonstranten als antisemitisch beschimpft. Auch behauptet er, ein Anhänger erneuerbarer Energien zu sein, förderte aber als Gouverneur Fracking. Positionen also, die für einen moderaten Demokraten schwer vertretbar sind und ihn allemal angreifbar machen.

Spätzünder Walz ging erst mit 40 Jahren in die Politik

Walz hingegen bringt jene Eigenschaften mit ins Rennen, die Harris ideal positionieren, während der letzten drei Monate das Duell mit dem republikanischen Spitzenkandidaten Donald Trump aufzunehmen. Der Tausendsassa ist ein Spätzünder, der erst mit Anfang 40 ins politische Geschäft einstieg. An ihm haftet nicht das Etikett des Karrierepolitikers, das viele Wähler im wichtigen Mittleren Westen, abstößt. Walz wurde in einer ländlichen Gegend in Nebraska geboren, studierte an einer kleinen Uni Sozialwissenschaften und jobbte in der Landwirtschaft. Er ging freiwillig zur Nationalgarde. Auch arbeitete er 20 Jahre lang als Lehrer. Zunächst auf einem Indianerreservat und dann in China, wo Walz seine Frau Gwen kennenlernte.

Interesse an der Politik entwickelte der zweifache Vater aber erst 2004 als freiwilliger Helfer bei der Präsidentschaftskampagne des Demokraten John Kerry. Von da ging es steil bergauf. 2006 wurde Walz als Repräsentant seines Heimatstaats Minnesota in den Kongress gewählt und fünfmal im Amt bestätigt. Seit 2019 führt der Soziologe in der Hauptstadt St. Paul die Regierungsgeschäfte. Ein Vorteil gegenüber seinem republikanischen Gegenspieler JD Vance besteht darin, dass der Republikaner teilweise rechts seines designierten Chefs Donald Trump positioniert ist. Walz hingegen vertritt gemäßigte Ansichten, sowohl in ökonomischen als auch sozialen Fragen und bei dem Dauerstreit um das Immigrantenproblem. Er plädiert für striktere Waffengesetze, die aber trotzdem das Recht der Bürger schützen würden, Schusswaffen zu besitzen. Walz unterstützt das Recht jeder Frau, frei über eine Abtreibung zu entscheiden und engagiert sich für LGBTQ Gemeinde. Er hat den Angriff auf Israel im vergangenen Oktober scharf verurteilt, plädiert aber dennoch für den humanitären Umgang mit Zivilisten in Gaza.

Bodenständige Frohnatur kann auch Republikaner ansprechen

Der wichtigste Vorteil des Gespanns Harris-Walz könnte in dem scharfen Kontrast zwischen den beiden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft bestehen. Walz gilt als bodenständige Frohnatur mit einem Lebenslauf, der viele Wähler des mittleren Westens, die sich Trump schon in die Tasche gerechnet hatte, anspricht. Auch bietet er den Republikanern wenige Angriffsflächen. Einiger Kritik sah sich der Gouverneur lediglich ausgesetzt, als er nach der Tötung des Afroamerikaner George Floyd angeblich zu langsam reagierte.

Vance hingegen ist eine polarisierende Figur, die sich kaum eignen wird, unentschlossene Wechselwähler zu begeistern. Er ist vehementer Gegener von Abtreibungsrechten und dämonisierte „kinderlose Katzenfrauen“, die angeblich dem amerikanischen Ideal der Familiengründung widersprechen. Insbesondere gilt der Republikaner als Polit-Camäleon, der früher Trump als „moralisches Desaster“ bezeichnete, ihm aber nun nach dem Mund redet.

Weder Walz noch Vance werden entscheiden, wer am 5. November die Präsidentschaftswahl gewinnt. Doch aber repräsentiert das demokratische Team ein gewisses Maß an politischer Ausgewogenheit. Hinzu kommt, dass sich die Republikaner seit längerer Zeit auf Shapiro als Kandidaten eingestellt hatten. Nun aber müssen sie ein weiteres Mal – wie auch nach Präsident Joe Bidens Ausstieg, auf den Trump konzeptlos antwortete – am Nullpunkt beginnen und eine neue Strategie entwickeln. Dazu noch gegen einen Kandidaten wie Walz, der kaum angreifbar ist. Ein klarer Vorteil also für Harris während der Schlussphase des Wahlkampfs.