Landtagswahl
: Hagel oder Özdemir: Emotion wichtiger als Fakten

Sachthemen spielten im Wahlkampf in Baden-Württemberg nur eine untergeordnete Rolle. Im Kampf um den Wahlsieg ging es um Emotionen.
Kommentar von
Ulrich Becker
Ulm
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Manuel Hagel beim Politischen Aschermittwoch der CDU in Fellbach und Cem Özdemir beim traditionellen Aschermittwoch der Grünen in Biberach.

Wer wird's? Am Sonntag entscheidet sich, ob Manuel Hagel (links) oder Cem Özedemir als Ministerpräsident in Baden-Württemberg regieren.

Marijan Murat/dpa und Silas Stein/dpa

Gleichstand! Die Umfrageergebnisse, die die Forschungsgruppe Wahlen am Donnerstagabend zur Landtagswahl veröffentlichte, versprechen für diesen Sonntag ein High-Noon-Duell zwischen Cem Özdemir und Manuel Hagel: Grüne und CDU stehen gleichauf bei 28 Prozent, die Frage nach dem Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist wieder vollkommen offen.

Vor einem halben Jahr sah das noch ganz anders aus: Satte 14 Prozent Vorsprung hatte die CDU laut Umfrageinstitut INSA vor den Grünen, die noch hinter der AfD firmierten. Politische Beobachter wären im Oktober 2025 hohe Wetten eingegangen, dass dieser Vorsprung nicht mehr einzuholen sei. Was also ist passiert?​

Die Zahlen beweisen vor allem eines: Inhalte spielen in Wahlkämpfen heute nahezu keine Rolle. Selbst die auf nur einen Punkt fokussierte Wahlkampf-Weisheit eines Bill Clinton („It‘s the economy, stupid“) hat keinen Bestand mehr.

Es zählt lediglich die Person (über die in der Wahl gar nicht direkt entschieden wird) und deren Auftreten. Vorzugsweise befeuert durch das Hervorkramen vergangener Verfehlungen: Die künstlich aufgebauschte Frage, ob ein acht Jahre zurückliegender verbaler Ausrutscher Hagels ihn diskreditiere, dieses Amt zu übernehmen, führte zur heftigsten Auseinandersetzung dieses Wahlkampfs. Relevanz für das Leben der Menschen in diesem Land? Null.

Ein furioses Finale mit banalem Ausgang

Die politische Szene bejammert diese Entwicklung wortreich, und schiebt die Schuld daran den Medien in die Schuhe, die nicht über die wirklich relevanten Dinge berichteten. Tatsächlich aber ist der zurückliegende Wahlkampf ein Lehrstück dafür, wie die Politik selbst Inhalte immer weiter zurückfährt und nur auf die Persönlichkeit des Kandidaten setzt. Wahlslogans wie „Der kann es“ (Cem Özdemir) oder „Neue Kraft fürs Land“ (Manuel Hagel) lassen den Betrachter ratlos zurück – die Sachthemen werden dezent versteckt.

In diesem faktenarmen Umfeld hatte Manuel Hagel sichtbar Schwierigkeiten, seinem Konkurrenten Paroli zu bieten. Er ging der direkten Auseinandersetzung aus dem Weg, bastelte an einer landesväterlichen Attitüde, die ihm, dem 37-Jährigen, offensichtlich viele Wählerinnen und Wähler nicht abgenommen haben.

Das Land kann sich also auf ein furioses Finale freuen. Wobei der Ausgang, betrachtet man ihn ohne Parteibrille, erschreckend belanglos ist. Die Regierungskoalition wird – mangels Alternativen – die gleiche bleiben, ob mit grünem oder schwarzem Ministerpräsidenten. Zwei nahezu gleichstarke Partner neutralisieren sich – vermutlich wird vieles von dem, was die alte Koalition beschlossen hat, Bestand haben.

Einen Neuanfang wird es also in Baden-Württemberg nicht geben. Mancher wird das bedauern, doch den meisten Bürgerinnen und Bürgern ist in diesen bewegten Zeiten ein beruhigendes „Weiter so“ ohnehin lieber. Zumal die Politik in diesem Wahlkampf wenig dazu beigetragen hat, dass ein solcher Neuanfang auch eine Verheißung auf bessere Zeiten hätte sein können.