Erdbeben in Thailand und Myanmar: Experte rechnet mit tausenden Todesopfern

Rettungskräfte sind am 28.03.2025 in Thailand im Einsatz. Nach einem Erdbeben der Stärke 7,7 ist in Bangkok ein Hochhaus eingestürzt ist.
Sakchai Lalit/AP/dpaEin starkes Erdbeben mit Epizentrum in Myanmar hat mehrere Länder Südostasiens erschüttert. Mit welchen Folgen und Auswirkungen ist in der Region zu rechnen?
Erdbeben in Myanmar: Auswirkungen auch auf Thailand und China
Das Deutsche Geoforschungsinstitut (GFZ) in Potsdam meldete laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ein Erdbeben der Stärke 7,6 in Thailands Nachbarland Myanmar in einer Tiefe von circa 20 Kilometern. Die US-Erdbebenwarte USGS verzeichnete ein Beben der Stärke 7,7 in zehn Kilometer Tiefe. Die Erde habe teils minutenlang gezittert, hieß es. Zudem registrierten die US-Forscher ein paar Minuten später etwas südlich ein weiteres Erbeben mit einer Stärke von 6,4. Zu spüren war das Beben unter anderem in Thailands Hauptstadt Bangkok, aber auch in Teilen Indiens, Chinas und in Vietnams Hauptstadt Hanoi.
Wie entstehen Erdbeben eigentlich? Alle Infos dazu gibt es in diesem Artikel.
Experte im Interview zu den Erdbeben in Südostasien

Dr. Andreas Schäfer, Experte für Erdbebenforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gibt eine Einschätzung zur aktuellen Lage in Südostasien. Er forscht unter anderem zu Tsunamirisiken, Ingenieur-Seismologie, Erdbeben-Ingenieurwesen und Erdbebenprognosen.
privatNachbeben möglich: Gebäude von Einsturz gefährdet
Die Region um Thailand, Myanmar und China ist Dr. Schäfer zufolge bekannt für ihre hohe seismische Aktivität. Die Region liege auf der Kollisionszone zwischen der Indischen und der Eurasischen Platte, was sie stark erdbebengefährdet macht. „Es gab mehrere vergleichbar starke Erdbeben in den letzten 200 Jahren. Das kann man schon als häufig einordnen,“ sagt Schäfer.
Ihm zufolge muss jetzt mit jeder Menge weiteren Erdbeben in der Region gerechnet werden, vor allem sogenannten Nachbeben. Diese entstehen durch die geologische Entspannung nach dem Hauptbeben. „Das ist dann dieser Entspannungsprozess, der natürlich auf so ein großes Erdbeben eigentlich immer folgt.“, merkt Schäfer an. Besonders in den ersten Tagen seien starke Erschütterungen zu erwarten, wenn auch mit geringerer Magnitude als das Hauptbeben. Als Faustformel gibt Schäfer an, dass diese in der Regel mindestens eine Magnitude kleiner seien.
Zwar bestehe eine geringe Wahrscheinlichkeit für ein weiteres schweres Hauptbeben in einer benachbarten Verwerfung, jedoch würden historische Daten darauf hinweisen, dass dies selten vorkommt. Andreas Schäfer führt aus: „Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass das jetzt auch passieren muss. Von den Erdbeben, die man die letzten 200 Jahre aus der Region kennt, ist es einmal passiert.“ Dennoch sollten die Menschen in der Region weiterhin auf Nachbeben vorbereitet sein, da bereits beschädigte Gebäude weiter einsturzgefährdet sein könnten. Für die Bevölkerung kann die andauernde Gefahr auch weitere Auswirkungen haben: „Das ist natürlich auch eine psychologische Überlastung für die Menschen, wenn sie so viele Erdbeben in kurzer Zeit spüren.“
Thailand und Myanmar: Wie groß ist die Gefahr eines Tsunamis?
Das Epizentrum des Bebens habe an der Sagaing-Verwerfung in Myanmar gelegen. Schäfer gibt bei der Frage nach möglichen Tsunamis deswegen Entwarnung: „Dadurch, dass die Verwerfung komplett an Land liegt, sind Tsunamis eigentlich nicht zu erwarten.“ Stattdessen könne es in der betroffenen Region vermehrt zu Erdrutschen kommen. „Das ist typisch für die Region, das hatten wir auch beim Nepal-Erdbeben 2015.“ erklärt der Wissenschaftler weiter.
Hochhaus in Bangkok eingestürzt - Wie konnte es dazu kommen?
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ist in Thailand ein Hochhaus eingestürzt. In Bangkok brach der Rohbau eines mehr als 30 Stockwerke hohen Gebäudes nach den Erschütterungen in sich zusammen. Videos im Internet zeigten, wie Arbeiter vor dem einstürzenden Hochhaus davonliefen. Medienberichten zufolge gab es nach aktuellem Stand dort mindestens drei Todesfälle, mehr als 80 Arbeiter würden vermisst.
Schäfer vermutet, dass der Einsturz des Hochhauses in Bangkok trotz der Entfernung vom Epizentrum des Bebens vermutlich auf zwei Faktoren zurückzuführen ist. Zum einen sei der Wolkenkratzer einfach noch nicht fertig gewesen: „Der hatte noch nicht die strukturelle Stärke, die er gegen so ein Erdbeben bräuchte.“ Zum anderen könnte die Bodenbewegung auch „über eine lange Distanz einen Frequenzanteil [gehabt haben], welcher dann auch die Eigenfrequenz von so einem hohen Gebäude mit anspricht. Normalerweise haben Gebäude in Erdbebengebieten dann entsprechende Dämpfungsmechanismen, dass das eben nicht passiert. Aber kann natürlich sein, dadurch, dass der erst im Bau gewesen ist, dass da irgendwo noch eine strukturelle Schwäche war und das dann zum Einsturz geführt hat.“
Lage in Myanmar: Mehrere 10.000 Tote möglich
Zwar richtet sich die mediale Aufmerksamkeit in Deutschland aktuell auf Thailand. Tatsächlich sei die Situation in Myanmar jedoch deutlich dramatischer, da das Epizentrum auch bei der Stadt Mandalay mit über 1,2 Millionen Einwohnern lag. Andreas Schäfer schätzt die Folgen als verheerend ein: „Wir müssen wahrscheinlich in Myanmar mit mehreren 10.000 Toten rechnen." Zum Gebet seien beim ersten Beben viele Menschen in den Moscheen gewesen. Zahlreiche Gebäude, Brücken und sogar Krankenhäuser seien eingestürzt.
Die Rettungsarbeiten gestalten sich aufgrund der politischen Lage in Myanmar schwierig. „Es ist fraglich, ob wir jemals eine genaue Opferzahl erfahren werden. Schließlich gibt es dort einen Bürgerkrieg und ein autoritäres Regime, das den Informationsfluss kontrolliert,“ gibt Schäfer zu bedenken.
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