Vertreibungspläne von Rechtsextremen: Reaktionen aus dem Raum Ulm: „Niemand kann mir absprechen, Deutscher zu sein“

Erdinc Akay, Ayse Uzundal, Erkan Arici und Valentina Balheim berichten, wie sie über die AfD und Rechtsextremismus in der Gesellschaft denken.
privatNachrichten über ein Treffen Rechtsextremer in Potsdam, darunter Mitglieder der AfD, und hohe Umfragewerte der Partei: Auch Menschen mit Migrationsgeschichte aus der Region beschäftigt das aktuelle Geschehen um Rechtsruck und rechtsextremer Gedankenspiele einer sogenannten „Remigration“.
Eine davon ist Ayse Uzundal. Die 38–Jährige lebt seit 19 Jahren in Deutschland. Sie zog einst für ihren Mann, der aus Ulm kommt, von der Türkei nach Deutschland. Lange wohnte die Familie in Wiblingen, dann in Staig, nun in Schwendi. „Ich finde das nicht richtig“, sagt Uzundal über das schlechte Bild von Menschen mit Migrationsgeschichte, das die AfD zeichnet, und mögliche Vertreibungspläne seitens mancher Parteimitglieder. „Mein Mann ist hier geboren, ich lebe seit 19 Jahren hier. Wir waren nie einen Tag arbeitslos“, sagt die 38–Jährige. „Mein Mann arbeitet seit 25 Jahren bei der gleichen Firma, ich arbeite, wir zahlen unsere Steuern.“ Da verstehe sie nicht, warum sie nicht willkommen sein sollte. „Wir machen hier alles richtig“, sagt sie auch über ihre drei Kinder, die zwei älteren machen aktuell eine Ausbildung. „Wenn wir zurück in die Türkei gehen, dann verlieren nicht wir, dann verliert Deutschland.“
Noch in Deutschland bleiben?
Wie Uzundals Ehemann ist auch Erdinc Akay in Ulm aufgewachsen. Dort lebt er auch nach wie vor. Seit rund einem Jahr beschäftigen ihn die Nachrichten über die AfD mehr. Auslöser dafür waren unter anderem die steigenden Umfragewerte der Partei in Sachsen. „Wenn die AfD weiter immer mehr an Stimmen gewinnt, dann weiß ich nicht, ob ich wirklich noch in Deutschland bleiben will“, sagt Akay. Der 30–Jährige arbeitet in der IT, spricht oft mit Kollegen über das Thema. „Darüber, was man machen kann, wie man das verhindern kann“, sagt er. Rassistische Sätze habe er oft schon gehört. „Das Dreisteste, das ich mal gehört habe, war auf einer Party“, berichtet Akay. „Da sagte einer, er ist über jedes Boot froh, das im Mittelmeer untergeht.“ Über die Enthüllungen der Correctiv–Recherche sei er nicht überrascht gewesen. Erschreckt aber haben ihn die Statements einiger AfD–Politiker, die dort Gesagtes nicht einmal leugneten. Über die deutschlandweiten Demonstrationen ist er froh. „Ich danke jedem, der da mitmacht, sie machen das zurecht.“ Denn viele verstünden den Ernst der Lage nicht.
Für Erkan Arici aus der Region ist klar, warum es aktuell eine Rechtsruck gibt: „Wir hatten die Flüchtlingswelle, womit die Bevölkerung nicht zufrieden gewesen ist; wir hatten dann die Corona–Regelungen, bei denen die Regierung die Bevölkerung nicht ganz abgeholt hat, nicht gut kommuniziert hat, wo es Unsicherheiten gab“, sagt der 31–Jährige, der in Senden aufgewachsen ist und in Neu–Ulm lebt. Genau in diesen Momenten sei die AfD stark geworden. Auch wenn die AfD absolut nicht regierungsfähig sei und ihre Ideen nur Populismus, spreche sie Leute an, was den anderen Parteien nicht gelinge. Das ärgere ihn, weil „die Leute nicht die Zeichen der Zeit erkannt haben“.
„Ein Thema, das ich nicht ändern kann“
Man müsse nicht gegen die AfD aufmarschieren, sondern gegen die Unzufriedenheit — die er mittlerweile in großen Teilen der Bevölkerung sieht. „Es sind nicht nur die fünfzigjährigen Werners aus Sachsen, die die AfD wählen.“ Enthüllungen wie das Treffen in Potsdam machen Arici nicht mehr sauer. „Ich habe keine Emotionen zu Themen, die ich nicht ändern kann“, sagt er, und trotzdem sei es eine Schande, denn: „Niemand kann mir absprechen, Deutscher zu sein.“
Viel wichtiger als solche Enthüllungen über die AfD sei ihm aber, dass die Probleme der Menschen gelöst werden: „Wir haben gerade ganz andere Probleme“, sagt Arici. Dass sich Menschen kein Haus leisten könnten, dass die Preise hoch seien, dass Menschen nach Jobs und Wohnungen suchten. Dagegen müsse die Politik etwas tun. „Gegen irgendeine Art von extremer Ausprägung, ob linksextremistisch oder rechtsextremistisch, hilft immer Wohlstand und Bildung.“
Valentina Balheim (44) kam vor 30 Jahren nach Deutschland. Sie ist Tochter von Spätaussiedlern aus Sibirien, wurde in der Ukraine geboren und lebt nun in Wiblingen. „Wenn man dort ist, ist man die Deutsche, hier ist man die Russin“, sagt Balheim. In der Russland–Deutschen–Community habe immer der Glaube geherrscht, die AfD wäre auf deren Seite. Denn Themen wie Migration, Wohnungsnot und Zukunft der Rente besorgten sie sehr, gewählt habe sie die AfD trotzdem nie. Durch die Enthüllungen der Correctiv–Recherche seien ihr nun aber die Augen geöffnet worden. „Wir Spätaussiedler wurden ja mitgemeint“, sagt Balheim. Das habe sie schockiert. Die Demonstrationen gegen Rechts zeigten eine richtige Meinung, ob sie aber etwas bringen — da sei sie unsicher.
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