Früher Profiboxerin, heute Coach
: Rola El-Halabi: „Ich hatte mich komplett verloren“

Am 17. März wird die frühere Profiboxerin Rola El-Halabi 40 Jahre alt. Sie holte neun Titel, durch die Medien ging sie aber vor allem, als ihr Stiefvater und Ex-Manager sie vor einem Kampf anschoss. Dem Magazin acht.neun gewährte sie intime Einblicke.
Von
Julika Nehb
Ulm
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Früher Profiboxerin, heute Coach: Rola El-Halabi ist mittlerweile zweifache Mama und selbstständig

Früher Profiboxerin, heute Coach: Rola El-Halabi ist mittlerweile zweifache Mama und selbstständig

Rudi Apprich, Inka Englisch
  • Rola El-Halabi war Profiboxerin, heute Coach und wird am 17. März 40 Jahre alt.
  • Sie gewann neun WM-Titel, trotz eines traumatischen Angriffs durch ihren Stiefvater 2011.
  • Nach Karriereende: berufliche Neuorientierung, zwei Kinder, Umzug nach Griechenland, Rückkehr nach Ulm.
  • Sie arbeitet als Mentorin und Motivationscoach für Frauen, betont die Bedeutung von Erfolg und Selbstbestimmung.
  • Workshop zum Weltfrauentag am 8. März in Ulm.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Ich definiere mich heute ganz klar als Erfolgsfrau. Egal, was ich anpacke, ich werde erfolgreich. Weil ich gelernt habe, wie Erfolg funktioniert – und das hat nur wenig mit Talent zu tun“.

Im Gespräch mit Rola El-Halabi, mehrfache Boxweltmeisterin im Leichtgewicht aus Ulm, fällt dieses Wort besonders häufig: Erfolg. Die Vermutung, es handle sich dabei um die eng gefasste Definition einer Profisportlerin, erledigt sich allerdings schnell: El-Halabi nähert sich dem Wort aus verschiedenen Perspektiven – und sehr differenziert. Denn was Erfolg für einen Menschen bedeutet, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen er damit gemacht hat, sich nicht erfolgreich zu fühlen. Ein Blick in die Lebensgeschichte der gebürtigen Libanesin, die am 17. März 40 Jahre alt wird und inzwischen als Mentorin und Motivationscoach für Frauen arbeitet, bietet Material, das Bücher füllt (ein erstes, „Stehaufmädchen“, hat sie 2013 veröffentlicht, ein zweites, „I am Woman“, folgt im Frühjahr 2025) – es ist voller Höhen und Tiefen.

Sport ist ja nur ein kleiner Teil meines Lebens

„Diese romantische Vorstellung, dass erfolgreiche Menschen von Anfang an wissen, was sie wollen und das dann nur noch durchziehen müssen – das ist natürlich Quatsch. In meiner sportlichen Karriere hatte ich das zwar – aber der Sport ist ja nur ein kleiner Teil meines Lebens.“ Dennoch gab es diesen einen Moment, als sie zum ersten Mal als Neunjährige im Boxtraining spürte: Das ist mein Ding, hier gehöre ich hin. „Wenn du dir ein Kind vorstellst, das heute eins zu eins das verkörpert, was ich damals verkörpert habe, würde kein Mensch sagen: Die wird mal extrem erfolgreich. Alles, was ich gebraucht hätte, habe ich nicht gehabt: Ich war ängstlich und sensibel, hatte kein Selbstbewusstsein und wurde in der Schule gemobbt. Wir hatten wenig Geld. Ich war am liebsten unsichtbar.“ Dann kam die entscheidende Wende – und nur vier Jahre später wusste sie, dass sie Weltmeisterin werden will.

Seit Juni am Start: acht.neun

Dieser Text erschien zuerst im neuen Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni 2024 an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur aktuellen Online-Ausgabe gibt es hier.

acht.neun als gedrucktes Magazin ist an mehr als 250 Auslagestellen kostenlos zu haben. Es liegt an vielen hochfrequentierten Plätzen in der Doppelstadt aus: in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Banken und Parkhäusern.

Das für sie transformierende Element war das Umfeld, das sie in der Kampfschule erlebte. 1994 gab es weder Frauen- noch Kindergruppen in der Kickbox-Schule in Neu-Ulm. Rola El-Halabi befand sich in einem Raum voller schwitzender, stinkender Männer, „so richtig Rocky-Style. Und ich als Neunjährige mittendrin. Ich hatte meinen Vater dabei, der Trainer war ein Freund von ihm. Was mir damals so gutgetan hat war, dass ich in diesem Raum nicht aufgefallen bin. Bis dahin kannte ich es nur, negativ aufzufallen, wie in der Schule. Hier hatte ich nicht die Rolle der Ausgegrenzten. Ich durfte einfach sein, niemand hat sich wirklich um mich gekümmert. Bis dann relativ schnell klar war, dass ich Talent habe – und dann war dieses Umfeld natürlich extrem positiv besetzt. Heute als erwachsene Frau weiß ich, wie unfassbar wichtig dein Umfeld ist, um wachsen zu können. Daher schaffe ich in meinem Beruf als Coach und Mentorin für Frauen solche positiven Räume.“

Die frühere Profiboxerin Rola El-Halabi ist heute selbstständiger Coach. (Hier inm Kampf gegen Eva Halasi 2017)

Rola El-Halabi gewann 9 Boxtitel. Hier ist sie im Janr 2017 im Kampf gegen Eva Halasi zu sehen.

Rudi Apprich

Es folgten Jahre voller innerer und äußerer Erfüllung: 2009 wurde El-Halabi Weltmeisterin – doch einfach war ihr Leben nicht. Frauenboxen galt lange als Nischensportart, im Vergleich zu den Männern haben die Verbände noch immer weniger mediale oder wirtschaftliche Bedeutung. Alles musste selbst organisiert werden und war sehr kostenaufwändig: Die Gegnerinnen, die Sponsoren, die Veranstaltungen, die Werbung. Eine Schlüsselrolle spielte über viele Jahre ihr Stiefvater und Manager: Das Leben seiner Tochter kontrollierte er streng. Alles drehte sich allein um den Sport. Am 1. April 2011 verschaffte er sich gewaltsam Zugang zu El-Halabis Umkleidekabine in Berlin, wenige Minuten, bevor sie zur Titelverteidigung antreten wollte. Wenige Monate zuvor hatte sie sich zum ersten Mal verliebt – und sich in der Folge von ihrem Stiefvater in seiner Funktion als Manager getrennt. Die damals 26-Jährige wurde von ihm in die rechte Hand, das Knie und beide Füße geschossen. Monatelang beschäftigte der Fall die Medien. „Ich war ganz klar traumatisiert. Von heute auf morgen war wirklich alles, was mein Leben ausgemacht hatte, weggebrochen.“

Zwei Kinder, Kampfsportschule, Gastronomie

Entgegen der ärztlichen Diagnose gelang ihr ein sportliches Comeback, bis zu ihrem endgültigen Rücktritt 2015 gewinnt sie insgesamt neun WM-Titel als Profi. Und dann: berufliche Umorientierung, die Geburt von zwei Kindern, Ausflüge in die Gastronomie, eine eigene Kampfsportschule. Es musste ja weitergehen.

2017 ziehen Rola und ihr Mann in dessen Heimat nach Nordgriechenland. Sie zieht sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Rola erinnert sich: „Es war anfangs eher eine Flucht als ein Neuanfang. Die Einnahmen durch den Sport waren weggebrochen, aber wir hatten noch enorme Verpflichtungen. Wir mussten bei Null anfangen und hatten wirklich massive Geldprobleme. Als erfolgsgewohnter Mensch habe ich mich in die Arbeit gestürzt – das war das, was ich kannte. Und uns kam immer zu Gute, dass wir großen unternehmerischen Mut haben.“ In Griechenland organisieren sie Motivationscamps, sind im Tourismus tätig, setzen die Kampfschule fort. „Doch im Grunde hatte ich mich komplett verloren. Ich hatte eine richtige Identitätskrise und war depressiv. Wer war ich denn ohne den Sport? Boxen war meine ganze Welt, mein Leben. Ich liebe meine Kinder, doch die Mutterrolle allein erfüllt mich nicht. Nichts erfüllte mich.“

Ihr Trauma hatte sie lange nicht verarbeitet

Jeder Mensch, der in eine Krise gerät, muss seinen eigenen Weg wieder herausfinden – es gibt kein Rezept. Psychotherapie hat für El-Halabi jedenfalls nicht funktioniert: „Ich konnte das nicht, zu einem bestimmten Termin in der Woche punktgenau über meine Probleme sprechen“. Zwei Dinge waren über El-Halabi hereingebrochen: Das Ende ihrer Karriere, die ihr ganzes Leben bestimmt hatte – und das nie verarbeitete Trauma des Attentats.

Vom Ring auf die Bühne: die Box-Weltmeisterin Rola El-Halabi ist mittlerweile als Coach unterwegs.

Vom Ring auf die Bühne: die Box-Weltmeisterin Rola El-Halabi ist mittlerweile als Coach unterwegs.

Inka Englisch.

Der Weg aus dem Tief führte weder über therapeutische Betreuung noch über spirituelle Vertiefung – sondern durch ein Coaching in Persönlichkeitsentwicklung: „Und das war gar nicht auf meine Themen bezogen – sondern es ging um Geld.“ El-Halabi spürte wieder ihre Selbstwirksamkeit, die Erfahrung, Dinge aus eigener Kraft verändern zu können. Die jahrzehntelang gelebten Prinzipien aus ihrer Profisportkarriere taten ihr Übriges: „Disziplin, Eigenverantwortung, Durchhaltevermögen, ein bisschen verbissen sein.“ Es gelang ihr, sich eigenständig aus den Schulden zu arbeiten. Da war er wieder, der Erfolg. Doch anfangs war sie skeptisch. „Coachings haben einen schwierigen Ruf. Das liegt auch daran, dass es in der Branche wenig Qualitätskontrolle gibt. Nicht jeder handelt nach denselben Prinzipien. Doch mir hat das unglaublich geholfen. Für mich war es eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst, meinen Entscheidungen, meiner Vergangenheit. Ich befand mich in derselben Situation wie damals in der Umkleidekabine: Entweder ich bleibe passiv und lasse die äußeren Umstände über mich entscheiden – oder ich fange an, zu handeln.“

Die frühere Profiboxerin Rola El-Halabi ist heute selbstständiger Coach.

Die zweifache Mutter zieht nach ihrem Karriereende nach Griechenland, mittlerweile lebt sie wieder in Ulm.

Andreas Brücken

2020 bekommt sie von einem Finanzcoach in Bergisch Gladbach das Angebot, als Mindsetcoach zu arbeiten. Mitten in der Pandemie zieht die Familie zurück nach Deutschland. Doch: Wieder ist sie eine Frau in einer Männerdomäne. „Ich stellte schnell fest, dass die Inhalte, die ich vermittelte, sich schwer auf die Lebensrealitäten von Frauen übertragen ließen. Es ist noch immer schwierig, als Frau zu sagen: ich will mehr Geld, ich will Karriere. Einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter kannst du nicht sagen, sie muss einfach ihr Mindset ändern, wenn sie erfolgreicher werden möchte. Das funktioniert für Frauen nicht, wir haben völlig andere gesellschaftliche Anforderungen. Die konnten in dieser Männer-Bubble nicht bedient werden. Frauen galten nicht als relevante Zielgruppe.“

Zweitägiger Workshop im Stadthaus am Weltfrauentag

Es kommt eins zum anderen: El-Halabi organisiert sich, hält den ersten Workshop nur für Frauen. Und spürt wieder, was sie all die Jahre zuvor schon in der Kampfschule gespürt hat: Hier ist sie richtig. 2022 zieht die Familie wieder nach Ulm, hier startet El-Halabi ihre Selbstständigkeit. „Meine Kinder fühlen sich in Ulm zu Hause. Es ist unsere Heimat.“ Am 8. März zum Weltfrauentag findet im Ulmer Stadthaus ein zweitägiger Workshop für Frauen statt.

Doch was bedeutet denn Erfolg nun für sie? „Eine erfolgreiche Frau ist für mich eine, die ihre eigenen Werte lebt – und nicht Werte, die von außen vorgegeben sind. Eine, die Ziele hat, an ihnen arbeitet und sie erreicht. In welchem Bereich das passiert, ist völlig egal. Du willst auf einem Bauernhof mit zehn Kindern leben? Du willst 200.000 Euro im Monat verdienen? Ich werte nicht. Es geht darum, selbstbestimmt und authentisch zu leben. Erfolg ist ein wichtiger Wert für mich. Und der wichtigste Wert: meine Freiheit.“

Rola El-Halabi spricht offen über ihr Trauma

Die Sportlerin spricht sehr offen über ihr Leben, ihre Karriere und auch den Angriff durch ihren Stiefvater im Jahr 2011. Auch in „Akte Südwest“, dem Kriminalpodcast der SÜDWEST PRESSE, war sie schon zu Gast und schilderte eindrucksvoll und berührend die Momente damals und ihren Weg zurück ins Leben.

Hier gibt es die 26. Folge von Akte Südwest