SWP-Forum mit Gregor Gysi: Der 78-Jährige redet sich in Herz und Verstand der Ulmer

Der Alterspräsident des Deutschen Bundestags und langjährige Parlamentarier, Gregor Gysi (links) war zu Gast beim SÜDWEST PRESSE Forum im Stadthaus und unterhielt sich mit Chefredakteur Ulrich Becker.
Matthias Kessler- Gregor Gysi begeisterte im Ulmer Stadthaus mit Humor, Logik und pointierten Analysen.
- Er schilderte DDR-Biografie: gelernter Rinderzüchter, Rechtsanwalt und langjähriger Parlamentarier.
- Zur Einheit kritisierte er die Reduktion der DDR auf Stasi, SED und Mauer, Positives sei ignoriert.
- Außenpolitik: Er warnt vor autoritären Tendenzen, verweist auf Trumps Interesse daran.
- Er fordert ein geeintes Europa und die Rückkehr der Diplomatie für Frieden in der Ukraine.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Mann hat noch was vor: Wenn Gregor Gysi nach Ende der aktuellen Legislaturperiode seinen momentanen Job als Alterspräsident des Deutschen Bundestags aufgibt, dann sei er 81 und im richtigen Alter, sich als Präsident der USA zu bewerben. Das Problem mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft lasse sich leicht lösen: „Ich bin 1948 im amerikanischen Sektor auf die Welt gekommen. Es gab noch keine DDR und keine BRD. Deshalb kann ich als Amerikaner gelten.“
Es ist eine der großen Stärken des 78-jährigen Grandseigneurs der politischen Linken in diesem Land, dass seine Schlussfolgerungen auf dem Prinzip der Logik aufbauen. So wie man es im Philosophiestudium etwa lernt. Oder als Rechtsanwalt vor Gericht mitbringen muss, was Gysi schließlich ist. Aber nicht nur Jurist ist der Mann: Von Berufs wegen ist er nämlich auch gelernter Rinderzüchter – eine Berufsausbildung, die ihm die Bürokraten in der DDR beschert haben. Oder vielmehr die First Lady Margot Honecker, die damals befahl, dass Gymnasiasten „näher an die arbeitende Bevölkerung gebunden werden“.
Ein Beruf, den man immer brauchen kann
Schlecht fand und findet es Gysi im Nachhinein nicht, dass er Cowboy geworden ist. Das sei schließlich ein Beruf, den man überall auf der Welt gebrauchen könne. Im Gegensatz zum Rechtsanwalt, hatte auch sein Vater gemeint. Und es habe ihm in der Politik geholfen: „Ich kann auch gut mit Hornochsen umgehen.“ Das alles und noch viel mehr erzählte der 78-Jährige rhetorisch brillant den Zuhörern im ausverkauften Stadthaus und verbreitete mit seinem „Zweckoptimismus“, seinen klugen Analysen und seiner feinen Ironie gute Laune.
Der Abend war – das kann man sagen – unterhaltend. Gysi blickte zurück auf seine Jugend in der DDR und die Zeit der Wende. Und machte mit wenigen Sätzen deutlich, warum Ost und West auch nach mehr als 40 Jahren nicht zusammengewachsen sind. Man habe Fehler gemacht bei der Vereinigung, die DDR „nur auf die Stasi, die SED und die Grenzmauer“ reduziert. Alle positiven Eigenschaften wie der fortgeschrittene Weg zur Gleichberechtigung, die gute Kinderbetreuung und die gute Bildung etwa seien rasiert worden. Stattdessen „hat man das Sandmännchen und das Ampelmännchen übernommen“.
Politiker sei er geworden, weil es kurz vor der Wende eine Zeit in der DDR gab, in der man merkte: „Wir können etwas verändern. Es funktioniert.“ Dann zog Gregor Gysi vor 36 Jahren zum ersten Mal in den Bundestag ein und war Vorsitzender der SED-Nachfolgeorganisation PDS, Senator in Berlin und Fraktionsvorsitzender. 2025 eröffnete er als Alterspräsident, mittlerweile bei der Linken, dessen konstituierende Sitzung.
So humorvoll der Mann im beigefarbenen Anzug sein kann, bei der aktuellen Weltlage wird er ernst und analysiert klug und wissensreich die Hintergründe. So sei es im Interesse von Donald Trump und seinen Eliten, dass Demokratie, Recht und Freiheit in möglichst vielen Ländern verschwänden. Denn nur in autoritären Staaten könne man ungestört seine Interessen durchsetzen. „Da nimmt er sich China als Vorbild, das vielleicht bald die Weltwirtschaftsmacht Nummer eins ist.“ Dort ginge alles schneller, weil keine Gerichte und keine Parlamentarier die Entscheidungen der Führung behindern.
Gysi hält ein geeintes Europa für unabdingbar, um Trump und auch Putin die Stirn zu bieten. Mit Anbiederung erreiche man nichts. Und der 78-Jährige fordert eine Rückkehr der Diplomatie, um Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu schaffen. „Man muss reden, anders geht es nicht.“
