Brief an 25.000 Mitarbeiter
: Unternehmerlegende Reinhold Würth warnt seine Angestellten vor Wahl der AfD

„Überlegen Sie, wem Sie Ihre Stimme geben“: Der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth (88) hat einen Brief an seine 25.000 Mitarbeiter geschrieben – und warnt davor, die AfD zu wählen. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut.
Von
Roland Müller
Künzelsau
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Reinhold Würth, Vorsitzender des Unternehmensbereirats der Würth–Gruppe, hat seinen Mitarbeiter vom Wählen der AfD abgeraten.

Christoph Schmidt/dpa

Er gilt als „Schraubenkönig“, gehört zu den reichsten Männern Deutschlands und ist als Unternehmer und Kunstförderer bekannt: Reinhold Würth. Nun hat sich der 88-Jährige mit einem ungewöhnlichen Schritt an die rund 25.000 Mitarbeiter der Würth Group in Deutschland gewandt – und sich darin klar gegen die AfD positioniert.

„Heute erhalten Sie von mir eine außergewöhnliche Nachricht“, beginnt das Schreiben mit dem Datum vom 18.3., das swp.de vorliegt. Eigentlich habe sich die Würth-Gruppe verordnet, sich in allen Ländern, in der sie tätig ist, „vom politischen Geschehen distanziert zu halten“. Nachdem viele Millionen Bürger protestierend auf die Straße gegangen seien, habe er sich aber anders entschieden: Er schließe sich dem Protestzug der vielen Millionen Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf die AfD voll an, in Deutschland „keine grundsätzlichen Veränderungen im Politiksystem zu wollen“.

Viele Menschen würden heute Parallelen zum Geschehen in der Weimarer Republik ziehen. Das hält Würth allerdings für „absoluten Unsinn“ und keine Begründung für den

„AfD-Hype“, wie er es nennt: Während zur Weimarer Zeit bittere Armut, Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit das Land erschütterten, gehe es den Menschen in Deutschland heute gut, niemand müsse hungern oder frieren, sogar für Urlaube sei viel Geld vorhanden. Die Gesundheitsvorsorge seit gut, die Sparquote hoch, das Sozialsystem gut ausgeprägt. Der Normalfall sei, „dass heute die Bürger in Deutschland wohl etabliert ein eher freiheitliches Leben leben können und einen guten oder mindestens angemessenen Arbeitsplatz haben“, schreibt Würth. Außerdem herrschten Meinungs- und Pressefreiheit und Demokratie.

AfD wolle „Demokratur oder Diktatur“ einführen

„Ich frage Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was will die AfD im Rahmen dieses Systems ändern?“, wendet sich Würth direkt an seine Mitarbeiter. Die AfD wolle offenbar eine „Demokratur oder gar eine Diktatur einführen – wollen wir uns das antun?“

Womöglich gehe es den Menschen in Deutschland vielleicht sogar zu gut. „Ich appelliere an jede Bürgerin und jeden Bürger und auch an Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überlegen Sie, wem Sie bei den verschiedenen Wahlen Ihre Stimme geben“, heißt es in dem Brief weiter. „Bloß wegen ein bisschen Spaß an der Freude Rabatz zu machen und aus Unmut über die Ampelregierung die AfD zu wählen, ist einfach zu wenig.“

Politiker reagieren auf das Schreiben Würths

Politiker aus Baden-Württemberg reagierten prompt auf das Schreiben von Reinhold Würth: „Danke für die klare Haltung“, schrieb Landesfinanzminister Danyal Bayaz auf der Plattform X (ehemals Twitter).

Der baden-württembergische SPD-Vorsitzende Andreas Stoch schrieb auf X: „Danke für dieses klare Bekenntnis zu unserer Verfassung und für unsere Demokratie, lieber Reinhold Würth!“

Bei der AfD kam das Schreiben naturgemäß nicht so gut an. „Seit wann entscheidet der Arbeitgeber, wen die Mitarbeiter wählen dürfen? In einer Demokratie gibt es freie und geheime Wahlen, oder ist die Demokratie in Deutschland schon abgeschafft worden?“, schrieb der Berliner AfD-Politiker Gunnar Lindemann.

Auch andere Unternehmer haben sich in der Vergangenheit gegen die AfD positioniert.

  • Christian Klein, Chef von SAP, sprach von einer gefährlichen Entwicklung, wenn ausländische Top-Mitarbeiter sich in Deutschland nicht mehr wohl fühlten.
  • Stefan Hartung, Chef des Technologieriesen Bosch, erklärte: „Als internationales und global agierendes Unternehmen setzen wir uns dafür ein, dass Deutschland ein weltoffenes Land bleibt, und wir erteilen jeglicher Position zur Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung eine klare Absage.“
  • Jochen Hanebeck, Chef von Infineon, sagte, Hass und Ausgrenzung dürften in Deutschland keinen Platz haben. „Die Idee der sogenannten Remigration ist unmenschlich.“
  • Christian Kullman, Chef von Evonik, hatte gefordert, dass alle, die in diesem Land Verantwortung tragen, klar Stellung beziehen sollten, die AfD schade „unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft, unserer Zukunft“.
  • Joe Kaeser, Aufsichtsratschef von Siemens hatte ebenfalls vor einem Erstarken der AfD gewarnt.

Wir dokumentieren hier den Brief Reinhold Würths im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

heute erhalten Sie von mir eine außergewöhnliche Nachricht, weil die Würth-Gruppe verordnet hat, sich in allen Ländern, wo wir tätig sind, vom politischen Geschehen distanziert zu halten. In der Rückschau von Mitte März 2024 wissen wir, dass gerade in Bezug auf die AfD in der Bundesrepublik Deutschland viele Millionen Bürger protestierend auf die Straße gegangen sind mit dem Ziel, klar zu machen, dass sie am grundsätzlichen Politiksystem in Deutschland keine Veränderung wollen. Ich schließe mich diesem Protestzug voll an und möchte auch begründen warum.

Die Bürger in Deutschland sehen für den Zulauf zur AfD viele Parallelen aus der Endzeit der Weimarer Republik. Oberflächlich könnte man tatsächlich meinen, dass es Parallelen gibt.

Steigt man aber nicht nur oberflächlich in die Geschichte ein, dann wird jedem klar, dass zwischen dem AfD-Hype und dem Zulauf der NSDAP in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts keinerlei Parallelität besteht:

Man muss einfach wissen, dass 1929 bis zur Machtübernahme durch Adolf Hitler 1933 das ganze deutsche Volk bitter unter den Forderungen des Versailler Vertrags gelitten hat, wegen der sich daraus ergebenen Hyperinflation und vor allem wegen der riesengroßen Arbeitslosigkeit. Der Zulauf zu Adolf Hitler war also tatsächlich die Folge einer bittertiefen Notsituation aller Deutschen. Adolf Hitler wurde als der Retter aus der blanken Not gesehen. Soweit die Historie.

Heute wird nun in vielen Diskussionen eine Parallelität zu der Weimarer Zeit konstruiert, was absoluter Unsinn ist. Rekapitulieren wir einfach einmal, in welcher Zeit wir leben: Im Gegensatz zur Weimarer Zeit muss in unserer heutigen Bundesrepublik Deutschland kein Mensch hungern oder frieren. Die Sozialeinrichtungen des Bundes und der Länder überschütten geradezu die Bedürftigen mit Hilfsangeboten. Der Normalfall ist aber, dass heute die Bürger in Deutschland wohl etabliert ein eher freiheitliches Leben leben können und einen guten oder mindestens angemessenen Arbeitsplatz haben.

Ich wette, dass der durchschnittliche AfD Wähler über ein eigenes Auto verfügt und mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fährt. Im Jahr 2023 haben die deutschen Bürger 76 Milliarden Euro für Auslandsurlaubsreisen und sicher einen ähnlich hohen Betrag nochmals für Inlandsurlaubsreisen, mit Sicherheit insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro, ausgegeben.

Die Sparquote im Land ist hoch, die Gesundheitsvorsorge auf europäischem Niveau. Wir haben deutlich kürzere Arbeitszeiten als in vielen anderen Ländern. Jeder Volljährige hat sein Wahlrecht und kann unbeeinflusst wählen, wenn er will sogar die AfD.

Ich frage Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was will die AfD im Rahmen dieses Systems ändern? Wir haben solche Freiheit: Jeder kann sagen „Bundeskanzler Scholz ist ein Dummkopf“ und wandert dafür nicht für zwei Wochen oder ein halbes Jahr in das Gefängnis. Dagegen steht die Aussage eines AfD-Landtagsabgeordneten, der sagte: „Wenn wir morgen in einer Regierungsverantwortung sind, dann müssen wir diesen Parteienstaat abschaffen“. Das heißt, man würde mindestens eine Demokratur oder gar eine Diktatur einführen – wollen wir uns das antun?

Gestatten Sie mir mit meinen 89 Lebensjahren und entsprechenden Erfahrungen eine Frage zu stellen: Geht es uns in diesem Land einfach zu gut? Tatsächlich ist eine menschliche Eigenschaft, Erreichtes als selbstverständlich anzusehen und das Erreichte in seiner positiven Wirkung gar nicht mehr zu schätzen.

Ist es deshalb nicht wunderbar, dass unser Deutschland eine Ampelregierung aushalten kann, die in vielen Teilen wie ein Hühnerhaufen durcheinanderrennt und doch trotzdem das eine oder andere positive Gesetz auf den Weg bringt?

Ich selbst habe einen hohen Respekt vor Herrn Bundeskanzler Scholz, weil er die Taurus-Marschflugkörper nicht aus Deutschland herausgibt. Die Demokratie garantiert, dass die nächste Regierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine CDU/SPD- oder eine CDU/GRÜNEN-Koalition abgeben wird und die Ampelregierung wird verfassungsgemäß ohne Murren abtreten.

Ich appelliere an jede Bürgerin und jeden Bürger und auch an Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überlegen Sie, wem Sie bei den verschiedenen Wahlen Ihre Stimme geben. Bloß wegen ein bisschen Spaß an der Freude Rabatz zu machen und aus Unmut über die Ampelregierung die AfD zu wählen, ist einfach zu wenig.

Meine Frage: Nachdem wir alles oder fast alles, was wir brauchen, haben -- Arbeit, Urlaub, Gesundheitsversorgung, Reisefreiheit, Einkommen und die Freiheit des Reports im Rahmen der Verfassung -- brauchen wir mehr?

In Hohenlohe beschreiben wir einen Menschen, der gut platziert ist und trotzdem durch besondere Unzufriedenheit auffällt als einen „dem man einmal die Zunge schaben müsste“ ☺. Vielleicht wäre das auch beim einen oder anderen Wähler angebracht ☺.

Fazit: Meine Empfehlung ist, lassen Sie uns im heutigen System unseres so wunderbaren Grundgesetzes mit unseren unterschiedlichen Meinungen, Vorstellungen und Ideen weiter zusammenleben und schätzen wir wieder, was wir haben: Eine Familie, einen Arbeitsplatz, ein Auto, eine Wohnung oder ein Haus, Urlaubsziele, absolute Bewegungs- und Reisefreiheit und die politische Vielfalt der demokratischen Parteien.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn das alles kein Grund zur Dankbarkeit ist, dann weiß ich auch nicht weiter ☺.

Wir äußern uns ja normalerweise zu politischen Themen überhaupt nicht, aber in diesem Fall der AfD sehe ich mich in Übereinstimmung mit Abermillionen deutscher Bürger. Nicht vergessen sei, dass ich Ihnen allen meinen herzlichen Dank für Ihre Arbeit im Unternehmen zum Ausdruck bringen möchte. Wir alle sind dankbar, dass wir so viele sichere Arbeitsplätze anbieten können. In diesem Sinne grüße ich Sie in Demut und mit großem Respekt

Ihr Reinhold Würth