Kamala Harris
: US-Vizepräsidentin mit einer historischen Chance

Sie will bei der US-Wahl gegen den republikanischen Kandidaten Donald Trump antreten: Vizepräsidentin Kamala Harris könnte nach dem Rückzug Joe Bidens für die Demokraten ins Rennen gehen.
Von
Peter DeThier
Washington
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Biden verzichtet auf Kandidatur und schlägt Harris vor: ARCHIV - 28.03.2023, Ghana, Accra: Kamala Harris, Vizepräsidentin der USA, spricht auf dem Black Star Square zu Jugendlichen. (zu dpa: «Biden verzichtet auf Kandidatur und schlägt Harris vor») Foto: Misper Apawu/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Biden verzichtet auf Kandidatur und schlägt Harris vor.

Misper Apawu/AP/dpa

Nach dem 26. Juni, dem Tag vor US-Präsident Joe Bidens katastrophalen Auftritt bei der Fernsehdebatte mit seinem republikanischen Rivalen Donald Trump, hätte niemand ein Duell zwischen Vizepräsidentin Kamala Harris (59) und dem Republikaner für möglich gehalten. Sicher ist ihre Kandidatur noch nicht, erscheint aber weniger als einen Monat nach dem TV-Duell sehr wahrscheinlich. Nach Joe Bidens Ausstieg aus dem Rennen um die US-Präsidentschaft hat somit zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau afroamerikanischer Abstammung Chancen, nachzurücken und das mächtigste Amt im Lande zu erobern.

Die Tochter einer indischen Krebsforscherin und eines Ökonomie-Professors aus Jamaika hatte Karriere als Staatsanwältin gemacht, zunächst für San Francisco und ab 2011 für den Staat Kalifornien. Unter Beschuss geriet die Absolventin der prominenten University of California zu Beginn ihrer Laufbahn wegen ihrer mangelnden Bereitschaft, energisch gegen unnötige Polizeigewalt vorzugehen und Ordnungshüter anzuklagen. Als Reaktion auf die scharfe Kritik, die sie einstecken musste, wandelte sich die Position der Staatsanwältin. Gegen Ende ihrer Karriere-Station als Chef-Anklägerin forderte Harris umfassende Polizeireformen und verstand sich als aggressive Advokatin für Opfer unnötiger Polizeigewalt.

Bald danach bewarb sich Harris erfolgreich um einen Senatssitz und vertrat den größten US-Staat von 2017 bis 2021 im US-Kongress. Dort kämpfte sie dafür, dass illegale Immigranten, die englisch lernen, sich an die Gesetze halten und einer geregelten Arbeit nachgehen, Chancen bekommen, Amerikaner zu werden. Auch plädierte sie für schärfere Waffengesetze, die Legalisierung von Cannabis und sowohl eine Gesundheits- als auch Steuerreform. Zudem stellte Harris wiederholt ihre Qualitäten als erfahrene Staatsanwältin in der oberen Kammer des US-Kongresses unter Beweis.

Chance in greifbare Nähe gerückt

So machte die Senatorin Schlagzeilen, als sie nach Trumps Wahlsieg sowohl mehrere seiner designierten Kabinettsmitglieder als auch seine umstrittenen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof während deren Bestätigungsanhörungen buchstäblich ins Kreuzverhör nahm. Die redegewandte und temperamentvolle Juristin nimmt grundsätzlich kein Blatt vor den Mund. Sie ist in den wichtigsten politischen Themen sattelfest und dürfte bei Auftritten während der verbleibenden drei Monate des Wahlkampfs eine glänzende Figur abgeben.

Zwar hatte Harris das Gefühl, dass ihr Chef sie während der vergangenen dreieinhalb Jahre marginalisiert hatte. Zu oft sei sie an die mexikanische Grenze geschickt worden, um in Staaten wie Texas, New Mexico und Arizona für Bidens Einwanderungspolitik zu werben. Unterdessen erinnert sie sich sehr gut daran, dass Biden sich nach seinem Wahlsieg im November 2020 als Übergangspräsident und „Brücke zur Zukunft“ beschrieben hatte. Schon damals witterte Harris die große Chance, als erste Frau, dazu noch Vertreterin einer ethnischen Minderheit, in seine Fußstapfen zu treten und eines Tages ins Weiße Haus einzuziehen. Nun ist diese Chance in greifbare Nähe gerückt.