Attacke auf Magdeburger Weihnachtsmarkt
: Neunjähriges Kind zählt zu den Opfern – Polizei nennt weitere Details

Nachdem ein Auto in die Besuchermassen des Magdeburger Weihnachtsmarkts gerast ist, herrscht Fassungslosigkeit. Die Ermittler geben Erkenntnisse bekannt.
Von
Isabelle Jahn,
dpa
Magdeburg
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Well wishers lay flowers near the site of a car-ramming attack on a Christmas market in Magdeburg, eastern Germany, on December 21, 2024, resulting in several deaths and dozens of injured. The death toll in the attack on December 20, rose to 5 on December 21, 2024, with over 200 injured, according to the head of the regional government, Reiner Haseloff. (Photo by Ronny HARTMANN / AFP)

Ein Weihnachtsmarkt wird zum Ort der Trauer: Mit Blumen und Kerzen gedenken Menschen der Todesopfer in Magdeburg.

Ronny Hartmann/AFP
  • Auto rast in Magdeburger Weihnachtsmarkt, 5 Tote und 200 Verletzte.
  • Verdächtiger: Taleb A., Ex-Muslim und islamkritischer Aktivist.
  • Saudi-Arabien warnte Deutschland vor ihm; keine Auslieferung.
  • Bundeskanzler Scholz und Ministerpräsident Haseloff versprechen Aufklärung.
  • Trauerfeier und Trauerbeflaggung angeordnet; internationale Anteilnahme.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am Tag nach der Attacke auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg werden nach und nach weitere Details zur Tat und den erschütternden Folgen bekannt. Zu den fünf Todesopfern zählt auch ein neunjähriges Kind, wie der Leiter der Staatsanwaltschaft Magdeburg, Horst Walter Nopens, mitteilte. Es kam wie die weiteren Opfer – vier Erwachsene – ums Leben, weil ein Auto war am frühen Freitagabend (20.12.2024) auf einem Weihnachtsmarkt in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschengruppe gerast ist. 200 Menschen wurden verletzt, davon viele schwerst und schwer verletzt, sagte der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), bei einem Besuch des Tatorts.

Haseloff sprach von einem „menschenverachtenden Anschlag“. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war vor Ort und zeigte sich von der „furchtbaren, wahnsinnigen Tat“ betroffen. Es gebe keinen friedlicheren und fröhlicheren Ort als einen Weihnachtsmarkt. Unterdessen kommen immer mehr Details über den festgenommenen Verdächtigen ans Licht.

Ermittler stufen Todesfahrt bisher nicht als Terroranschlag ein

Die Ermittlungsbehörden stufen die Todesfahrt vorerst nicht als Terroranschlag ein. „Ob es ein Terroranschlag war, wissen wir noch nicht“, sagte Nopens am Samstagnachmittag bei einer Pressekonferenz. Auf die Frage eines Journalisten, ob er die Tat als Anschlag oder Amokfahrt bewerte, fragte Nopens zurück: „Worin sehen Sie den Unterschied zwischen einem Anschlag und einer Amokfahrt? Sie können beide Begriffe verwenden.“

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den mutmaßlichen Täter bislang wegen fünffachen Mordes. Wie Nopens sagte, lautet der Tatvorwurf darüber hinaus versuchter Mord in 200 Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Das Motiv des mutmaßlichen Todesfahrers, der aus Saudi-Arabien stammt, war demnach möglicherweise Unzufriedenheit mit dem Umgang von Flüchtlingen aus seinem Heimatland in Deutschland. So lauten jedenfalls die Äußerungen des Tatverdächtigen – „was davon stimmt, müssen wir jetzt aufklären, müssen wir weiter ermitteln“, sagte Nopens. Dazu müssten Datenträger, Computer und mobile Endgeräte ausgewertet werden. Am Ende des Tages werde man dann hoffentlich wissen, „was ihn zu der Tat getrieben hat“.

Täter kam über Flucht- und Rettungsweg auf den Weihnachtsmarkt

Der Täter steuerte das Auto über den Flucht- und Rettungsweg auf den zentralen Platz. Dieser war nach Angaben der Stadt Magdeburg nicht durch Sperren oder Poller geschützt. Notarzt und Feuerwehr sollten über diesen Weg bei Unfällen oder anderen Einsätzen auf dem Platz gelangen können. Dort seien aber mobile Einsatzkräfte der Polizei stationiert gewesen. Die Wege seien daher nicht ungeschützt gewesen. Die Fahrt dauerte laut Polizei rund drei Minuten bis zur Festnahme.

Wer ist der Tatverdächtige Taleb A.?

Bei dem noch am Freitagabend festgenommenen Verdächtigen handelt es sich um Taleb A., einen Arzt aus Bernburg mit saudi-arabischer Herkunft. Der Mann ist als islamkritischer Aktivist bekannt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bezeichnet sich der 50-Jährige, der seit 2006 in Deutschland lebt, selbst als Ex-Muslim. Nach dpa-Informationen stellte A. im Februar 2016 einen Asylantrag, über den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische Staatsbürger erhielt damals Asyl als politisch Verfolgter.

Nach dpa-Informationen lag ein Verfahren der Amtsanwaltschaft Berlin wegen des Missbrauchs von Notrufen durch Taleb A. vor. Zuerst hatte der „Spiegel“ berichtet. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, am 23. Februar dieses Jahres im Dienstgebäude der Berliner Polizei den Notruf der Feuerwehr gewählt zu haben, ohne dass ein Notfall vorgelegen habe. Daher wurde beim Amtsgericht Tiergarten Strafbefehl beantragt, der mit 20 Tagessätzen zu je 30 Euro erlassen wurde. Der Angeklagte habe Einspruch eingelegt. Zum Hauptverhandlungstermin am vergangenen Donnerstag (19. Dezember) – einen Tag vor dem mutmaßlichen Anschlag – sei der Angeklagte nicht erschienen, so die Berliner Staatsanwaltschaft. Der Einspruch sei auf Antrag der Amtsanwaltschaft verworfen worden.

In sozialen Medien und Interviews erhob Taleb A. zuletzt teils wirr formulierte Vorwürfe gegen deutsche Behörden. Er hielt ihnen unter anderem vor, nicht genügend gegen Islamismus zu unternehmen. Nachdem er vor Jahren mit seiner Unterstützung für saudische Frauen, die aus ihrem Heimatland fliehen, an die Öffentlichkeit gegangen war, schrieb er später auf seiner Website in englischer und arabischer Sprache: „Mein Rat: Bittet nicht um Asyl in Deutschland.“

Taleb A. hat als Facharzt für Psychiatrie in Sachsen-Anhalt gearbeitet. Wie eine Sprecherin der Betreibergesellschaft Salus auf Anfrage mitteilte, war er als Arzt im Maßregelvollzug in Bernburg (Sachsen-Anhalt) tätig. Er habe mit suchtkranken Straftätern gearbeitet und sei seit März 2020 in der Einrichtung tätig gewesen. Nach Informationen der dpa hatte das Gesundheitsministerium von Sachsen-Anhalt noch in der Nacht die Personalakte des Mannes angefordert und den Ermittlungsbehörden übergeben.

Warnung aus Saudi-Arabien

Saudi-Arabien hatte Deutschland vor Taleb A. gewarnt, hieß es aus saudischen Sicherheitskreisen. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt, darauf habe Deutschland nicht reagiert. Der Mann stammt demnach aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens. Er sei Schiit gewesen. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte über Diskriminierungen gegenüber Schiiten im Land. 

Saudi-Arabien verurteilte die tödliche Attacke. „Das Königreich bringt seine Solidarität mit dem deutschen Volk und den Familien der Opfer zum Ausdruck“, schrieb das Außenministerium in einer Mitteilung auf X. In der Stellungnahme erwähnte das Land den Verdächtigen nicht.

Scholz verspricht Aufklärung

Der 50-Jährige war am Tatort von Einsatzkräften gestellt und festgenommen worden. Nach Angaben von Haseloff raste der Mann mit einem Leihwagen in die Menschenmenge. Die „Bild“ schrieb unter Berufung auf die Polizei, dass sich die Fahrt auf dem Gelände über 400 Meter erstreckt habe. Die Polizei geht weiter von einem Einzeltäter aus. Der Mann wurde nach Angaben aus der Nacht verhört. Es würden unter anderem Durchsuchungen durchgeführt, sagte eine Sprecherin.

Jetzt sei wichtig, dass man aufkläre, mit aller Präzision und Genauigkeit, sagte Kanzler Scholz in Magdeburg. „Es darf nichts ununtersucht bleiben - und so wird es auch sein.“ Man müsse den Täter, seine Handlungen und Motive genau verstehen und darauf mit den strafrechtlichen Konsequenzen reagieren. 

Haseloff will Opfern helfen

Ministerpräsident Haseloff will den Opfern und Angehörigen der Todesfahrt unter die Arme greifen. Sein Kabinett habe Festlegungen getroffen über „finanzielle und organisatorische Ressourcen“, sagte Haseloff. Mit dem Kanzler habe man darüber geredet, wie die Hilfe und Unterstützung des Bundes aussehen werde.

Naben Scholz und Haseloff machten sich auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Bundesjustizminister Volker Wissing, Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) und Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) am Vormittag ein Bild vom Tatort. Am Abend soll es im Dom eine Gedenkfeier geben. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt ordnete bis Montag Trauerbeflaggung an allen Dienstgebäuden des Landes an. Bundesinnenministerin Faeser ordnete bundesweit Trauerbeflaggung an den obersten Bundesbehörden an. 

Am Morgen nach der Tat war der Weihnachtsmarkt komplett abgeriegelt, die Buden und der Baum waren aber noch erleuchtet. Blumensträuße und Kerzen wurden vor der Johanniskirche abgelegt. 

Auch Mitgefühl von Nato und UN

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb: „Die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest wurde durch die Meldungen aus Magdeburg jäh unterbrochen.“ Nato-Generalsekretär Mark Rutte kontaktierte nach eigenen Worten Scholz und drückte ihm sein Mitgefühl aus. Die Vereinten Nationen bekundeten ebenfalls ihr Beileid. Man sei schockiert, sagte Stéphane Dujarric, Sprecher des UN-Generalsekretärs. „Meine Gedanken sind heute bei den Opfern der brutalen und feigen Tat in Magdeburg“, schrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf der Plattform X. 

Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb auf X, Frankreich teile den Schmerz des deutschen Volks. Er sei zutiefst erschüttert über „den Horror“, der den Weihnachtsmarkt heimgesucht habe. 

Video soll Festnahme des Verdächtigen zeigen

Ein Handyvideo soll die Festnahme des Verdächtigen zeigen. In dem Clip ist zu sehen, wie ein Polizist seine Waffe auf den Verdächtigen richtet und ihm zuruft, sich hinzulegen: „Die Hände auf den Rücken!“ und „Bleib liegen!“ Der Mann legt sich neben einem schwarzen - sichtbar beschädigten - Auto auf den Boden und befolgt die Anweisungen. Schließlich kommt Verstärkung, mehrere Polizisten springen aus dem Einsatzwagen und umkreisen den liegenden Verdächtigen. 

Die AfD-Landtagsfraktion forderte eine Sondersitzung des Innenausschusses - auch zur Aufklärung möglicher Verfehlungen oder Versäumnisse. Der AfD-Politiker Tobias Rausch wurde nach eigenen Angaben selbst Zeuge der Attacke auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. „Wenn man das miterlebt hat, das war erschreckend, wie die Panik ausgebrochen ist, wie die Leute umgefallen sind“, schilderte Rausch seine Eindrücke am Morgen danach vor Pressevertretern in Magdeburg. „Auf einmal hat man ein dumpfes Geräusch gehört, da waren schon Schreie, Panik ist ausgebrochen.“ Ein Motor habe laut aufgeheult, Scheinwerfer seien auf ihn und seine Begleitung zugekommen. 

Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein islamistischer Terrorist mit einem entführten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden zwölf Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der Attentäter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. Die Berliner Polizei erhöht nun ihre Präsenz auf den Berliner Weihnachtsmärkten nach der tödlichen Attacke von Magdeburg.