• Jetzt fordern immer mehr Politiker ein Ende der harten Corona-Regeln Mitte Februar, andere warnen. Auch von einem Stufenplan für Lockerungen ist immer wieder die Rede.
Lockerungen der Corona-Regeln Mitte Februar? Die Rückkehr zu etwas mehr Normalität im Alltag scheint auf den ersten Blick nicht abwegig: Deutschland hat - Stand Freitag, 5.2.21 - bundesweit eine 7-Tage-Inzidenz von aktuell 79,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen 7 Tagen erreicht, Ziel des Lockdowns ist ein Wert von unter 50. Die zunehmende Zahl von Stadtkreisen und Landkreisen in Deutschland mit einer Inzidenz unter 50 ist nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) denn auch „ermutigend“.
Jedoch könnten die sich derzeit zunehmend ausbreitenden Mutationen des Coronavirus Hoffnungen auf Lockerungen schnell zunichte machen. Nach Angaben des Chefs des Robert Koch-Instituts (RKI), Prof. Lothar Wieler, sei das „Virus nicht müde“, es habe vielmehr einen neuen „Boost“ erfahren. Aktuell liege der Anteil der britischen Virus-Mutation B117 an der Gesamtzahl der Neuinfektionen bei 6 Prozent. Prof. Lothar Wieler sagte, dass die Ausbreitung von Sars-CoV-2 und den Varianten zumindest verlangsamt werden müsse. Bei Lockerungen brauche es konsequente Schutzkonzepte, und generell sollten die Zahlen so stark wie möglich gedrückt werden. Auch Minister Jens Spahn warnt vor zu schnellen Lockerungen.

Virologin Brinkmann warnt: Ständig neue Lockdowns bis 2022

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum hat diskutierte Lockerungen der Corona-Einschränkungen Mitte Februar jetzt sogar scharf kritisiert. Die Hoffnung, man könne "mit einer Inzidenz von knapp unter 50 Maßnahmen lockern und dabei das Virus im Zaum halten", sei "fatal", sagte sie dem "Spiegel". "Mit diesem Kurs haben wir keine Chance. Die Zahlen würden sofort wieder steigen."
Das wiederum werde zu ständig neuen Lockdowns noch "bis ins Jahr 2022 hinein" führen, warnte die Expertin, die auch schon Bund und Länder zur Frage der Corona-Politik beraten hat.

Impfung ohne Lockdown reicht nicht im Kampf gegen Coronavirus-Mutationen

Brinkmann verwies auf die Kombination aus langwieriger Impfkampagne und mutierten Varianten des Coronavirus. "Bis September ist vielleicht die Hälfte der Bevölkerung geimpft, wenn alles top läuft", sagte sie. Ohne harten Lockdown werde das unweigerlich dazu führen, dass sich die neuen, ansteckenderen Mutanten vorher durchsetzen. "Wir kriegen niemals genügend Menschen geimpft, bevor die Mutanten durchschlagen", sagte die Virologin. "Dieser Wettlauf ist längst verloren."
Das Impfen werde "uns erst aus der Pandemie befreien, wenn sie weltweit abflaut", führte Brinkmann aus. "Und das wird uns 2022 noch beschäftigen - und wahrscheinlich noch darüber hinaus."
Zur angestrebten Inzidenz von 50 sagte die Wissenschaftlerin vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung: „So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann.“

Harte Corona-Regeln: Expertin wirbt für „No Covid“-Strategie

Bereits im Herbst habe die Politik zu spät reagiert, so Brinkmann, jetzt tue sie mit Blick auf die mutierten Varianten das Gleiche. „Wir alle wollen aus diesem verdammten Lockdown raus – aber die Kanzlerin hat am Dienstag leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit diesem Kurs haben wir keine Chance.“
Brinkmann warb erneut für die „No Covid“-Strategie, die sie und weitere renommierte Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche vorgeschlagen hatten. Dazu gehört laut der Virologin: „Eine konsequent durchgesetzte Kontaktvermeidungsstrategie, um die Zahlen sehr schnell zu senken.

Brinkmann: Inzidenz bis Ostern unter 10 - danach wären Öffnungen möglich

Damit ließe sich die 7-Tage-Inzidenz zügig unter 10 drücken. Das sei bis Ostern zu schaffen; erst danach solle mit Öffnungen begonnen werden, sagte sie. Bei solch einem Inzidenz-Wert könnten die Gesundheitsämter „wirklich wieder Infektionsketten nachverfolgen, und wir alle bekämen unser Leben zurück. Zumindest ein Leben, so ähnlich wie im Sommer 2020. Dieses Larifari des "Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept", das muss aufhören.“

Wie verbreitet sind die Corona-Mutationen in Deutschland?

Die Verbreitung von Mutationen bereitet Politikern und Virologen Sorgen. Wie ist der Stand? Die Coronavirus-Variante B.1.1.7 ist RKI-Chef Lothar Wieler zufolge derzeit am weitesten verbreitet, aber auch die anderen beiden wurden entdeckt. Die Variante aus Großbritannien sei in 13 Bundesländern in Deutschland nachgewiesen und mache in einer Stichprobe einen Anteil von 5,8 Prozent aus. Die Häufigkeit der Nachweise habe zugenommen. Das bedeute, dass die Varianten, vor allem B.1.1.7, hier angekommen seien, aber noch nicht dominieren. „Wir müssen damit rechnen, dass sich der Anteil weiter erhöht.“ Dadurch werde die Pandemiebekämpfung erschwert, Sars-CoV-2 sei gefährlicher geworden.
Der Anteil von knapp sechs Prozent ist in erster Linie ein Ausgangswert. Interessanter ist die Frage, wie sich der Anteil der Variante mit der Zeit entwickelt. Dann ließe sich sagen, ob etwa B.1.1.7 bisher verbreitete Formen verdrängt. Lothar Wieler kündigte zunächst drei Folge-Erhebungen in Laboren im Zwei-Wochen-Takt an.

Virus-Mutation: So verbreitet B117 sich im Ausland

Ein Beispiel, wie stark und schnell sich die Mutation verbreiten kann, zeigt das Ausland. Experten blicken etwa nach Dänemark, wo engmaschig nach Varianten geschaut wird: Erst am Donnerstag, 4.2.2021, warnte das dortige Gesundheitsinstitut SSI davor, dass sich B117 trotz strikter Lockdown-Maßnahmen weiter ausbreite. Zum Jahreswechsel hatte man B117 in 2,3 Prozent der analysierten positiven Corona-Stichproben gefunden.
Seitdem geht es von Woche zu Woche steil aufwärts: In der letzten Januarwoche wurde die Variante bereits in fast jeder fünften analysierten Probe (19,5 Prozent) nachgewiesen. Die dortigen Gesundheitsbehörden schätzen, dass die Variante Anfang März den Großteil der Infektionen im Land ausmachen wird. In Portugal, wo sich die Corona-Lage zuletzt stark zuspitzte, habe die Variante bereits 60 Prozent Anteil, sagte Wieler.