Kandidatenporträts: Manchmal hart

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Nicht gesetztB erlin ist weit weg, als Hans-Joachim Fuchtel in der Rexinger „Sonne“ sitzt. Berlin und Merkel, die Flüchtlingskrisen und die Dieselgipfel, die Trumps und Putins und die große weite Welt auch. Fuchtel redet über das ganz Naheliegende: über Dorfgasthäuser und wie er sie vor dem Aussterben retten will. Seine Wahlkampftour führt ihn zu 17 solcher Wirtschaften in der Region, die Menschen rennen ihm die Buden ein. Schlagworte wie „Heimat“, „Tradition“ und „Kulturgut“ hören sie hier gern.
Fuchtels Station in der „Sonne“ ist aber gar keine Wahlkampfveranstaltung, zumindest formal. Die SÜDWEST PRESSE hat die Bundestagskandidaten gebeten, sich einen Ort in Horb für ein Vorstellungsinterview auszusuchen. Warum sich Fuchtel für das Rexinger Lokal entschied, wird vor Ort rasch einsichtig – er hatte dort ohnehin eine Verabredung. Die „Sonne“ – dunkle Holzmöbel, Eckbänke mit Steinkrügen drauf, Gardinen in grün und orange, Keramiklampen – war zwei Jahre lang so ein ausgestorbener Fall. Nun hat sie mit Carlo Schittenhelm einen neuen Besitzer und soll ab dem 15. September wieder Gäste bewirten. Diesen Reanimationsversuch wollte Fuchtel, der Landgasthausretter, sehen. Rexingens Ortsvorsteherin Birgit Sayer und Horbs Erster Bürgermeister Ralph Zimmermann sitzen mit am Tisch und leeren Schüsseln mit Siedfleisch und Meerrettichsoße, während Fuchtel ausholt. Ein halbe Stunde spricht er über seine Landgasthof-Kampagne, bevor am Nebentisch Raum für das Pressegespräch ist.
Fuchtel, 65, sitzt fast sein halbes Leben lang für die Union im Bundestag. Seit 1987 vertritt er den Nordschwarzwald in Berlin. Er ist Merkels Griechenlandbeauftragter und Staatssekretär im Entwicklungsministerium. Der Mann hat Kanzler kommen und gehen, hat Gesellschaften umdenken sehen. „Die Tradition des Wahlverhaltens hat sich fundamental verändert“, sagt er. Menschen machten ihr Kreuzchen nicht mehr automatisch bei schwarz, weil die Familie schon immer schwarz gewählt habe. Allein, er selbst scheint solche Entwicklungen nicht sonderlich fürchten zu müssen.
Hans-Joachim Fuchtel sagt Sätze wie „Ich will ja nicht angeben, aber ich glaube, ich verstehe, wie man politische Prozesse gestaltet“, und er sagt sie mit der Selbstsicherheit eines Platzhirschs. Bei acht Bundestagswahlen trat er an, acht Mal holte er das Direktmandat. 2013 bescherten ihm die Wähler im Wahlkreis Calw 58,5 Prozent der Stimmen. „Das siebtbeste Ergebnis aller CDU-Abgeordneten bundesweit“, konkretisiert er gern. 58,5 Prozent, die weit weg scheinen von einer CDU, die auf Länderebene nur noch Juniorpartner ist und Wählerhochburgen an den politischen Gegener verloren hat, weit weg von schwarz-grün-Fantasien in der Bundespolitik.
Eine Koalition solchen Kolorits, sagt Fuchtel, „wäre in der Abwägung nicht mein erster Gedanke“. Wenn der gebürtige Sulzer über mögliche Regierungspartner der Union spricht, schwingt mehr Weiter-wie-bisher-Behagen mit denn Begeisterung für experimentelle Farbenspiele: „Eine ganz auf Kante genähte Koalition mit nur einer Stimme Vorsprung wäre nicht das Allerbeste in solch schwierigen Zeiten.“ Die CDU habe in der Zusammenarbeit mit der SPD schon einige Blessuren davongetragen, sagt Fuchtel. Um gleich hinterherzuschieben: Themen wie die Digitalisierung seien mit den Genossen machbar. Und: „Auch in manchen Fragen zum Datenschutz bin ich mit denen besser zurechtgekommen als mit der FDP.“
Der öffentliche Politdiskurs allerdings bescheinigt den beiden sogenannten Volksparteien häufig mehr einheitsbreiiges Zueinanderfinden statt Profilschärfen. Die Merkel-CDU sei eine der Zugeständnisse und des Anbiederns an urbane, liberalere Milieus und verschrecke die christdemokratische Stammklientel, so lautet häufig der Deutungskonsens. Fuchtel sagt, die Kanzlerin werde falsch verstanden: „Ich sehe bei ihr immer den Blick fürs Ganze.“ Die Klimapolitik, die Kinderbetreuung außerhalb der Familie: Fuchtel zählt auf, wo die Union in ihren Positionen umschwenkte. Er nennt es: wo sie „lernen musste“. Und kann es rasch ins Positive deuten: „Wir haben unsere Lektionen am frühesten gelernt von allen.“
Aber wie konservativ ist die CDU nach diesen Lektionen noch, Herr Fuchtel? „Sie ist die einzige Partei in Deutschland, die sich verschiedene Strömungen erhalten hat.“ Und wie konservativ ist Hans-Joachim Fuchtel? Der sagt: Laut einigen anderen gehe er auch als Sozialdemokrat durch. Wieder andere hätten ihm Grünen-Eigenschaften zugeschrieben. Fuchtel selbst sagt über sich, was man als demokratischer Politiker immer über sich sagen kann: „Ich würde mich in der Mitte einschätzen.“ Auf Nachfragen rückt er dann ein wenig heraus aus dieser Mitte. Sind Sie ein Hardliner, Herr Fuchtel? „In manchen Angelegenheiten: ja.“ Er habe klar gegen die Ehe für alle gestimmt. Aus christlicher Überzeugung und aus Verfassungsgründen, sagt der studierte Jurist. Die AfD, findet Fuchtel, profiliere sich nur an der Flüchtlingskrise, statt Politik fürs Land zu machen. Dabei habe sich die Flüchtlingssituation wesentlich beruhigt. „Aber das wird von den Bürgern nicht so schnell bewusst wahrgenommen. Das erschwert uns, die AfD in ihre Grenzen zu führen.“
Fuchtel ist mit 17 in die CDU eingetreten, Ende der Sechziger Jahre war das, als Reaktion auf die damalige APO. Weil die sich aus seiner Sicht nicht demokratisch verhalten hat. Er ist geschieden, hat vier Kinder, bis 2009 arbeitete er als Rechtsanwalt. Inzwischen sind seine Durchschnittswochen als Abgeordneter dicht getaktet mit Verpflichtungen.
Sonntags fliegt er nach Berlin, dann reihen sich Besprechungen im Abgeordneten- und Griechenlandbüro, Haushaltsbesprechungen, Besprechungen mit anderen Staatssekretären, Besprechungen in der Landesgruppe, in der Fraktion, in Arbeitsgruppen und Plenarsitzungen aneinander. Wenn es gut läuft, sitzt er dienstagabends vor dem Fernseher und guckt „In aller Freundschaft“, die Krankenhausserie ist seine Lieblingssendung. Das schafft er etwa einmal im Monat.
Fuchtel hat eine Wohnung in Berlin, „Plattenbau, einfach“, betont er. Von dort kommt er mit dem Fahrrad zur Arbeit, „obwohl ich zwei Dienstwagen habe“. Bodenständigkeit signalisieren: Das kann er gut. Sein Parlamentariererdasein treibt ihn durch die Hauptstadtgastronomie, sein Posten im Entwicklungsministerium um die Welt. Fuchtel hat mehr gesehen und anderswo gegessen als nur in den „Sonnen“ und „Kronen“ und „Adlern“ in schnuckeligen Schwarzwalddörfern. Er sagt: „Ich habe mich nicht zum Gourmet entwickelt.“ Am liebsten seien ihm „normale“ Gasthäuser, das „Schiff“ in Horb, diese Kategorie.
Zwei Tage zuvor, erzählt Fuchtel, war er in Enzklösterle. Eine Wahlkampfveranstaltung mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Da hat er erfahren, dass „in dem ganzen langen Tal“ nun die letzte Arztstelle weggebrochen ist. Gleich für den nächsten Morgen hat Fuchtel ein Treffen im dortigen Rathaus mitanberaumt, um Lösungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung zu finden. „Das war nicht geplant, aber nötig“, sagt Fuchtel, und: „Es ist die Aufgabe eines Abgeordneten, dass man mal etwas anderes stehen und liegen lässt.“ Er meint: etwas anderes wie sein Aufsichtsratsamt bei einer Bank, seinen Staatssekretärsposten, den Job als Griechenlandbeauftragter. Und dann lässt er Berlin und die Welt gerne wieder weit weg sein, wenn es darum geht, Geschichten vom Anpacken aus seinem Wahlkreis zu erzählen. Die streut er häufig ins Gespräch ein.
Nach einer möglichen Wiederwahl will Fuchtel seine Region zum Pilotprojekt für eine funklochfreie Zone machen. Und er will sich um den Fremdenverkehr kümmern. Er will das touristisch erschlossene Gebiet nach Osten hin, „bis zur Autobahn“, erweitern. Mittlerweile ist die attraktiv gemachte Destination Nordschwarzwald seiner Meinung nach westwärts geschrumpft. Früher, schwärmt Fuchtel, habe es noch Fremdenverkehrsämter in Haiterbach und Nagold gegeben, hätten sich mehr Menschen mit kleinen Pensionszimmern eine kleine Nebeneinnahme erwirtschaftet. Marktplätze, sagt er, sollen wiederbelebt werden. Die Marktplätze und die Pensionszimmer und die Landgasthöfe: Fuchtel will einen Teil Früher im Heute wahren.
Den Gestus des Festhaltenwollens am Gewohnten überträgt er nur zu bereitwillig auf die bundesdeutsche Befindlichkeit. „Ich glaube nicht, dass es eine Wechselstimmung gibt“, sagt Hans-Joachim Fuchtel, der Platzhirsch.
Zehn Fragen an Hans-Joachim Fuchtel
SÜDWEST PRESSE: Gyros oder Zwiebelrostbraten?
Hans-Joachim Fuchtel: Zwiebelrostbraten.
Was war das Schlimmste, das Sie je gegessen haben?
Hammelauge. Und in der arabischen Welt gibt es da auch keinen Schnaps hinterher.
Welche Frage können Sie nicht mehr hören?
Keine Frage, aber den Wunsch „Ein schönes Wochenende!“. In meiner Situation wäre mir „Ein erfolgreiches Wochenende!“ lieber.
Bei was schalten Sie den Fernseher ab?
Bei Talkshows, die zu undiszipliniert verlaufen.
Ihr Lieblingsgrieche?
Der Bischof Maximos. Der reformiert gerade viel in Nordgriechenland.
Wer ist Ihr politisches Vorbild?
Albert Schweitzer.
Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
„Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen“ von Eberhard Esche.
Was haben Sie nie geschafft?
Oberbürgermeister zu werden.
Haben Sie ein Laster?
Zu viel Appetit.
Mit wem würden Sie gern einen Tag tauschen?
M it Leuten aus dem Wirtschaftsmanagement.