Reanimation durch Laien
: Deutsche leisten kaum Erste Hilfe: Wie man gegensteuern könnte

In Deutschland gibt es eine zu geringe Laienreanimationsquote. Woran liegt das? Und wie könnte man das Problem lösen? Eine Expertin gibt Tipps.
Von
Lea Irion
Eningen
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An der Erste Hilfe-Station des DRK im Gerätehaus übten die Feuerwehrleute Olaf Rogatz aus Luckau und Ingo Frenzel aus Schlabendorf die richtige Herzdruckmassage zur Wiederbelebung anhand von Dummies, die farblich anzeigten, ob der Druck ausreichend ist.

An der Erste Hilfe-Station des DRK im Gerätehaus übten die Feuerwehrleute Olaf Rogatz aus Luckau und Ingo Frenzel aus Schlabendorf die richtige Herzdruckmassage zur Wiederbelebung anhand von Dummies, die farblich anzeigten, ob der Druck ausreichend ist.

Zwei Feuerwehrleute üben die richtige Herzdruckmassage an Dummys, die farblich anzeigen, ob der Druck ausreichend ist. (Symbolfoto)

Birgit Keilbach

Wer in Deutschland einen Kreislaufstillstand erleidet, hat aktuell keine guten Überlebenschancen: 120.000 Fälle jedes Jahr zählt das Bundesministerium für Gesundheit. Bei etwa der Hälfte dieser Fälle können Reanimationsversuche unternommen werden. Trotzdem überleben nur 11 Prozent der Betroffenen einen Ausfall des Herzmuskels.

Natürlich kann nicht jeder Mensch, der zum Beispiel einen Herzinfarkt erleidet, wiederbelebt werden. Doch in nur etwa der Hälfte der Fälle versuchen Laien überhaupt, eine Herzdruckmassage einzuleiten. „Eine unverzüglich begonnene Herzdruckmassage verdoppelt bis verdreifacht die Überlebenschancen der Betroffenen“, schreibt das Gesundheitsministerium. Warum also ist die Laienreanimationsquote in Deutschland so gering?

Öffentliches Interesse ist zu gering

Christiane Merz ist eine, die es wissen muss. Sie ist eine von zwei Erste-Hilfe-Ausbilderinnen des Roten Kreuzes in Eningen, Merz selbst hat sich nebenbei auf Erste Hilfe bei Kindern spezialisiert. 25 bis 30 Kurse geben die beiden pro Jahr. Früher organisierte das Eninger DRK noch öffentliche Kurse. Heute ist die Nachfrage so groß, dass Merz und Co. nur noch auf Anfrage in Schulen und Betriebe kommen.

Es klingt wie ein Widerspruch: zu geringe Laienreanimationsquote, aber zu viele Anfragen für Erste-Hilfe-Kurse? „Das sind in erster Linie Ersthelfer in Betrieben. Die müssen ihre Kenntnisse alle zwei Jahre auffrischen“, weiß Merz. Das ändere aber nichts daran, dass das allgemeine öffentliche Interesse an Erste-Hilfe-Kursen schlichtweg zu gering sei. Heißt also: Wer nicht muss, geht auch nicht hin.

Merz formuliert es etwas deutlicher: „Ich sage immer: In Sachen Erste Hilfe ist Deutschland ein Entwicklungsland.“ Bei vielen höre es nach dem verpflichtenden Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein auf. Die Folge: Menschen vergessen, wie man Verletzte in die stabile Seitenlage bringt, wie eine Herzdruckmassage funktioniert, wie man einen Motorradhelm ohne Folgeschäden abnimmt. „Es ist leider so: Im Alltag braucht man es nicht, also besteht kein Bewusstsein dafür“, bedauert Merz.

Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die aus persönlichem Interesse einen Kurs machen wollen, kürzlich einen Unfall im näheren Umfeld erlebt haben und ihnen klar geworden ist, dass ihre Kenntnisse nicht für die Erste Hilfe ausgereicht hätten – oder haben. „Bei manchen ist der Kurs für den Führerschein 20 Jahre her. Eigentlich sollte man alle fünf Jahre einen Kurs machen“, mahnt die Eninger Ausbilderin.

Knappe sieben Stunden dauert ein Erste-Hilfe-Kurs, aufgeteilt in neun Einheiten, die jeweils 45 Minuten lang sind. Aber mittlerweile bietet das Rote Kreuz in Eningen schon Abendkurse an, die jeweils nur zwei Stunden gehen; ein Crashkurs mit dem Allernötigsten, quasi. Das komme auch gut an, sagt Christiane Merz, denn in einer Welt, in der alles immer schneller gehen muss, sind zwei Stunden am Abend als Erste-Hilfe-Häppchen scheinbar leichter zu verdauen als ein Kurs, der den Großteil eines Samstags einnimmt – wenngleich nur ein Teil des Wissens vermittelt wird.

„Man muss halt wissen, wie es geht“

Doch jeder Mensch, der zumindest weiß, wie eine Herzdruckmassage funktioniert und die auch mal an einem Dummy ausprobiert hat, ist ein Gewinn für alle. „Die größte Hemmschwelle ist für viele die Angst davor, etwas falsch zu machen“, sagt Merz, „aber eigentlich kann man kaum etwas falsch machen. Wichtig ist, dass man überhaupt etwas macht“.

Unsicherheit herrsche oft auch bei der Abnahme eines Motorradhelms. Das wundert Merz nicht: Noch vor 20 Jahren war dieser Vorgang dem Notarzt vorbehalten. Doch das hat sich geändert. Heute sei es wichtig, den Helm richtig abzunehmen, um schnell feststellen zu können, ob das Opfer noch atmet. „Aber wenn es die Leute einmal ausprobieren können, merken sie, dass es gar nicht so schwierig ist. Man muss halt wissen, wie es geht.“

Doch wie kriegt man ebendiese Leute überhaupt in Erste-Hilfe-Kurse? Merz sieht großes Potenzial darin, Erste Hilfe bereits an Schulen zu lehren. Dazu existiert bereits die Aktion „Löwen retten Leben“, mit der das Rote Kreuz Kurse in Schulklassen durchführt. Doch eine Verpflichtung dieser würde das Pensum der Ehrenamtlichen sprengen. „Wenn Lehrer das Wissen als Erste-Hilfe-Ausbilder oder in AGs vermitteln können, wäre es machbar“, schätzt Merz.

Es gibt aber auch Konzepte wie Apps, bei denen sich Nutzerinnen und Nutzer registrieren können und bei einem Notfall in ihrer Nähe benachrichtigt werden, womit geschulte Laien vor Ort sein können, bevor es die Rettungskräfte selbst sind. Das würde zwar eine Grundausbildung ebendieser Laien voraussetzen. In den Niederlanden oder der Schweiz konnte die Quote der Ersthelfer durch solche Apps aber gesteigert werden.

Am Ende zählt jede Hilfe

Eine solche App soll auch im Kreis Reutlingen eingesetzt werden, der Zugang soll bislang aber medizinischem Fachpersonal vorenthalten sein. Im Zweifel gibt es zum Beispiel aber auch eine App vom Roten Kreuz, in der aufgelistet wird, bei welchem Notfall welche Hilfe zu leisten ist. Und sollte man als Laie wirklich zur Herzdruckmassage ansetzen müssen, helfen die Menschen am anderen Ende der Notrufnummer 112 Schritt für Schritt weiter.

Christiane Merz wird nicht müde, genau das zu betonen: Auch wenn der Erste-Hilfe-Kurs 20 Jahre zurückliegt, ist es am wichtigsten, überhaupt tätig zu werden – „Und wenn es nur das Wählen des Notrufs ist.“