Sulz
: Neue Spur mit eigenem Profil

Maria-Lena Weiss aus Mühlheim/Donau will für die CDU das Direktmandat holen. Die 40-jährige Juristin hat viel Parteierfahrung.
Von
Cristina Priotto
Kreis Rottweil/Mühlheim

Üben für die Raute: Maria-Lena Weiss strebt zwar keine Kanzlerkandidatur an, sondern tritt vorerst „nur“ bei der Bundestagswahl an. Als Vorbilder nennt die CDUlerin Merkel und Kohl.

Cristina Priotto

Zum Interview im Sulzer Stadtpark ist Maria-Lena Weiss an diesem sonnigen Sommertag nicht alleine gekommen.

Dabei beweist die 40-Jährige, die seit Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen beruflich als Rechtsanwältin sowie politisch bei der CDU selbstständig ist, Führungsqualitäten und Durchsetzungsvermögen. Bei der Nominierung für die Bundestagswahl im April setzte die Mühlheimerin sich mit 62,6 Prozent gegen eine Mitbewerberin durch. Wenn es gut läuft, könnte die Juristin Ende September das Direktmandat im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen holen, es wäre das 20. Mal in der Geschichte der BRD für die CDU.

Ihre Begleitung an diesem Tag besteht aus Paula Luisa (6) und Clara-Sophia (4). Weiss hat beide Töchter zum Gespräch mitgebracht. Damit positioniert sich die Bundestags-Kandidatin unausgesprochen als moderne Christdemokratin, die berufstätig, Mutter und zugleich politisch engagiert ist. Der Ort für den Austausch wird angesichts der zwei quirligen Mädchen kurzfristig in die Nähe des Wasserspielplatzes verlagert. So hat Weiss Kinder und Karriere bestens im Blick.

Wer sich in Maria-Lena Weiss’ Heimatgemeinde auskennt, dem fällt beim Nachnamen sofort Kurt Weiss ein, der von 1966 bis 1994 Bürgermeister in Mühlheim war, und ebenfalls CDU-Mitglied ist

– und der Vater der Bewerberin.

Kein Druck, aber Ehrgeiz

Die 40-Jährige nennt jedoch ein anderes politisches Vorbild: „Ich war als Jugendliche ein Fan von Helmut Kohl“, bekennt Weiss. Die Person des Kanzlers, den Maria-Lena Weiss freilich nur im Fernsehen erlebte, habe etwas Faszinierendes ausgestrahlt. Dies und die Identifikation mit den Inhalten der Partei führte dazu, dass die Mühlheimerin mit 18 Jahren in die Junge Union (JU) eintrat. In der Nachwuchsorganisation der CDU machte die Aufsteigerin schnell Karriere, wurde erst Tuttlinger JU-Kreisvorsitzende, später stellvertretende JU-Bezirksvorsitzende in Südbaden und dann Landesvorsitzende, Mitglied im CDU-Kreisvorstand, Stadt- und Kreisrätin für die CDU sowie stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Tuttlinger Kreistag.

Der Sprung nach Berlin wäre ein großer, doch die ganze Familie habe sich die Kandidatur gut überlegt, versichert Maria-Lena Weiss. Dass eine Zäsur bevorsteht, ist klar, seit Volker Kauder im September 2019 angekündigt hat, nach 30 Jahren nicht mehr für den Bundestag antreten zu wollen. Achtmal holte der Tuttlinger für die Christdemokraten solide das Direktmandat, zuletzt vor vier Jahren mit 43,0 Prozent.

Druck angesichts eines solchen Ergebnisses oder Angst vor den viel zitierten großen Fußstapfen, die der politische Silberrücken nach drei Jahrzehnten hinterlässt, spürt die potenzielle Nachfolgerin nicht. „Es ist natürlich ein Ansporn, und ich habe den Ehrgeiz, für die CDU das Bestmögliche herauszuholen“, betont die Kandidatin. Am bisherigen Amtsinhaber messen lassen möchte die Juristin sich jedoch nicht: „Der Generationenwechsel war klar. Es kommt jetzt einfach mal etwas Neues“, beschreibt die Mühlheimerin die Herausforderung entspannt.

Vom Typ her sind Kauder und Weiss sehr unterschiedlich. Bei Maria-Lena Weiss’ erstem und Volker Kauders letztem Auftritt in Sulz anlässlich des Marktplatzgesprächs am 21. Juli schienen die Rollen zwischen dem Polit-Rentner-in-spe und der Newcomerin klar klar verteilt. „Ich will selbst möglichst viele Kontakte knüpfen, weiß aber die CDU im Wahlkreis und Kauder als Ratgeber geschlossen hinter mir“, sagt Weiss.

Die Rechtsanwältin ist sich Kauders großer Fußstapfen zwar durchaus bewusst, kündigt aber selbstbewusst an: „Ich möchte den Wahlkreis selbst prägen und eine neue Spur gehen“ –und dafür die Freiräume als erfahrene Parteifrau im neuen Amt nutzen.

Zwischendurch beantwortet die zweifache Mutter Fragen der Töchter, widmet der Gesprächspartnerin aber gleichzeitig genauso viel Aufmerksamkeit. „Ich bin multitasking-fähig“, scherzt die 40-Jährige. Weder auf den Beruf noch auf die Kinder und auch nicht auf die politische Karriere würde Maria-Lena Weiss verzichten wollen. „Wir müssen in der Gesellschaft mehr Platz für Familien bieten“, fordert die Juristin, die durch die Bewerbung für eine so anspruchsvolle Position wie ein Bundestagsmandat den Spagat berufstätiger und ehrenamtlich engagierter Mütter als durchaus praktikabel präsentiert. Das funktioniere aber nur, wenn mehr flächendeckende Betreuungsstrukturen geschaffen werden - und mit Unterstützung der Familie. „Der Staat soll Familien unterstützen, aber so wenig wie möglich in Familien hineinregieren“, formuliert die CDU-Frau die Wünsche aus Mutter- und Politikerin-Sicht.

Alle 140 Seiten des CDU-Programms für die Bundestagswahl mit dem Titel „Das Programm für Stabilität und Erneuerung. Gemeinsam für ein modernes Deutschland“ hat die Mühlheimerin noch nicht gelesen. „Aber ich bin dran“, versichert Weiss.

Dass es funktionieren kann, die Bundesrepublik bis 2045 in ein klimaneutrales Industrieland zu verwandeln, davon ist die 40-Jährige überzeugt. „Man muss dabei auch Raum geben für Innovationen und bestimmten Technologien einen marktwirtschaftlichen Rahmen ermöglichen“, erklärt die überzeugte Dieselfahrerin, die sich für einen Wettbewerb der verschiedenen Antriebsarten für Autos ausspricht. „Die Mobilität von morgen muss vielschichtig sein, und ich bin überzeugt, dass sowohl das Elektro-Auto als auch der Verbrenner ihren Platz haben werden“, glaubt die Kandidatin.

Besuch in allen 56 Kommunen

Einen flächendeckenden ÖPNV-Ausbau im ländlichen Raum, der zu einer umweltschonenden Mobilitätswende führen würde, hält die Tuttlinger Kreisrätin auch aufgrund der hohen Kosten für nicht realisierbar. „In kleinen Gemeinden sind die Menschen auf individuelle Mobilität angewiesen, das ist auch ein Ausdruck von Freiheit“, betont Maria-Lena Weiss.

Gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und ländlichem Raum sind ein weiteres Ziel im CDU-Wahlprogramm. „Der ländliche Raum darf nicht abgehängt werden“, fordert denn auch die Bewerberin im Wahlkreis.

Als Beispiel des Scheiterns wertet die Juristin den noch immer nicht realisierten zweigleisigen Gäubahn-Ausbau. „Es ist ein Armutszeugnis, dass dies innerhalb einer Generation nicht gelungen ist“, sagt die CDUlerin offen.

Dass der ländliche Raum irgendwann aussterbe, sieht Weiss mittlerweile widerlegt, fordert aber: „Wir wollen nicht das Museum der Großstadt sein, sondern brauchen auch Entwicklungsmöglichkeiten für Unternehmen“. Dazu gehöre auch, Nachwuchsfachkräfte vor Ort auszubilden. Den dafür notwendigen Wohnraum möchte die CDU durch den Neubau von 1,5 Millionen bezahlbaren Wohnungen bis 2025 schaffen. Teil des „Zukunftspakts für Innenstädte und Dorfkernsanierungen“ muss aus Sicht der Juristin auch eine Unterstützung der Einzelhändler sein, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen.

Im Wahlkampf hat die Bewerberin sich vorgenommen, alle 56 Kommunen in den beiden Landkreisen im Wahlkreis zu besuchen. Neben viel persönlicher Präsenz rührt Maria-Lena Weiss die Werbetrommel für sich und die Partei durch eine Homepage, eine Facebook-Profilseite sowie einen Instagram-Account.

Sollte es mit dem Direktmandat klappen, würde Ehemann Tobias beruflich reduzieren und sich stärker um die Kinder kümmern. Das gehört bei Familie Weiss zum Selbstverständnis bei der Aufgabenteilung und der Übernahme von Verantwortung - sei es im Haushalt, bei der Erziehung oder künftig vielleicht in der Politik.

Maria-Lena Weiss: Leben, Beruf, Politik, Ehrenämter/Mitgliedschaften und Familie

Leben: Maria-Lena Weiss wurde 1981 in Tuttlingen geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur studierte Weiss ab 2000 Rechtswissenschaft an der Universität in Konstanz. Nach dem Erststudium sattelte die Wahl-Mühlheimerin bis 2010 ein Aufbaustudium zur Magistra in Verwaltungswissenschaften an der Deutschen Hochschule in Speyer drauf.

Beruf: Als Parlamentarische Referentin arbeitete die 40-Jährige von 2008 bis 2010 beim Rottweiler Europa-Abgeordneten Andreas Schwab und war 2011 als Anwältin im Energierecht beim Europäischen Parlament sowie von 2011 bis 2014 als Rechtsanwältin tätig. Danach arbeitete Weiss von 2013 bis 2015 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin von Johann-Christian Pielow am Institut für Berg- und Energierecht der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2014 hat Maria-Lena Weiss einen Lehrauftrag am Institut für Berg- und Energierecht der Ruhe-Universität Bochum und ist seit 2011 zudem Rechtsanwältin.

Politik: Mitglied bei der Jungen Union (JU) wurde Maria-Lena Weiss 1998 und hatte dort verschiedene Ämter wie Pressereferentin, Schriftführerin, Stellvertreterin und Kreisvorsitzende inne. Zudem war die Christdemokratin Mitglied im Bezirksvorstand. Zur JU-Kreisvorsitzenden Tuttlingen wurde Weiss 2007 gewählt und hatte dieses Amt bis 2011 inne. Stellvertretende Landesvorsitzenden der JU Baden-Württemberg war die Tuttlingerin von 2008 bis 2012. Mitglied im CDU-Kreisvorstand sowie im CDU-Landesvorstand ist die Mühlheimerin seit 2011. Bezirksvorsitzende der JU Südbaden war Maria-Lena Weiss von 2013 bis 2015 und von 2014 zudem Mitglied der Internationalen Kommission der JU Deutschlands. Als Mitglied des Deutschlandrats der JU Deutschlands fungierte Weiss von 2015 bis 2016. Zudem ist die 40-Jährige seit 2012 Mitglied des Landesfachausschusses Energie und Umwelt. Den CDU-Kreisverband Tuttlingen leitet die zweifache Mutter seit 2015. Darüber hinaus engagiert Weiss sich seit 2018 Mitglied des Bundesfachausschusses Soziale Sicherung und Arbeitswelt.

Ehrenämter: Weiss ist Mitglied bei der CDU und seit 2014 Stadträtin in Mühlheim und seit 2019 Kreisrätin im Kreistag Tuttlingen sowie stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende, Organistin, Musikerin in der Stadtkapelle Mühlheim sowie Schriftführerin bei der Nachbarschaftshilfe.

Familie: Maria-Lena Weiss ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern im Alter von sechs und vier Jahren und lebt mit ihrer Familie in Mühlheim/Donau.