Machtwechsel in Syrien
: Ulmer Syrer: „Ich habe meine Familie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen“

Sie verfolgen permanent die Nachrichten, sind heiser vom Feiern und blicken in eine ungewisse Zukunft: Wir haben mit syrischstämmigen Menschen in Ulm und der Region gesprochen.
Von
Simone Dürmuth,
Magdi Aboul-Kheir
Ulm
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Freuen sich über die Niedergang des Regimes in Syrien (v.l.): Nouri Kharouf, Arkan Hashemi und Amer Alabdallah.

Freuen sich über den Niedergang des Regimes in Syrien (v.l.): Nouri Kharouf, Arkan Hashemi und Amer Alabdallah.

Lars Schwerdtfeger, Oliver Heider, Privat
  • Syrische Bewohner in Ulm feiern das Ende des Assad-Regimes und hoffen auf eine bessere Zukunft.
  • Mahmoud Alhomedy und Amer Alabdallah planen keine sofortige Rückkehr, beobachten die Lage.
  • Nouri Kharouf betont die Bedeutung des Aufbaus Syriens und empfindet gemischte Gefühle.
  • Arkan Hashemi und Mohammad Jarkas denken über Besuche in Syrien nach, um zu helfen.
  • In Ulm leben 2137 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit, viele haben nun die deutsche.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Seit Tagen schlafe ich nur noch zwei bis drei Stunden in der Nacht“, berichtet Mahmoud Alhomedy. Stattdessen schaut er Fernsehen, das Handy ist an und permanent laufen Nachrichten, trudeln Meldungen von Freunden und Bekannten ein.

Die Rebellen in Syrien haben eigenen Angaben zufolge die Kontrolle über die Hauptstadt Damaskus übernommen und damit das Ende von Machthaber Baschar al-Assad eingeläutet. Das Rebellenbündnis kündigte an, die Macht friedlich übernehmen zu wollen. Die Ulmer Syrer feierten das unter anderem mit einem Autokorso am Sonntagnachmittag. Einige fuhren auch nach Stuttgart zu einer Kundgebung.

„Wir sind geflüchtet und jetzt gibt es die Möglichkeit, wieder nach Hause zu gehen“, das sei ein großer Schock, erzählt Alhomedy, der als Architekt an der Hochschule Biberach arbeitet. Seit 2015 ist er in Deutschland. Jetzt lebt er mit seiner Frau, die ebenfalls aus Syrien stammt, und seinen beiden kleinen Kindern in Erbach. „Ich bin ganz heiser vom Freuen“, sagt er und lacht am Telefon.

„Es geht darum, das Land wieder aufzubauen“

Konkrete Pläne hat Alhomedy noch keine gemacht. Aber allein, dass es jetzt wieder möglich sein könnte, die Heimat und die Familie wiederzusehen, mache ihn glücklich. „Jetzt ist es vorbei - die Revolution hat gezeigt, dass das Volk stärker ist als ein Diktator. Jetzt geht es darum, das Land wieder aufzubauen.“

Auch Amer Alabdallah, der sich beim Verein Menschlichkeit in Ulm engagiert, hat noch keine Pläne, nach Syrien zu reisen: „Ich will jetzt erst mal sehen, wie sich die Situation entwickelt.“ Aber im neuen Jahr werde er genauer darüber nachdenken. Schließlich lebt seine Schwester mit ihrer Familie noch immer in Deir ez-Zor. Weitere Verwandte hat er in Damaskus. „Die habe ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen.“

2015 kam er nach Ulm. Dort hat er Chemieingenieurwesen studiert, hat sich in Deutschland aber umorientiert und gerade sein Studium an der Uni Stuttgart (Politikwissenschaft und Soziologie) abgeschlossen. Dauerhaft nach Syrien zurückkehren, das will der 34-Jährige nicht. „Ich bin inzwischen Deutscher und fühle mich in Ulm beheimatet. Ich habe ein Leben hier.“ Trotzdem wolle er einen Beitrag leisten, das Land wieder aufzubauen.

Trauer über Verluste

Unter seine Freude über das Ende der Schreckensherrschaft mischt sich Trauer darüber, dass viele Freunde und Verwandte nicht mehr leben, um diese historische Zeit miterleben können. Er glaubt, dass sich die Situation in Syrien jetzt verbessern wird. Er formuliert vorsichtig, aber er glaubt, dass man den Rebellengruppen vertrauen könne. Denn sie hätten nicht nur angekündigt, Minderheiten zu schützen, sondern dies bislang auch so umgesetzt.

Verwandte von Arkan Hashemi, die in Syrien leben, haben die Familie der 17-Jährigen bereits eingeladen, sie zu besuchen. „Wir sind ganz überwältigt“, erklärt die Schülerin, der Ulmer Friedrich-List-Schule, die auch eine der drei Ortsvorsitzenden der Grünen in Langenau ist. Ob sie wirklich fahren wird? „Ich mag die Frage nicht, sie wurde mir am Montagmorgen auch gleich als erstes in der Schule gestellt.“

Hashemi musste Syrien verlassen, als sie neun Jahre alt war. Sie hat einen Aufenthaltstitel, der alle drei Jahre erneuert werden muss. Dass das Bundesamt für Migration jetzt alle Asylentscheidungen für Syrer aussetzt und es bereits eine öffentliche Debatte über die Rückkehr von Syrern gibt, findet sie unverständlich. „Das ist nicht der Gedanke, den man als erstes haben sollte. Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, wie es weitergeht, dass in Syrien bald eine Demokratie herrscht.“

„Eine Revolution, kein Bürgerkrieg“

„Es geht mir gut damit“, sagt Nouri Kharouf zur aktuellen politischen Entwicklung. Er war 2015, als 18-Jähriger, aus Syrien geflohen, über die Türkei und dann zu Fuß über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland gekommen – und hatte hier ein neues Leben begonnen, auch als politisch aktiver Mensch. Er lernte schnell sehr gut Deutsch, machte sein Fachabitur und engagierte sich um Verein Menschlichkeit. Acht Jahre lebte er in Ulm, mittlerweile hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit eineinhalb Jahren ist er in Berlin, arbeitet als Projektmanager bei der Grünen-Fraktion im Bundestag.

Von einem „historischen Tag“ für Syrien spricht Kharouf. Denn: Ein diktatorisches Regime wurde nach mehr als 50 Jahren gestürzt, Menschen werden aus Gefängnissen entlassen, kehren aus Lagern in ihre Heimat zurück. Es sei „eine Revolution, kein Bürgerkrieg“, denn man habe gegen die Machthaber, nicht gegeneinander gekämpft. Kharouf empfindet jetzt „daher viel Freude, aber auch Angst“. Angst vor der Zukunft, weil man nicht sagen könne, wie es weitergeht: Es seien unterschiedliche Gruppen und Kräfte am Werk, und die Frage sei auch, wie sie die islamistischen Kräfte unter den Rebellen verhalten.

„Das Land braucht uns“

Eine „Mischung aus Freude und Trauer“ empfindet auch der 27-jährige Mohammad Jarkas. Er ist 2017 aus Syrien nach Deutschland gekommen, hat an der Hochschule Ulm Informatik studiert und arbeitet heute als Programmierer bei einem hiesigen Unternehmen. Seit zwei Jahren hat er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Noch wisse man nicht, „wie es weitergeht und ob es klappen wird“. Aber was er derzeit aus den Nachrichten mitbekomme, finde er eher beruhigend. Mohammad Jarkas hat noch Familie in Damaskus und Homs „und auf der Welt verstreut“.

Diese Tage habe er auch erstmals wieder ernsthaft darüber nachgedacht, nach Syrien zu gehen: „Für eine Phase, für eine gewisse Zeit, um zu helfen. Das Land braucht uns. Es ist meine erste Heimat.“

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Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeiten lebten laut Daten der Stadt Ulm 2023 in Ulm. Hinzu kommen noch zahlreiche syrischstämmige Personen, die mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit haben.

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