SEK-Einsatz am Ulmer Münster: Das sagen Polizei und Dekan zur Kletteraktion der Klimaaktivisten

Drei Aktivisten, darunter einer 19-Jährige, haben am Dienstag ein Banner am Münster angebracht
Matthias KesslerAm Ende klicken die Handschellen. Die Polizei nimmt die drei mit Klettergeschirr ausgerüstete Klimaaktivisten nacheinander fest, Feuerwehr und Spezialeinsatzkommando (SEK) verlassen den Münsterplatz, Streifenwagen fahren ab, Schaulustige ziehen weiter. Nach sechs Stunden ist die Aufregung vor dem Ulmer Münster vorbei.
Mit ihrer illegalen Kletteraktion haben drei junge Klimaaktivisten am Dienstag einen großen Einsatz ausgelöst. In den frühen Morgenstunden hatten sie den Hauptturm des Münsters erklommen und enthüllten in rund 70 Metern Höhe ein Banner. Darauf stand in riesigen Lettern die Frage: „Wäre Jesus Klimaaktivist?“ Darunter zu sehen war die Illustration einer bestimmten Stelle in der Bibel.
Erster Versuch war gescheitert
Eigentlich hatten die Aktivisten, die aus dem Umfeld einer Ravensburger Gruppe stammen, die Aktion bereits vergangene Woche durchziehen wollen. Doch das Vorhaben sickerte an die Polizei durch. Aktivisten-Sprecher Samuel Bosch teilte mit, dass man das Banner „zu gegebenem Zeitpunkt bei einer anderen Kirche“ enthüllen wollte. Eine falsche Fährte, wie sich herausstellte.
Neben Feuerwehr und Polizei rückte am Dienstagmorgen auch das SEK an, um Bosch und seine zwei Mitstreiter (23-Jähriger und 19-Jährige) sicher vom Turm zu holen. Sven Vrancken, der Leiter der Öffentlichkeitsabteilung des Polizeipräsidiums Ulm erklärte, dass man die Kletterer zunächst überzeugen wolle, von selbst herunterzukommen.
Doch weil die Aktivisten der Aufforderung nicht nachkamen, machte sich das SEK über den Bauaufzug an der Seite des Münster-Gerüsts auf den Weg nach oben. Zudem kam ein Kran mit Hebebühne zum Einsatz. Zwei Kletterer konnten relativ problemlos vom Turm geholt werden, bei der dritten Aktivistin erwies sich die Situation schwieriger: Wind und Kran-Position waren ungünstig. Um das Münster nicht zu beschädigen, mussten die Einsatzkräfte den Korb des Krans nochmal drehen.

Wäre Jesus Klimaaktivist?, fragen die Kletterer.
Matthias KesslerDekan: "Jesus würde nie auf einen Kirchturm klettern"
Gegen 11.30 Uhr hatten die Einsatzkräfte die drei Kletterer schließlich sicher heruntergeholt, Banner und Ausrüstung wurden abgehängt, die Aktivisten ins Polizeirevier Ulm-Mitte gebracht.
Für das Trio ist klar: Jesus wäre definitiv Klimaaktivist gewesen. "In unserer Interpretation der Geschichte beschützt Jesus die kommenden Generationen“, so der 21-jährige Bosch. Es sei Zeit zu handeln – und zwar radikal.
Die Kletter-Aktion auf den vorwiegend aus sensiblem Sandstein bestehenden Turm, habe man sorgfältig geplant, heißt es in einem Statement. Neben einem Kletterzertifikat verweisen die Aktivisten auf ihre „speziellen Kantenschoner“, die das Gebäude schützen sollten.
Münster-Dekan Torsten Krannich hatte nach dem gescheiterten ersten Kletter-Vorhaben probiert, mit den Aktivisten ins Gespräch zu kommen. Daraus wurde bislang jedoch nichts. Er bezeichnete die nun durchgeführte Aktion als „irre". Ob Schäden am Gebäude entstanden sind, müsse der Hüttenbaumeister prüfen. Zwar habe Krannich Verständnis für die Anliegen der Aktivisten. „Auch Jesus würde sich heute in irgendeiner Weise für den Klimaschutz einsetzen“, sagte er.
Aber: „Definitiv nicht so. Er würde nie auf einen Kirchturm klettern.“ Diese Aktion diene nicht dem Leben. Vielmehr hätten sich die Aktivisten in Lebensgefahr gebracht. Auch für die Einsatzkräfte sei es gefährlich gewesen. Krannich habe gehört, wie ein SEK-Mann zu einem Kollegen sagte: „War schon irre da oben.“ Zudem sei ein solcher Einsatz sehr teuer, so Krannich. Man werde den Aktivisten "eine fette Rechnung schicken".
Die Polizei hat die Personalien und Aussagen der Aktivisten aufgenommen, so der Sprecher Vrancken. Die Beamten ermitteln gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft wegen Hausfriedensbruchs. Nach Durchführung der Maßnahmen wurde das Trio samt Unterstützern wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Gerichtsverhandlung gegen die Aktivisten soll bereits am Mittwoch stattfinden.
Nicht die erste Aktion
Aktivisten-Sprecher Samuel Bosch, der aus Ravensburg stammt, ist kein Unbekannter: Er war im Sommer 2023 wegen Hausfriedensbruchs und übler Nachrede zu drei Wochen Jugendarrest verurteilt worden. Die Strafe trat er im März dieses Jahres in der Jugendarrestanstalt Göppingen an, kam aber vorzeitig aus dem Arrest frei. Der 21-Jährige war auch bei der Besetzung des Ulmer Eichenwalds gegen die Baumrodung dabei, die die Polizei schließlich mit SEK-Unterstützung beendete.
