Demos gegen Rechts
: „Die AfD macht mir persönlich extrem Angst“ – zwei Schwestern mit türkischen Wurzeln erzählen

Zwei junge Frauen mit türkischen Wurzeln erzählen, was die Proteste gegen Rechtsextremismus für sie bedeuten – und wieso sie die AfD nicht verstehen können.
Von
Moritz Clauß
Ulm/Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Die Schwestern Aylin (links) und Ayla Varol haben türkische Wurzeln. In der Türkei machen sie gerne Urlaub – zu Hause fühlen sie sich in Deutschland.

Privat

Sie sind in Deutschland geboren. Sie sprechen Deutsch. Sie haben einen deutschen Pass. „Ich glaube, wir sind mehr deutsch als türkisch“, sagt Aylin Varol über sich selbst und ihre jüngere Schwester Ayla. Beim Statistischen Landesamt würde man sagen: Die beiden Frauen aus Laupheim (Landkreis Biberach) haben einen Migrationshintergrund. Ihre Großväter kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, der Vater als 16-Jähriger, die Mutter als Baby. Wie Millionen Menschen aus der Türkei und anderen Ländern haben sich die Varols ein Leben in der Bundesrepublik aufgebaut. Und wie Millionen andere Menschen verfolgen sie nun aufmerksam die öffentlichen Debatten darüber, wer eigentlich dazugehört in diesem Land – und wer nicht.

Ginge es nach der Alternative für Deutschland, dann würden viele nicht dazugehören. „Die AfD macht mir persönlich extrem Angst“, sagt Aylin Varol. Was sei denn der Unterschied zwischen ihr und einer Person, deren Familie schon immer in Deutschland gelebt habe? „Deutschland ist unsere Heimat, wir sind hier geboren und aufgewachsen“, sagt die 28-jährige Bauingenieurin: „Wenn wir in der Türkei sind, machen wir zwei oder drei Wochen Urlaub und dann vermissen wir unser Zuhause.“

„Ich habe kein Verständnis dafür“

Ihre Schwester Ayla ergänzt: „Ich habe kein Verständnis dafür, warum wir in deren Augen so anders sind.“ Sie finde es verletzend, zu wissen, dass jemand gegen einen selbst vorgehen wolle, nur weil man dunkleres Haar oder eine andere Glaubensrichtung als diese Person habe. Ebenso wenig könne sie verstehen, wenn Menschen einen Unterschied zwischen ihr und anderen Menschen mit ausländischen Wurzeln machen, sagt die 25-Jährige: „Dann bist du für diese Leute deutsch, weil sie dich kennen, und andere Leute schmeißen dich wieder in einen Topf mit den anderen. Aber wer soll das denn sein: die anderen?“

Wie den beiden Schwestern geht es vielen Menschen in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern – spätestens, seit das Medienportal Correctiv Anfang des Jahres über ein geheimes Treffen berichtete, an dem Mitglieder der AfD und der CDU teilgenommen hatten. Der rechtsextreme Österreicher Martin Sellner soll bei dem Treffen das Konzept der „Remigration“ erläutert haben. Demnach sollten auch „nicht assimilierte Staatsbürger“ Deutschland verlassen. Alleine in Baden-Württemberg wohnen knapp vier Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Darunter sind mehr als eine Million Menschen, die in Deutschland geboren wurden und einen deutschen Pass haben – so wie die beiden Schwestern aus Laupheim.

„Ich bin nach Hause gefahren und habe geheult“

Ayla Varol sagt, bei vergangenen Wahlen sei sie überzeugt gewesen, dass viele Menschen die AfD aus Frust wählten, „obwohl es nicht richtig ist“. Seit den Berichten über das Geheimtreffen wisse sie aber, dass es in der AfD derart radikale Pläne gebe. Solche Pläne könne man nicht aus Frust über irgendetwas anderes unterstützen.

Die beiden Schwestern und weitere Mitglieder ihrer Familie haben immer wieder Erfahrungen mit Alltagsrassismus gemacht. Ayla Varol erzählt von einer Präsentation, die sie einmal mit einer Kommilitonin gehalten habe. Im Anschluss habe die Dozentin sie auf Grammatikfehler im Text aufmerksam gemacht – als sei völlig klar, dass die vermeintliche Ausländerin die Fehler gemacht hatte und nicht die Kommilitonin mit einem deutsch klingenden Familiennamen. Zur Erklärung meinte die Dozentin, Ayla Varol sei nun mal nicht „arisch“. Die 25-Jährige erinnert sich: „Ich bin dann nach Hause gefahren und habe geheult.“

„Mega toll, dass sich so viele Menschen auf die Straße gestellt haben“

Nach der Veröffentlichung der Correctiv-Recherche haben Menschen in vielen Städten gegen die AfD und Rechtsextremismus demonstriert – alleine in Baden-Württemberg waren es am vergangenen Wochenende Zehntausende. „Ich fand echt mega toll, dass sich so viele Menschen auf die Straße gestellt haben“, sagt Aylin Varol. Sie sei sehr stolz und dankbar, weil zwei Freundinnen von ihr und ihrer Schwester in Ulm demonstrierten. „Dabei betrifft das die gar nicht selbst, sondern es betrifft uns“, sagt die 28-Jährige: „Sie haben für uns demonstriert.“

Die beiden Schwestern waren bislang auf keiner Demo, beim nächsten Protest in ihrer Region wollen sie aber dabei sein. „Weil es Mut macht“, sagt Aylin Varol. Ihr Name mag nicht nach einem klassisch deutschen Namen klingen, aber für die 28-Jährige steht fest: „Hier ist mein Leben, hier ist meine Familie, ich arbeite hier, das ist mein Alltag. Fertig.“

Ihr findet uns auch auf Instagram!