• In Deutschland sind die Corona-Infektionszahlen und Inzidenzen deutlich gesunken.
  • Die dritte Welle ist gebrochen.
  • 47,01 Prozent der Menschen in Deutschland wurden mindestens ein Mal geimpft.
  • In der Politik gibt es die Forderung nach dem Wegfall aller Corona-Regeln spätestens im Herbst.
  • Mediziner und Virologen warnen vor einer vierten Welle des Coronavirus.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) spricht sich dafür aus, die Corona-Regeln im Herbst komplett zu lockern. „Ich glaube, wir können das Risiko der kompletten Öffnung im Herbst eingehen“, sagte Ramelow der „Rheinischen Post“. Die Widerstandskraft sei durch den Impfstoff in diesem Jahr höher. Er wisse aber auch, dass sich 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung nicht impfen lassen werden. „Die müssen das Risiko dann selbst tragen und verantworten“, sagte Ramelow.

Wann hört Corona auf? Vierte Welle wird laut Medizinern und Virologen kommen

Trotz der gesunkenen Neuinfektionen und weiter steigenden Zahl der Impfungen wird das Coronavirus auch im Herbst weiter ein Thema bleiben. Da sind sich Mediziner und Virologen einig. Sie sagen eine vierte Corona-Welle voraus - offen ist allerdings noch, wie hoch diese ausfallen wird.
  • Der Bonner Virologe Hendrik Streeck warnt vor einer heftigen vierten Welle der Corona-Pandemie in Deutschland. „Im Herbst werden die Infektionszahlen steigen“, sagte Streeck im Videocast „19 - die Chefvisite“. Niemand könne vorhersagen, wie sehr, aber: „Wir sollten uns auf einen starken Anstieg vorbereiten.“
  • Der Virologe Christian Drosten hat vor allem die Entwicklung der in Indien entdeckten Mutante Delta im Blick, die sich leichter verbreitet und in England schon für einen erneuten Anstieg der Fallzahlen sorgt. „Natürlich wird die Fallzahl gen Winter wieder hochgehen. Das kann auch schon im Herbst passieren. Aber das wird ab jetzt jeden Winter passieren“, sagte Drosten. Die Situation sei dann durch den erwarteten Effekt der Impfungen auf Krankheitsverläufe aber verändert: Würde man strikt nur Labornachweise messen, sähe man wohl eine Art vierte Welle. Aber es sei dann keine pandemische Welle mehr. Drosten hatte auch zuvor schon mehrfach betont, dass er langfristig damit rechnet, dass sich Sars-CoV-2 wie die altbekannten Coronaviren verhalten werde, die Erkältungen auslösen.
  • Der Mediziner und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach räumte ebenfalls ein, dass die Delta-Variante deutlich gefährlicher sei. Die gute Nachricht sei aber, dass sie in Deutschland bisher weniger als zwei Prozent der Infektionen ausmache. „Wenn wir Superspreading verhindern, sind wir bei dieser Variante auf der sicheren Seite“, sagte Lauterbach. Daher sollten Innenräume von Restaurants, Hotels und bei Veranstaltungen nur für Geimpfte, Getestete oder Genesene zugänglich sein, forderte der SPD-Politiker. „Im Herbst kann es eine kleinere vierte Welle geben, aber wir werden keinen Lockdown mehr brauchen“, prognostizierte Lauterbach.
  • Die Virologin Melanie Brinkmann zeigte sich besorgt über größere Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen, etwa in Fitnessstudios, beim Hallensport oder in der Innengastronomie. „Mir wird dabei ganz anders“, sagte sie der „Rheinischen Post“. Auf die Frage, ob eine vierte Welle noch in diesem Sommer komme, sagte sie: „Wenn es richtig schlecht läuft, dann schon.“ Sieben-Tages-Inzidenzen von 100 Neuinfektionen je 100.000 Menschen halte sie für möglich. „Ich befürchte, das kann ganz schnell gehen, auch im Sommer.“
  • Intensivmediziner rechnen damit, dass sich die zunächst in Indien entdeckte Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland durchsetzen wird. „Der große Unsicherheitsfaktor ist gerade die neue Mutation B.1.617.2, die noch ansteckender als die derzeit dominierende Variante B.1.1.7 sein soll. Schrittweise wird sich deshalb auch in den nächsten Wochen diese neue Mutation durchsetzen“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, der „Rheinischen Post“. Wenn die Menschen unvorsichtig würden, könnten die Infektionszahlen wieder hochschnellen. „Dann ist eine vierte Welle möglich“, warnte Marx. Die Intensivmedizin sei auf dieses Szenario aber vorbereitet.

Wann wird in Deutschland die Herdenimmunität erreicht?

Mit dem Fortschritt der Impfungen nähert sich Deutschland auch dem Ziel der Herdenimmunität. Dieses kann allerdings immer wieder unter anderem durch neue Corona-Mutationen in Gefahr geraten. Der Virologe Hendrik Streeck rechnet in Deutschland nicht mit einer Herdenimmunität gegen das Coronavirus bis Herbst. „Ich bin skeptisch. Wir haben es ja nicht mit Impfstoffen zu tun, die vollständig vor einer Infektion schützen“, sagte Streeck der Deutschen Presse-Agentur. Auch Geimpfte mit hoher Antikörperreaktion könnten sich mit dem Virus infizieren und es an andere weitergeben. „Nur seltener“, sagte Streeck. Das Robert Koch-Institut schreibt dazu, dass die in Deutschland verwendeten Impfstoffe Infektionen in „erheblichem Maße verhindern“ und „das Risiko einer Virusübertragung stark vermindern“. Streeck wies zudem darauf hin, dass die Immunantwort mit der Zeit nachlassen dürfte. „Wie stark der Effekt ist, wird man erst im Herbst bemessen können.“
Der Virologe Christian Drosten hat vor Rückschlägen für die Corona-Impfkampagne über den Sommer in Deutschland gewarnt. Man müsse aufpassen, dass die Menschen künftig nicht nachlässig würden und sich zum Beispiel die Zweitimpfung nicht mehr abholten, weil sie keine Lust mehr hätten oder es zu kompliziert sei, sagte der Leiter der Virologie der Berliner Charité am Dienstag im Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR-Info). „Solche Dinge dürfen einfach nicht eintreten. Das wird, glaube ich, die nächste große Aufgabe sein.“ Drosten erwartet demnach in einigen Wochen eine Diskussion über die Förderung der Impfbereitschaft. Ziel seien mindestens 80 Prozent Zweifachimpfungen, zumindest in der „impffähigen erwachsenen Bevölkerung“, erinnerte er. Dies werde hoffentlich bis Ende August, Mitte September erreicht werden.

Impfmanager in Mecklenburg-Vorpommern: Schwesig will vierte Welle verhindern

Nicht nur Virologen und Gesundheitsexperten betrachten die aktuellen Entwicklungen der Virusverbreitung, der Impfkampagne und der Mutantenansteckungen. Auch Politikerinnen und Politiker machen sich Gedanken um eine mögliche vierte Welle und wie diese abgeschwächt oder gar verhindert werden kann. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ist wegen einer potentiellen vierten Welle besorgt. „Wir können uns nur durch das Impfen vor einer möglichen weiteren Welle im Herbst schützen“, sagte sie nach einer Beratung der Ministerpräsidenten der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel. Auch, wenn MV aktuell die bundesweit niedrigste Inzidenz habe, könne man sich nicht darauf verlassen, „dass Corona weg ist.“
Um die Herausforderungen um eine vierte Welle meistern zu können, wurde in MV nun ein Stab beim Gesundheitsministerium installiert. Stabchef wird Uwe Becker, der als Impfmanager des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingesetzt wird, erklärte Schwesig am Donnerstag (09.06.2021). Auch die Impfzentren möchte Schwesig bis in den Herbst behalten: „Wir werden in den Herbst hineinimpfen müssen, um uns zu schützen, und vor allem wollen wir dann auch Auffrischungsimpfungen machen.“

Wie lange müssen noch Masken getragen werden?

Seit gut einem Jahr tragen Menschen in Deutschland in vielen Alltagssituationen Mundschutz. Niedersachsen war einer Lockerung der Maskenpflicht kürzlich nicht abgeneigt - zog den Plan aber letztlich wieder zurück. Wann heißt es endlich: Maske runter? „Frühestens, wenn wir Impfquoten von 70 bis 80 Prozent erreicht haben, könnte man darüber nachdenken“, sagt der Virologe Friedemann Weber von der Uni Gießen der Deutschen Presse-Agentur. Er meint vollständig Geimpfte. „Wir haben immer noch eine Pandemie mit einem unklaren weiteren Verlauf unter anderem durch Virusvarianten.“ Der eingeschlagene Weg sollte aus Webers Sicht beibehalten werden. „Eine Aufhebung der Maskenpflicht im Einzelhandel wäre gerade das völlig falsche Signal und sehr kurzsichtig gedacht.“ Zumal der Aufwand, Maske zu tragen, gering sei - der Gewinn für die Pandemie-Bekämpfung hingegen groß. „Die Maske tut doch niemandem weh.“
Nach einer im Fachblatt „Science“ veröffentlichten Studie des Virologen Christian Drosten liegt das Maximum der Virus-Ausscheidung ein bis drei Tage vor Beginn der Symptome. Der Infizierte merkt also noch gar nicht, dass er krank ist und andere anstecken könnte. Eine Maske kann da viel ungewolltes Ungemach verhindern. Wichtig ist vor allem, die Masken richtig zu tragen.
Auch ist die Infektionsgefahr in Innenräumen nach Einschätzung von Aerosolforschern deutlich höher als an der frischen Luft. Daher sollte die Maskenpflicht nach Meinung von Gerhard Scheuch, dem früheren Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, auch zuerst bei Outdoor-Aktivitäten wie etwa Zoobesuchen aufgehoben werden, bevor man den Einzelhandel wie kleine Souvenirläden angeht.

Spahn für Ende der Maskenpflicht in Deutschland

In der Schule, beim Einkaufen und bei Treffen - die Maske ist seit einem Jahr der stetige Begleiter der Corona-Krise. Zahlreiche Politikerinnen und Politiker sprachen sich für ein Ende der Maskenpflicht aus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stellte ein schrittweises Ende der Maskenpflicht in den Raum. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich ebenfalls für eine Aufhebung aus - allerdings zunächst nur draußen. In Innenräumen, also auch in Schulen und beim Einkaufen, sei sie weiter nötig. Die Forderung des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki nach einem kompletten Ende der Maskenpflicht nannte er Wahlkampf.