• Die Corona-Zahlen in Deutschland, Europa und der Welt steigen weiter rasant an
  • Weltweit sind Forscher auf der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus
  • Wann aber kommt ein Impfstoff gegen Corona?

Die Meldung schaffte es am Montag auf alle großen Nachrichtenseiten in Deutschland: Bis zu „90-prozentigen Schutz“ soll ein neuer Impfstoff gegen das Coronavirus bieten, den das Mainzer Unternehmen Biontech entwickelt hat. Die Phase-3-Tests seien vielversprechend, die Beantragung einer Zulassung nur Tage entfernt. Die Ankündigung fällt in eine Zeit, in der zumindest in Deutschland in den Tagen zuvor bereits heftig über mögliche Verteilungsstrategien diskutiert worden war.
Coronavirus Deutschland aktuell Impfstoff-Verteilung: Bitte etwas konkreter

Berlin

So groß die Freude über die beeindruckenden Zwischenergebnisse bei der Erprobung des Corona-Impfstoffs von Biontech und des US-Pharmakonzerns Pfizer auch ist: Zu den Informationen, die bislang nur aus einer kurzen Mitteilung der Hersteller stammen, sind noch eine ganze Reihe wichtiger Fragen offen. „Ich hoffe, dass die Daten möglichst bald veröffentlicht werden, damit man sich ein genaueres Bild machen kann“, sagte Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, der Deutschen Presse-Agentur. Insgesamt spricht er aber von „einem sehr erfreulichen Ergebnis“.

Impfstoff von Biontech: Zu Nebenwirkungen lässt sich laut Experte noch nicht viel sagen

Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, betonte, auch zu möglichen Nebenwirkungen lasse sich noch nicht all zu viel sagen. Zwar hätten sich nach Angaben der Unternehmen keine sicherheitsrelevanten Nebenwirkungen gezeigt. Sander verweist aber darauf, „dass der Beobachtungszeitraum für relevante Impfnebenwirkungen noch zu kurz ist“.
Unklar sei auch, ob der Impfstoff in verschiedenen Gruppen - insbesondere Risikogruppen wie älteren Menschen - gleichermaßen effizient wirkt. Ebenso fehlten Angaben dazu, wie sehr die Impfung vor schweren Verläufen von Covid-19 schütze. „Zudem muss sich zeigen, wie lange der Impfschutz anhält.“
Die Aktien von Biontech-Partner Pfizer - hier die Zentrale in New York - und Biontech selbst sind am Montag in die Höhe geschossen, nachdem die Biotech-Unternehmen verkündeten, einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt zu haben, das einen bis zu "90-prozentigen Schutz" biete.
Die Aktien von Biontech-Partner Pfizer - hier die Zentrale in New York - und Biontech selbst sind am Montag in die Höhe geschossen, nachdem die Biotech-Unternehmen verkündeten, einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt zu haben, das einen bis zu „90-prozentigen Schutz“ biete.
© Foto: DPA

Der RNA-Impfstoff basiert auf einem völlig neuem Mechanismus

Sollte sich die hohe Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent bestätigen, „wäre dies eine unerwartet hohe Impfeffizienz“, sagt Sander. Viele routinemäßig eingesetzte Impfstoffe wie etwa gegen Influenza erreichten keine so hohen Werte. „Dies ist umso erstaunlicher, als mit der mRNA-Technologie noch nie ein Impfstoff zugelassen wurde.“
Das Biontech-Präparat BNT162b2 ist ein sogenannter RNA-Impfstoff, der auf einem bislang völlig neuen Mechanismus basiert. Er enthält genetische Informationen des Erregers, aus denen der Körper ein Viruseiweiß herstellt - in diesem Fall das Oberflächenprotein, mit dessen Hilfe das Virus in Zellen eindringt. Ziel der Impfung ist es, den Körper zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein anzuregen, um die Viren abzufangen, bevor sie in die Zellen eindringen und sich vermehren.
Auch Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing zeigte sich überrascht von der hohen Wirksamkeit, die Biontech und Pfizer mit über 90 Prozent angeben. „Dies ist bemerkenswert, da viele laufende Impfstudien zu Covid-19 derzeit lediglich eine Erfolgsquote von mindestens 50 Prozent voraussetzen.“ Auch die US-Zulassungsbehörde FDA hatte eine Wirksamkeit von 50 Prozent als Mindestwert für eine mögliche Zulassung festgelegt.

Corona Impfstoff: Diese Arten von Impfungen gibt es

Alle Impfstoffkandidaten basieren auf dem Grundprinzip, unserem Immunsystem Teile (Antigene) des SARS-CoV-2 zu präsentieren, so dass eine Immunität gegenüber dem Erreger aufgebaut werden kann. Die unterschiedlichen Kandidaten nutzen dabei sehr verschiedene Antigeneteile und Ansätze. Dabei gibt es drei Hauptentwicklungslinien:
  • Lebendimpfstoffe mit Vektorviren (aktive Impfstoffe): Diese Art Impfstoff enthält sehr geringe Mengen vermehrungsfähiger Krankheitserreger.
  • Totimpfstoffe mit Virusproteinen (passive Impfstoffe): Totimpfstoffe oder inaktive Impfstoffe enthalten nur abgetötete Krankheitserreger. Diese regen dennoch eine Immunabwehr an, weil der Körper auch die toten Erreger als fremd erkennt und Antikörper bildet.
  • mRNA/DNA-Impfstoffe: Bei dieser Art genetischem Impfstoff werden nur einzelne Gensequenzen des Virus in Form von Nukleinsäuren verwendet. Auch diese können das Immunsystem aktivieren. Die Entwicklung dauert bei dieser Impfstoffart wesentlich kürzer als bei den beiden anderen, weshalb für den Corona-Impfstoffen hauptsächlich an dieser Art geforscht wird.

Impfstoff von Biontech und Pfizer seit Januar entwickelt

Als erste westliche Hersteller hatten Biontech und Pfizer am Montag Ergebnisse einer für die Zulassung entscheidenden Studie veröffentlicht. Demnach bietet ihr Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor der Krankheit Covid-19. Schwere Nebenwirkungen seien bislang nicht registriert worden, hieß es. Die Unternehmen wollten voraussichtlich ab der kommenden Woche die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragen.
Biontech hatte den Impfstoff BNT162b2 im Projekt „Lightspeed“ (Lichtgeschwindigkeit) seit Mitte Januar entwickelt. Die für eine Zulassung entscheidende Phase-3-Studie begann Ende Juli. Bis Montag haben mehr als 43 500 Menschen mindestens eine der beiden Impfungen bekommen, die im Abstand von drei Wochen verabreicht werden. Ein Impfschutz wird nach Angaben der Hersteller eine Woche nach der zweiten Injektion erreicht.

Wann kommt der Impfstoff gegen Corona?

Das globale Rennen um einen Corona-Impfstoff geht in eine heiße Phase. Curevac ist bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 einer von mehreren Hoffnungsträgern weltweit. Während die Firmen Biontech/Pfizer und Moderna ihre Impfstoffe schon in Phase 3 testen, ist der Impfstoff des Tübinger Biotech-Herstellers noch nicht ganz so weit und wird noch in Phase 2 untersucht.
Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums hatte Ende Oktober erklärt, dass man davon ausgehe, dass Anfang 2021 ein Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. Der „Spiegel“ zitierte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in seiner damaligen Ausgabe mit den Worten, es könne Januar sein, vielleicht auch Februar oder März – oder sogar noch später.
„Bild“ hatte zuvor unter Berufung auf Teilnehmer einer Videoschaltkonferenz der Gesundheitsminister der Länder mit Spahn berichtet, dass Impfungen schon früher möglich sein könnten. Spahn habe dort erklärt, Biontech stehe dicht vor der Zulassung eines Impfstoffs. Auf Nachfragen, wann er mit ersten Impfungen rechne, habe Spahn gesagt, „Das könnte noch vor Ende des Jahres passieren.“

Weltweite Suche nach einem Impfstoff gegen Corona: Drei deutsche Hoffnungsträger

Weltweit sind Forscher auf der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Deutschland mischt dabei kräftig mit. Gleich drei Firmen respektive Forschungszentren haben aussichtsreiche Kandidaten und Ansätze.

Biontech

Das Mainzer Pharmaunternehmen und sein US-Partner Pfizer gehören zu den derzeit führenden Entwicklern eines potenziellen neuen Impfstoffs. Erst am Montag meldeten sie unter Verweis auf die Analyse erster Daten aus ihren seit Juli laufenden großangelegten klinischen Tests mit ihrem Wirkstoff, dass dieser eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent aufweise. Voraussichtlich in der kommenden Woche wollen sie eine beschleunigte Marktzulassung in den USA beantragen. Zuvor müsse aber noch ein wichtiger "Sicherheitsmeilenstein" erreicht werden, hieß es.
Bei der Suche nach einem möglichen Corona-Impfstoff setzen Firmen und Institutionen auf unterschiedliche Wege. Biontech und Pfizer nutzen die sogenannte mRNA-Technologie. Dabei werden Teile der Erbgutinformationen des Coronavirus in den menschlichen Körper injiziert, wo sie von Zellen aufgenommen werden und die Immunabwehr anregen. Die Zellen stellen eine begrenzte Menge virustypischer Eiweiße her, woraufhin der menschliche Körper Antikörper produziert. Bei einem späteren Kontakt mit echten Coronaviren erkennt das Immunsystem die Strukturen wieder und reagiert.
Biontech und Pfizer begannen bereits Ende Juli mit großen klinischen Studien der Phase drei, deren Ergebnisse maßgeblich für eine Zulassung durch die Behörden sind. Die Planungen für eine Massenproduktion nach einer etwaigen Genehmigung laufen bereits seit langem. Die EU sicherte sich durch Vorverträge bereits 200 Millionen Impfdosen und eine Option auf weitere 100 Millionen. Die Bundesregierung stellte Biontech 375 Millionen Euro zum Aufbau von Produktionskapazitäten zur Verfügung.
Kurz nach der Veröffentlichung ermutigender Zwischenergebnisse zu seinem Corona-Impfstoff legt das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech am Dienstag Zahlen zum dritten Quartal 2020 vor. Zudem will Biontech um 14 Uhr in einer Telefonkonferenz „Informationen zum operativen Fortschritt“ geben.

Curevac

Auch das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac mischt bei der Suche nach einem Impfstoff mit und vermeldete zuletzt „sehr ermutigende“ erste Studiendaten. Im Vergleich zu Biontech und Pizer liegt die Firma aber zeitlich etwas zurück.
Auch Curevac setzt auf einen Impfstoff auf der Basis der mRNA-Methode, um das Immunsystem auf einen Kontakt mit den neuartigen Coronaviren vorzubereiten. Die Technologie gilt allgemein als vielversprechend, ist aber noch neu.
Auch Curevac treibt bereits die Vorbereitungen für eine Großproduktion seines Wirkstoffs voran. Mit der EU unterzeichnete die Firma schon einen Vorvertrag über 225 Millionen Dosen, der Bund bezuschusst Curevac mit 230 Millionen Euro. Wie bei Biontech soll das Geld in den Aufbau von großen Produktionsanlagen und die Beschleunigung der Tests fließen.

Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Unter dem Dach des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) arbeiten Wissenschaftler und Ärzte ebenfalls an einem Impfstoff aus Deutschland. Beteiligt sind Experten an den drei Universitätskliniken in München, Hamburg und Marburg. Ihr Impfstoff befindet sich ebenfalls noch in der ersten Testphase, die Prüfung begann vor etwa einem Monat.
Der nichtkommerzielle DZIF-Verband setzt anders als die Konkurrenz auf einen sogenannten Vektorimpfstoff. Dabei werden Erbgutinformationen des Coronavirus nicht wie bei der mRNA-Methode in einer Fett-Wasser-Lösung injiziert, sondern Genmaterial wird in einen gentechnisch veränderten harmlosen Trägerviren eingebaut, mit denen es in den Körper gelangt, wo es das Immunsystem aktiviert. Die Experten nutzen ein speziell für solche Zwecke entwickeltes Pockenvirus, auf dessen Basis sie bereits erfolgreich eine Immunisierung gegen das Mers-Coronavirus entwickelten.
Mit dem Beginn der nächsten Studienphase rechnet das DZIF etwa zum Ende des Jahres. Bei der Herstellung kooperiert die Forschungsgemeinschaft mit der Firma IDT Biologika aus Dessau-Rosslau, die auf derartige Aufträge spezialisiert ist. Auch sie wird wie Biontech und Curevac aus einem Programm der Regierung gefördert - und zwar mit 114 Millionen Euro.

Impfstoff von Biontech und Pfizer: Das sagen ausländische Medien

  • NZZ, Schweiz:
„Damit könnte sich doch noch erfüllen, worauf die gesamte Pharmabranche gesetzt hat - nämlich, dass noch vor Ende dieses Jahres Gesundheitsbehörden in den USA und in Europa einem ersten Impfstoff gegen Sars-CoV-2 die Zulassung erteilen werden. Die Geschäftsführung von Pfizer unter dem CEO Albert Bourla hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder dahingehend geäußert, dass bei ihr in Sachen Impfstoff fast alles wie nach Drehbuch laufe. Zugleich hatte die Leitung des Konzerns aber beteuert, sich nicht unter politischen Druck setzen zu lassen.
Insofern ist es eine glückliche Fügung, dass Pfizer nun nicht, wie ursprünglich geplant, schon Ende Oktober, sondern erst jetzt und damit nach dem Ausrufen eines Wahlsiegers in den USA erstmals über den Ausgang der Phase-III-Studie berichtet hat. Dies dürfte zur allgemeinen Überzeugung beitragen, dass Pfizer sich als größter amerikanischer Pharmakonzern tatsächlich nicht in eine politische Kampagne hat einspannen lassen.“
  • De Tijd, Niederlande:
„Das eröffnet Perspektiven einer Rückkehr zu einem normalen sozialen und wirtschaftlichen Leben. Nicht sofort, aber durchaus im Laufe des kommenden Jahres. Die Aktienmärkte haben gleich einen kräftigen Vorschuss aufgenommen. Die Börsen reagierten euphorisch auf die Impfstoff-Nachricht. Kurse von Unternehmen, die schwer unter der Corona-Krise leiden - Fluggesellschaften, Reiseveranstalter, Hotels, Kinobetreiber - schossen in die Höhe.
Verfrüht? Es ist durchaus Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Aber der Weg ist lang. Noch stehen uns erhebliche Herausforderungen bevor. Es können unerwartete Schwierigkeiten beim Genehmigungsverfahren auftauchen. Die fertigen Dosen zu den Patienten zu bringen und sie damit zu impfen, wird obendrein zu einem logistischen Kraftakt.“

Aktien von Pfizer und Biontech schießen an den Börsen in die Höhe

Die Impfstoff-Meldung schlug sich positiv auf die Bewertung von Biontech an der US-Technologiebörse Nasdaq nieder. Die Aktie schoss im vorbörslichen Handel um zeitweise 25 Prozent nach oben. Der Kurs von Pfizer an der Börse in New York lag kurz nach Handelsbeginn mit mehr als acht Prozent im Plus. Im elektronischen Handel hatte der Kurs zwischenzeitlich einen Zuwachs von 17 Prozent verzeichnet.