klassisch! Kammermusik
: Kosmos, Urknall, Schöpfung: Das Chaos String Quartet in Ulm

InterviewDas Chaos String Quartet spielt am 24. Januar 2025 ein außergewöhnliches Programm im Stadthaus Ulm. Ein Interview mit der Geigerin Eszter Kruchió.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Das Chaos String Quartet spielt am 24. Januar 2025 in der Reihe klassisch! im Ulmer Stadthaus

Das Chaos String Quartet spielt am 24. Januar 2025 in der Reihe „klassisch!“ im Ulmer Stadthaus.

Michael Loose

Ein junges Ensemble aus Wien eröffnet im Ulmer Stadthaus das „klassisch!“-Jahr 2025: das Chaos String Quartet. Der Name ist Programm beziehungsweise: Das Konzert am Freitag, 24. Januar, steht unter dem Titel „geordnetes Chaos“. Was sich dahinter verbirgt, erklärt die aus Budapest stammende Geigerin Eszter Kruchió. Sie spielt nicht nur die 2. Violine, sie belegt an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater (HfMT) einen künstlerisch-musikwissenschaftlichen Promotionsstudiengang und macht ihren Doktor mit einer Arbeit und einem Projekt über den Komponisten György Ligeti. Klingt alles durchdacht bis intellektuell. Aber es geht um emotionale, virtuos dargebotene Musik.

Frau Kruchió, wie ist das Ensemble auf den ungewöhnlichen Namen Chaos String Quartet gekommen?
Unsere Bratschistin Sara Marzadori hatte ein Buch gelesen von dem italienischen Philosophen und Theologen Vito Mancuso und darin die Erkenntnis gefunden, dass Chaos und Logos zusammen Pathos ergeben. Das haben wir uns so übersetzt, dass man das kreativ Chaotische und gleichermaßen das ordnende Prinzip benötigt, um etwas entstehen zu lassen, das dann Gefühle bei anderen hervorruft.

Eine schöne Erklärung, wie ein Musikerlebnis entstehen kann. Sie sind überhaupt sehr interessiert an den Wissenschaften?
Ja, auch an Literatur und Philosophie, und unser Cellist studiert noch Physik. Und so spielt auch die Chaos-Theorie eine Rolle. Der so genannte Schmetterlingseffekt passt gut dazu, den kann man aufs Streichquartett übertragen: Wenn einer von uns mit den „Flügeln“ etwas anders schlägt als im Konzert zuvor, dann kann das große Auswirkungen haben aufs Ensemble und den Verlauf des ganzen Abends. Also wir setzen uns intensiv mit dem Thema Chaos auseinander – auch damit wir in Interviews dazu etwas Sinnvolles sagen können (lacht).

Kleine Ursachen können große und nicht vorhergesehene Wirkungen haben – dafür steht der Schmetterlingseffekt. Was bedeutet das konkret für Ihre musikalische Arbeit?
Einer der berühmtesten Sätze der Chaos-Theorie stammt aus der Meteorologie: Wenn ein Schmetterling mit dem Flügel schlägt, kann das auf der anderen Seite des Globus einen Tornado auslösen. Das ist etwas plakativ formuliert, aber wenn wir das auf eine Konzertsituation beziehen, soll das heißen: Wir wollen sehr offen sein für spontane Momente und musikalisch aufeinander reagieren. Wenn wir ein neues Werk lernen, spielt das Chaos insofern eine Rolle, weil wir versuchen, möglichst unvoreingenommen an die Partitur heranzugehen, um dann Stück für Stück eine Interpretation aufzubauen.

Sie suchen im Chaos die Ordnung?
Ordnung ist wahnsinnig wichtig, so vieles in der Musik ist darauf aufgebaut. Wir müssen das Ordnungsprinzip aber zunächst mal verstehen lernen.

Welche Reaktionen ruft Ihr Ensemblename beim Publikum hervor?
Es wird nach Konzerten gerne der Witz gemacht: Chaotisch klingt ihr ja gar nicht! Klar, dass wir mit diesem Namen bis zu einem gewissen Grad auch provozieren wollen, aber die Leute merken schnell, dass wir uns etwas dabei gedacht haben.

Die Karriere des Chaos String Quartet verläuft eher zielstrebig, erfolgreich?
Der Anfang aber war tatsächlich chaotisch, denn ein halbes Jahr, nachdem wir uns gegründet hatten, kam die Pandemie. Das war eine Situation, in der man wirklich lernen musste, mit dem Unvorhersehbaren umzugehen. Da haben wir gesehen, wie sehr es einen aus der Bahn werfen kann, wenn die Dinge anders laufen, als wir es gewohnt sind.

Das Programm „Geordnetes Chaos“, das Sie auch in der Reihe „klassisch!“ spielen, haben Sie jedenfalls exakt geplant. Erzählen Sie uns bitte davon.
Seit wir unser Quartett gegründet haben, setzen wir uns damit auseinander, wie Chaos in der Musik und in der Musikgeschichte dargestellt wird. Wir wollten mit einem Programm musikalisch illustrieren, was Chaos bedeuten kann. So sind wir auf die Suche gegangen, haben Stücke gesammelt.

Sie beginnen mit Haydn, mit der Ouvertüre „Die Vorstellung des Chaos“ aus seinem Oratorium „Die Schöpfung“.
Das ist wahrscheinlich die erste Assoziation, die viele Zuhörerinnen und Zuhörer zu diesem Thema haben. Die bekannteste klassische Musik dazu: die Erschaffung der Welt aus der Ursuppe. Wir haben dann auch zwei Werke von Barockkomponisten aufgenommen. In Jean-Fery Rebels Ballettmusik „Le Chaos“ aus „Les Elements" treten Feuer, Wasser, Erde und Luft auf einmal auf, werden chaotisch durcheinandergeworfen und dann nach und nach voneinander getrennt. Dasselbe Prinzip finden wir in der Ouvertüre aus „Zaïs“ von Jean-Philippe Rameau, die wir auch selbst für Streichquartett arrangiert haben.

Das 2. Streichquartett von György Ligeti ist das zentrale Werke des Abends?
Ligeti war ein Komponist, der sich intensiv mit der Chaos-Theorie beschäftigte, der davon fasziniert war. In diesem Streichquartett gibt es viele chaotische Elemente, im dritten Satz zum Beispiel, der fast nur pizzicato, also gezupft gespielt wird, legte Ligeti viele rhythmische Pattern (Strukturen) übereinander, die wir unabhängig voneinander spielen müssen. Da entsteht wirklich ein chaotisches Gewebe, obwohl der Komponist alles höchst genau notiert hat. Das hört sich an, als ob mechanische Uhren durcheinander tickten.

Und schließlich Beethoven, die Große Fuge op. 133.
Sie ist unglaublich genau konstruiert, jeder Ton hat seinen Grund, aber die vier Instrumente spielen an bestimmten Stellen vier unterschiedliche Stimmen, teilweise polyrhythmisch, die so zusammengeführt sind, dass ein Zuhörer die Einzelheiten nicht mehr wahrnehmen kann: ein chaotischer Zusammenklang, obwohl auf dem Papier alles logisch geordnet ist. Ein musikalischer Urknall Beethovens: die Strenge der Fuge, die aber andererseits den Rahmen komplett sprengt. Als Gegenpol haben wir Bach gewählt, das ist naheliegend: etwas sehr Geordnetes, Auszüge aus der „Kunst der Fuge“. Ein Stück von Alfred Schnittke kommt noch hinzu, weil der berühmt war als Meister für die Collage-Technik. Er legte unterschiedliche Musiken, die in sich eigentlich harmonisch sind, übereinander, und plötzlich wird das dissonant und modern. Und er verwendete in diesem Andante aus dem 3. Streichquartett das gleiche Thema wie Beethoven in seiner Großen Fuge.

Das ist alles sehr durchdacht – und sehr ernst?
Nachdem wir die Stücke beisammen hatten fürs Programm, dachten wir, da fehlt noch etwas Leichtigkeit und Humor. Wir möchten kein todernstes Konzert aufführen (lacht). Na ja, etwas Improvisatorisches einzufügen, das lag auf der Hand. Wir haben uns mit dem ungarischen Komponisten und Jazz-Gitarristen Samu Gryllus zusammengesetzt. Er hat zusammen mit uns ein Konzept für fünf Zwischenspiele ausgearbeitet, mit einem Verlaufsplan, Stimmungen, Techniken, aber das wird komplett von uns improvisiert. Das lockert das Programm auf, das macht uns wahnsinnig Spaß – und hoffentlich auch dem Publikum.

Karten für das Konzert

Das Chaos String Quartet spielt am Freitag, 24. Januar 2025, 20 Uhr, im Stadthaus Ulm. Das Programm „Geordnetes Chaos“ beinhaltet Werke von Bach, Beethoven, Ligeti, Schnittke und anderen. karten an der Tourist-Information im Stadthaus, an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und unter swp.de/ticketshop. Schüler/Studenten zahlen nur 9 Euro.