Nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty im Zusammenhang mit Karikaturen aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist in Frankreich ein weiterer Terroranschlag zu verzeichnen. In Nizza wurde laut dem Sender BFMTV eine 60-jährige Frau in einer Kirche enthauptet. Sie soll am frühen Morgen zum Beten gekommen sein. Möglicherweise habe der Täter versucht, die Frau zu köpfen, und sie dann mit einem „sehr tiefen Kehlenschnitt“ getötet, schreibt die Tageszeitung „Le Monde“.
Nach Angaben französischer Medien gibt es insgesamt drei Tote und sechs Verletzte. Ein 55-jähriger Küster starb laut Berichten ebenfalls in der Kirche Notre-Dame durch Messerstiche in den Hals, eine 30-jährige Mutter von zwei Kindern in einem Café in der Nähe des Gotteshauses, wohin sie sich schwer verletzt geflüchtet hatte.
Der mutmaßliche Täter wurde nach Angaben der Stadt Nizza angeschossen und festgenommen. Bürgermeister Christian Estrosi teilte per Twitter mit, dass alles auf einen Terroranschlag hindeute. „Allahu Akbar“ habe der Mann selbst nach seiner Festnahme immer wieder gerufen, so Estrosi laut „Bild“.
Bei der Kirche Notre-Dame in Nizza waren am Donnerstagmorgen zahlreiche Einsatzkräfte vor Ort. In ersten Agenturmeldungen war noch von einem „Messerangriff“ die Rede gewesen. Laut der Online-Ausgabe von „Nice Matin“ fielen auch Schüsse. Der Angreifer wurde laut Berichten mit vier Schüssen außer Gefecht gesetzt. Es soll sich um einen 21-jährigen Tunesier handeln, der erst Ende September per Boot nach Lampedusa gekommen war. Ob er von langer Hand mit einem Terrorplan unterwegs war, ist unklar. Ein 47-jähriger Landsmann wird jedenfalls als Mitwisser verdächtigt und ist verhaftet worden.

Paris/Brüssel

Polizei tötet Mann bei Vorfall in Avignon

Die Polizei hat am Donnerstag im ebenfalls südfranzösischen Avignon zudem einen mutmaßlichen Angreifer getötet, der Passanten mit einer Waffe bedroht haben soll. Es soll sich um einen psychisch gestörten Mann ohne islamistischen Hintergrund handeln. Außerdem gab es laut Medien eine Aggression gegen das französische Konsulat in Jiddah in Saudi-Arabien. Ein Wachmann soll leicht verletzt worden sein. Für ganz Frankreich wurde mittlerweile die Terrorwarnstufe 3 ausgerufen. Sie besagt, dass weitere Attentate unmittelbar bevorstehen könnten. Der mutmaßliche Nizza-Angreifer ist inzwischen positiv auf Corona getestet worden. Es soll mehrere Mitwisser geben.

Islamische Welt im Streit mit Frankreich

Der Lehrer Samuel Paty war am 16. Oktober von einem 18-jährigen Tschetschenen getötet worden, weil er im Gemeinschaftskunde-Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, um das Recht auf Meinungsfreiheit zu diskutieren. Die Moslems unter den Schülern hatte er zuvor aus dem Klassenzimmer gebeten, um deren religiöse Gefühle nicht zu verletzen. Dennoch wurde anschließend im Umfeld über Messenger und soziale Medien gegen Paty gehetzt. Inzwischen toben in der gesamten islamischen Welt verbale Aggressionen gegen Frankreich und seinen Staatschef Macron, wie unter anderem die Tageszeitung „Le Figaro“ berichtet. Das kontroverse Satiremagazin Charlie Hebdo machte sich hingegen auf seiner Titelseite über die Frankreich-Beschimpfungen des türkischen Präsidenten Erdogan lustig.

Erinnerung an Terror von 2016 in Nizza

In Nizza wurden auch Erinnerungen an den Terroranschlag vom 14. Juli 2016 wach. Bei den Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag kurz nach Abschluss der Fußball-EM waren 86 Menschen von einem Lkw-Attentäter überrollt und getötet worden. Außerdem gab es 400 Verletzte. Schon länger läuft in Frankreich eine Debatte über eine Welle von Kirchenschändungen und Sachbeschädigungen, die selbst in Dörfern und Kleinstädten zum ständigen Verschließen der tagsüber traditionell eigentlich offen stehenden katholischen Gotteshäuser zwingt. Allein seit Anfang 2020 hat die französische Polizei laut Medienberichten acht islamistische Terrorakte verhindert.