Nancy Hecker-Denschlag: Physikerin mit einer Vorliebe für Einstein

Nancy Hecker-Denschlag trägt Einstein nicht nur auf der Brust, sondern auch im Herzen. Als Vorsitzende des Fördervereins fürs Einstein Discovery Center will sie dem gebürtigen Ulmer ein Denkmal setzen.
Atelier Schlieper- Nancy Hecker-Denschlag führt den Verein „Albert Einstein Discovery Center Ulm e.V.“ mit 1.200 Mitgliedern.
- Ziel: Einrichtung eines internationalen Zentrums in Ulm zu Ehren von Albert Einstein.
- Namhafter Architekt Daniel Libeskind plant das zukünftige Discovery Center.
- Physikerin mit Harvard-Promotion, lebt seit 16 Jahren in Ulm, arbeitet bei Carl Zeiss Meditec AG.
- Geprägt durch ihre US-Herkunft, verbindet sie amerikanischen Pragmatismus mit deutscher Gründlichkeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Nancy Hecker-Denschlag sitzt inmitten des kunterbunten Interieurs der „Rooftop One Bar“ des „Motel One“, tief in ein rostrotes Chesterfield-Sofa versunken. Die Lesebrille steckt jederzeit griffbereit in ihrer grauen Mähne. Das Einstein-T-Shirt, das die promovierte Physikerin über einer weißen Bluse trägt, ist so etwas wie ihre offizielle Ausgehuniform bei Terminen mit öffentlichem Charakter – in diesem Fall auch ein Zugeständnis an den Fotografen. Wenn sie spricht, wirbeln ihre Hände durch die Luft, als wolle sie die eigenen Worte dirigieren. Sie hört zu und formuliert mit wachen Augen, das Mobiltelefon liegt stets in Reichweite neben ihr auf dem Sofa, um schnell geäußerte Gedanken einem Faktencheck zu unterziehen.
Seit 2024 am Start: acht.neun
Dieser Text erschien zuerst im Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni 2024 an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur Online-Ausgabe gibt es hier.
acht.neun als gedrucktes Magazin ist an mehr als 250 Auslagestellen kostenlos zu haben. Es liegt an vielen hochfrequentierten Plätzen in der Doppelstadt aus: in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Banken und Parkhäusern.
Die 59-Jährige ist wohltuend unprätentiös, ihr amerikanischer Akzent verrät unüberhörbar ihre Herkunft. An Nancy Hecker-Denschlag ist nichts Verstelltes, wer sie trifft, erlebt eine zugewandte Frau mit dem Gestus der amerikanischen Lässigkeit, in deren bestem Sinne. Auch wenn sie dem Amerika unter Trump inzwischen skeptisch gegenübersteht, blickt sie gerne auf ihre Schul- und Studienzeit zurück.
Geboren in der Autostadt Detroit
Die Mutter zweier inzwischen erwachsener Söhne kam 1966 in einem Vorort von Detroit zur Welt. Es war die Zeit als „the big three“ (Ford, Chrysler und General Motors) der wirtschaftliche Motor der Stadt waren und Motown-Soul zum musikalischen Aushängeschild der Stadt aufstieg. Die ersten drei Schuljahre verbrachte die Gründerin des „Albert Einstein Discovery Center Ulm e.V.“ auf der „Einstein Elementary School“. Im Rückspiegel betrachtet war es fast eine Prophezeiung — für Nancy Hecker-Denschlag nur eine Fußnote, wenn auch eine, die sie gerne erzählt.
Vom beginnenden Niedergang der Stadt, der ein paar Jahre später einsetzte, bekam die Jugendliche wenig mit. Trotz der wirtschaftlichen Verwerfungen gab es ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement. Die Tochter eines Chirurgen und einer Lehrerin erinnert sich vor allem an die engagierte Unterstützung ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Der Feminismus der 1970er Jahre hatte dazu beigetragen, dass Mädchen an Schulen gezielt gefördert und dabei ermutigt wurden, selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen.
Promotion in Harvard
Dieser führte sie etwas später an die „University of Michigan School of Engineering“, eine der ältesten Ingenieurschulen der USA. Das renommierte College rangierte damals wie heute unter den Top-Adressen für Studierende. Zunächst war es eine Reise mit unbekanntem Ziel. Anders als in Europa entscheidet man sich in den USA zuerst für ein College und erst später für eine Fachrichtung. In den ersten Monaten sind die Studierenden wie Elementarteilchen – frei, ungebunden und offen für jede Richtung, bis die Wahl der Fachrichtung ihren Kurs bestimmt.

Nancy Hecker-Denschlag sagt über die Donaustadt: „Ulm ist meine Heimat geworden“.
Atelier SchlieperDas verschaffte Nancy Hecker-Denschlag genug Zeit, um sich im Dschungel der Studienangebote zu orientieren. Die Liste der von ihr gewählten Kurse belegt ihren Wissensdrang. Philosophie, Musik, Fotografie, Russian and European Studies und natürlich Physik, zeugen von ihrem enormen Wissensdurst. Ein Studium in den USA ist kostspielig, was der Findungsphase in der Regel eine finanzielle Grenze setzt. Eine solche hätte sie nicht gebraucht, die Studentin war schon damals zielstrebig und fernab jeglicher Kapriolen. Rasch entschied sie sich für ein Studium der Physik, das sie nach ihrer Bachelorarbeit zur Promotion an die Harvard University führte. Die Privatuniversität in Cambridge zählt zu den angesehensten der Welt. John F. Kennedy, Bill Gates und Barack Obama haben hier ebenso studiert, wie der Facebook Gründer Mark Zuckerberg. Die Wissenschaftlerin erinnert sich noch heute ehrfurchtsvoll an dieses Biotop der Ausnahmetalente: „Man trifft dort besondere, hochbegabte Menschen.“ Das Studium, sagt sie, sei „stark leistungsorientiert und geprägt von intensivem Lernen und Forschen“ gewesen. Trotz der immensen Fokussierung auf das Studium blieb immer wieder Zeit, um das hier vorherrschende internationale Flair zu genießen und etwas Zeit am Meer zu verbringen.
Erste Europa-Station in Innsbruck
Cape Cod, die Halbinsel am „Golf von Maine“, war mit ihrer Postkartenidylle der perfekte Ort für eine kurze Auszeit. In den pittoresken Kleinstädten schaukelten sanft die Boote im Hafen, während sich an endlosen Stränden schlichte Holzhäuser mit grauen Schindeln, weißen Kirchtürmen und Leuchttürmen ersteckten. Die Szenerie wirkte, als ob Hemingway jederzeit aus einem der Häuschen treten könne, um sich auf den Weg zu seiner Lieblingsbar zu machen.
Die Realität sah anders aus. Cape Cod war wie gemacht für eine kurze Auszeit, aber die Arbeit an der Promotion wartete unerbittlich bereits am nächsten Morgen. Ihr Fleiß zahlte sich aus. 1994 —mit gerade einmal 28 Jahren — war es so weit. Nancy Hecker, wie sie damals noch hieß, graduierte in Physik. Der Festredner war mit Al Gore, dem 45. Vizepräsidenten der USA und Träger des Friedensnobelpreises (zusammen mit dem IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change) ein echter Hochkaräter. Die Chance, dem prominenten Redner die Hand schütteln zu können, wollte sie sich keinesfalls entgehen lassen. Selbst die zum Schutz abgestellten Secret-Service-Mitarbeiter konnten dies nicht verhindern. Der Harvard-Alumnus kommentierte, während er ihre Hand schüttelte, beindruckt „job well done“.
Aber auch für eine Abgängerin einer Elite-Universität wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Stellen an Universitäten waren zu dieser Zeit rar gesät und ein Wechsel in die Industrie kam für sie nicht in Frage. Ein „Lise Meitner Stipendium“ führte sie als Postdoc nach Innsbruck. Österreich stellte sich rasch als echte Herausforderung heraus. Die Kultur, die Sprache, selbst die Geräte im Labor waren ihr fremd. Wie besessen stürzte sie sich in das Abenteuer, Deutsch zu lernen und an der Uni Fuß zu fassen. „Ich arbeite gerne hart und viel, mich im Sessel auszuruhen ist nicht mein Ding.“
Über einen Umweg in München in Ulm gelandet
Auch wenn sie gerne kocht und Zeit in den Bergen und mit Familie sowie Freunden verbringt, ist die Arbeit ein — man möchte von außen betrachtet behaupten — sinnstiftender Bestandteil ihres Lebens. Um ihrer Karriere den entscheidenden Impuls in Richtung Habilitation zu geben, wechselte sie zunächst als Alexander von Humboldt-Stipendiatin und danach für eine C1-Professur an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München. Das Ziel war in greifbarer Nähe, als die Physikerin die Reißleine zog und den Traum der Professur aufgab. „Ich fühlte mich nicht klug genug, es war nach den vielen Jahren des Lernens und Forschens eine harte Erkenntnis“, resümiert Nancy Hecker-Denschlag und scheint dabei mit sich und ihrer Entscheidung im Reinen.

Seit 16 Jahren lebt die gebürtige US-Amerikanerin in Ulm.
Atelier SchlieperTrotzt allem musste sie sich damals mit 34 Jahren in kurzer Zeit neu erfinden. Der Weg in die Industrie, den sie bis dahin vehement abgelehnt hatte, war ein Kulturschock. Erneut waren es die tief in ihr verankerten Tugenden Fleiß und Disziplin, mit denen sie sich Respekt und Erfolg erarbeitete.
Noch immer lebte die gebürtige US-Amerikanerin in München und schätzte an ihrem Wohnort das großstädtische Flair und die Nähe zu den Bergen. So ganz konnte die Weltstadt mit Herz das von Nancy Hecker-Denschlag jedoch nie gewinnen. Trotz aller Vorzüge war ihr die Landeshauptstadt von Bayern zu sehr „Schicki Micki“, wie sie es nennt.
Nachdem ihr Mann, Prof. Dr. Johannes Hecker-Denschlag, 2009 einen Ruf als Professor für Experimentalphysik am Institut für Quantenmaterie an der Universität Ulm erhielt, zog das Ehepaar in die Donaustadt, in der es inzwischen seit 16 Jahren lebt. „Noch nie habe ich an einem Ort so lange gewohnt wie hier, Ulm ist meine Heimat geworden.“
„Ulm ist meine Heimat geworden“
Mit ihrem Arbeitsplatz in der Forschungsabteilung bei der „Carl Zeiss Meditec AG“ hat sie nun auch beruflich eine Heimat gefunden. Vor allem aber hat sie in ihrer neuen Heimat ihre große Leidenschaft gefunden. Erst in der Geburtsstadt Einsteins beschäftigte sie sich intensiv mit dem Jahrhundertgenie und fällte einen mutigen Entschluss. Für die Idee, Einstein in der Stadt greifbarer zu machen und ihn zu würdigen, gründete sie 2016 mit einigen Gleichgesinnten aus dem universitären Umfeld heraus einen Verein, den sie später in „Albert Einstein Discovery Center Ulm e.V.“ umbenannten. Die Ideen Einsteins, so ihre Überzeugung, müssten aus den Elfenbeintürmen und Burgen der Wissenschaft heraus und in die Breite der Gesellschaft hinein getragen werden. Über jegliche Altersgrenze und über jeden Bildungsstatus hinweg. Dazu braucht es einen Ort, der internationale Strahlkraft besitzt und das Vermächtnis des charismatischen Wissenschaftlers begreif- und erlebbar macht.

Wenn Nancy Hecker-Denschlag spricht, wirbeln ihre Hände durch die Luft, als wolle sie die eigenen Worte dirigieren.
Atelier SchlieperVerein hat mittlerweile 1.200 Mitglieder
Nahezu ein Geniestreich, dass der Verein den renommierten Architekten Daniel Libeskind für sich gewinnen konnte. Dieser wurde durch den zickzackförmigen Neubau des Jüdischen Museums in Berlin bekannt. Er wird die Planung und Gestaltung des Albert Einstein Discovery Centers in Ulm verantworten. Wie alles, was Nancy Hecker-Denschlag anpackt, verfolgt sie auch diese Idee mit einer bemerkenswerten Zielstrebigkeit und einem hohen persönlichen Einsatz. Mit seinen inzwischen 1.200 Mitgliedern ist der Verein zudem in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Wann die ersten Bagger loslegen können, steht indes noch in den Sternen. Die hohen Baukosten sind kein Pappenstiel und machen Prognosen schwer. Aber auch von hohen Kosten lässt sich die Vereinsgründerin nicht so leicht aus der Bahn werfen.
Für den Fotografen stellt sich Nancy Hecker-Denschlag in der „Rooftop One Bar“ noch kurz vor die großen Tafeln mit den berühmten Einstein-Formeln, die an den für sie „größten Physiker aller Zeiten“ erinnern sollen. Zum Abschluss hat sie, während sie den Anweisungen des Fotografen folgt, noch eine Anekdote parat. „Obwohl wir vier Schwestern sind, haben wir ausschließlich Söhne zur Welt gebracht.“ Fast wäre sie dabei ins Amerikanische gerutscht und schiebt deshalb hinterher: „Manchmal spreche ich mit meiner Mutter Deutsch und mit meinen Freunden Englisch“. Man bekommt eben die Amerikanerin aus den USA — aber die USA nicht aus der Amerikanerin.
Albert Einstein Discovery Center
Star-Architekt Daniel Libeskind entwirft das Albert Einstein Discovery Center. Gebaut wird das riesige Gebäude auf dem K1-Areal in Ulm – der Glaspalast der SWU wird dafür weichen. Wie teuer das ganze Projekt wird, ist noch nicht klar, die Sponsorensuche läuft weiter. Bisher sind etwas mehr als 1,3 Millionen Euro zusammengekommen. Alle Infos zum Ulmer Großprojekt:
- So will der Verein jetzt Millionen einwerben
- Ende November 2024 hat Libeskind seine Entwürfe auf der Donau vorgestellt
- Ein großes Spektakel! Libeskinds Entwürfe werden bejubelt
- Wird das Discovery Center ein neues Ulmer Wahrzeichen?
- So reagiert das Netz auf das Konzept für das Discovery Center
- Anonyme Spende über 300.000 Dollar aus den USA
- Die Suche war nicht einfach – nun steht der Standort fest
- Star-Architekt Libeskind ist begeistert vom Standort

