Parteitag der US-Demokraten: Kamala Harris begeistert mit ihrer Rede – doch es lauern Konflikte

„Ich will eine Präsidentin für alle Amerikaner werden“, sagte Kamala Harris in der wohl wichtigsten Rede ihres Lebens.
Saul Loeb/afpDas United Center – der Schauplatz des demokratischen Nominierungskonvents – war am letzten Abend der viertägigen Krönungsmesse für Vizepräsidentin Kamala Harris rappelvoll. Mehr Delegierte, Politiker, Gäste und Medienvertreter als an jedem anderen Tag quetschten sich die traditionsreiche Sportarena. Tausende der Besucher in weiß gekleidet, der Farbe der sogenannten „Suffragetten“, die vor mehr als 100 Jahren für das Recht aller Frauen kämpften, wählen zu dürfen. Diesmal ging es darum, die erste Spitzenkandidatin indischer und afrikanischer Herkunft zu ehren. Sie hatte den mit Abstand wichtigsten Auftritt ihres Lebens. Und Harris, die bis zum frühen Abend an ihrer historischen Rede feilte, enttäuschte nicht.
Um Punkt halb zehn Ortszeit in Chicago betrat die Vizepräsidentin unter tosendem Applaus die Bühne. Sie lobt die politische Karriere und das Lebenswerk ihres Chefs, Präsident Joe Biden. Dann erzählte sie eine bewegende Lebensgeschichte. Von ihrer Mutter, einer Ärztin, die allein „von Indien nach Amerika reiste, mit dem unerschütterlichen Traum, eines Tages Brustkrebs zu heilen“. Einer alleinerziehenden Mutter, die Kamala und ihrer Schwester Maya den Weg pflasterte, um ihren „amerikanischen Traum“ zu realisieren.
„Trump und die Republikaner spinnen einfach“
Dann erinnerte die Vizepräsidentin an den Aufstand im US-Kapitol, den Trump angezettelt hatte. Sie geißelte Trump als Straftäter, der im Falle eines Wahlsiegs außer Kontrolle wäre „und nur die Interessen eines Klienten vertreten würde, nämlich seine eigenen“. Gewartet hatten Wähler allerdings auf konkrete Pläne. Harris sprach von der Förderung der Mittelklasse und will Steuersenkungen für mehr als 100 Millionen Amerikanern durchsetzen. „Ich will eine Präsidentin für alle Amerikaner werden“, sagte sie. Dann erzählte sie herzzerreißende Geschichten von schwangeren Frauen, denen Trump das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche entzogen habe. „Trump und die Republikaner spinnen einfach“, verspottete die Demokratin ihren Rivalen.
Auch versprach sie, als Präsidentin das kurz vor der Verabschiedung stehende Einwanderungsgesetz durch den Kongress zu bekommen. Dieses hatte Trump gekippt, weil er es für den Wahlkampf brauchte und Republikaner unter Druck gesetzt hatte, gegen schärfere Vorschriften zu stimmen. Auch erinnerte Harris daran, dass Trump von den hegemonialen Bestrebungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin sagte, Putin könne „machen, was er will“. In ihrer Funktion als Vizepräsidentin hingegen habe sie sich mit dem ukrainischen Regierungschef Wolodymyr Selenskyj mehrmals getroffen und ihm die volle Unterstützung der US-Regierung zugesichert. Sie kritisierte einerseits den brutalen Umgang Israels mit Zivilisten im Gazastreifen, betonte aber gleichwohl, dass sie als Präsidentin energisch auf eine Beendigung des Konflikts im Nahen Osten hinwirken würde.
Gaza-Krieg als großer Konflikt bei den Demokraten
Unterdessen bewiesen die teilweisen dramatischen Szenen auf den Straßen von Chicago, vor welchen Herausforderungen die demokratische Spitzenkandidatin noch stehen wird. So waren drei Tage in Folge pro-palästinensische Demonstranten bei sonnigem Herbstwetter den knappen Kilometer vom Union Park über die weiträumig abgesperrte Hauptstraße Lake Street bis zum United Center marschiert, dem Schauplatz des viertägigen Medienspektakels. Vor der Sporthalle, wo ab Mitte September die legendären NBA-Basketballer der Chicago Bulls ihre Heimspiele austragen werden, kam es dann wiederholt zu Handgreiflichkeiten mit dem Rekord-Aufgebot an schwer bewaffneten Polizisten und Sicherheitskräften.
In der Nacht zum Donnerstag hatten etwa dreißig demokratische Delegierte, die bisher Harris ihre Stimme verweigert haben, die Nacht auf dem Bürgersteig vor der Sportarena verbracht. Sie fordern seit Beginn des Parteikonvents, dass ein pro-palästinensischer Vertreter während der Prime Time Sendezeit vom Podium aus referieren darf. Schließlich hatten am Mittwoch die Eltern von Hersh Goldberg für die Freilassung ihres Sohnes plädieren können, den die radikalislamische Hamas seit dem 7. Oktober vergangenen Jahres als Geisel hält.
Das demokratische Nationalkomitee ignorierte aber die Appelle der Demonstranten. „Dass nicht ein einziger Amerikaner palästinensischer Abstammung reden darf, ist ein Schlag ins Gesicht“ schimpfte Abbas Alawieh, ein ungebundener Delegierter aus Michigan. Politische Relevanz haben die Demonstranten deswegen, weil Michigan ein Swing State ist und den höchsten Anteil von Wählern palästinensischer Abstammung aller US-Staaten hat. Die meisten meinen, dass das Team Biden-Harris nicht entschlossen genug auf Israels brutales Vorgehen im Gazastreifen geantwortet hat. Sollten diese stattdessen Donald Trump ihre Stimme schenken und dazu beitragen, dass der Republikaner Michigans 15 Elektoren erhält, dann könnten diese am 5. November durchaus das Zünglein an der Waage sein.



Trump gegen Harris:
Wird es der schmutzigste Wahlkampf aller Zeiten?
Die persönlichen Anfeindungen von Donald Trump gegen Kamala Harris, seine Mitbewerberin um das Amt des US-Präsidenten, sind bereits jetzt scharf. Beobachter erwarten noch Schlimmeres.