Vor dem Gebäude der Geislinger Fahrradwerkstatt, die von der Staufen Arbeits- und Beschäftigungsförderung (SAB) betrieben wird, stehen 125 Fahrräder. Das ist gerade mal die Hälfte der insgesamt 250 fertig sanierten Räder.

Wieder im Berufsleben Fuß fassen

150 weitere stehen sogar noch im Lager. Die Arbeit in der Fahrradwerkstatt soll Menschen dabei helfen, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. Bei der diesjährigen GZ-Weihnachtsaktion „Gemeinsam geht‘s besser“ wird die Fahrradwerkstatt durch Spenden dabei unterstützt, die gestiegenen Nebenkosten stemmen zu können.

Bei der SAB selbst verwirklichen

„Die kommen auch irgendwann dran“, sagt Mario Moro über die Fahrräder im Lager. „Vielleicht bauen wir sogar aus zwei von denen ein neues oder nutzen nur Ersatzteile“, ergänzt er. Der 45-jährige Maschinenbaumechaniker und Industriemeister wollte irgendwann nicht mehr in einem großen Unternehmen arbeiten und hat sich bei der SAB „ein bisschen selbst verwirklicht. Mit Menschen arbeiten, Hilfestellung leisten, das füllt mich mehr aus“, beschreibt er seine Aufgabe. Genauso sieht es Kollege Stefan Tielesch. Seit 13 Jahren arbeitet der 56-Jährige hier als Arbeitsanleiter. Früher war der Handwerksmeister im Maschinenbau tätig: „Vielleicht war es eine Midlife-Crisis, aber auf der Suche nach einem Sinn in meinem Leben bin ich hier fündig geworden.“

Zunächst 1997 im Gartenbau gestartet

Was versteht dieses Team unter Arbeits- und Beschäftigungsförderung? Um das zu erklären, muss SAB-Geschäftsführerin Karin Woyta ausholen: Ihre Gesellschaft hat die Gartenbauingenieurin im Jahr 1997 im Gartenbau gestartet. Dann kam eine Vermittlungsagentur dazu und die Sparte Hauswirtschaft. Schließlich der Waldeckhof in Jebenhausen und dann die Fahrradwerkstatt. Bis heute bietet die SAB Dienstleistungen auch im Gartenbau oder bei der Essensauslieferung an. In allen Sparten ihres Unternehmens geht es um Integration und Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen.

Menschen wieder zu einer Perspektive zu verhelfen

Das Ziel: Menschen wieder zu einer Perspektive zu verhelfen. Durch Zuspruch, fachgerechte Anleitung und eine Tagesstruktur erhalten sie eine reelle Chance, um sich beruflich und gesellschaftlich wieder integrieren zu können. Häufig sorgen dabei psychische oder physische Einschränken für eine Herausforderung, die viele Betroffene an ihre Grenzen bringt. In der Geislinger Fahrradwerkstatt heißt es: raus aus dem Teufelskreis der Ablehnung, raus aus der Frustration und Resignation. Anpacken!
Das ist eine tägliche Aufgabe, durch Arbeit an Fahrrädern. Hier warten Kollegen, die mit dieser Lebensproblematik ebenso vertraut sind. 40 Menschen arbeiten in Geislingen in zwei Schichten an gespendeten Rädern und bieten Kunden auch Reparaturen an. 170 Frauen und Männer hat Karin Woyta im gesamten Landkreis Göppingen beschäftigt. Dazu zählt auch Sabine Weiler, die seit 16 Jahren im Sozialdienst tätig ist. Sie weiß um die Sorgen derer, die vom Job-Center geschickt werden, die sich hier vorstellen und erklären müssen, über die man nachdenkt, wie sie unterstützt werden können.

Sabine Weiler: „Viele fühlen ein Stück Heimat“

Mit fast allen kommt erst einmal ein Sack voller Aufgaben: Wohnung, Kinder, Ehe, Krankheiten, Konto, Bewerbungsunterlagen, Sprach- und Verständnisfragen zur Bürokratie. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden trainiert, Belastungsgrenzen getestet, Krankheiten und auch Suchtprobleme thematisiert, Therapien vermittelt und erste soziale Kontakte ermöglicht. „Viele fühlen hier ein Stück Heimat und sich wertgeschätzt“, weiß Sabine Weiler. In ihrem Büro mit alten Möbeln in altem Gebäude ist sie die Ansprechpartnerin für ein Team von Menschen, die wieder ins Leben wollen.
Und dann spricht sie über kleine und große Erfolge, die sie so glücklich machen: „Wir konnten Leute vermitteln, bei denen ich anfangs nicht glaubte, dass sie es schaffen.“ Einer aus dem Team hat zielstrebig die Sprache gelernt und zügig die Prüfung abgelegt, eine Frau verdient hier das erste Mal in ihrem Leben eigenes Geld. Ein geflüchteter Buchhalter aus Syrien ist seit dieser Woche deutscher Staatsbürger. Nach Prüfungen und Weiterbildungen bekam er hier einen Arbeitsplatz: „Er fing in der Fahrradwerkstatt an, jetzt geht er uns als Buchhalter mit seiner akribischen Arbeit auf den Keks“, sagt die Chefin und lacht. „So muss es sein.“
Karin Woyta und auch Sabine Weiler sind beide fasziniert davon, wie Menschen wieder ins Leben können und aus ihrer Lähmung herausfinden. Verständnis und geduldiges Erklären tragen dazu bei, denn keinem wird hier nur ein Formular in die Hand gedrückt.

Karin Woyta rechnet vor, wie sehr die Nebenkosten steigen

Daher haben sich die Verantwortlichen für die diesjährige Weihnachtsaktion der GZ beworben. Die Kosten für Benzin für die Fahrradwerkstatt belaufen sich derzeit auf etwa 300 Euro pro Monat – und damit 150 Euro mehr als im Jahr 2020 oder zusätzlich etwa 1800 Euro im Jahr, rechnet Karin Woyta vor. Die Nebenkostenabrechnung der Fahrradwerkstatt wurde zum Mai dieses Jahres um 500 Euro erhöht, was ein Plus von 3500 Euro bedeute. „Wir freuen uns über jeglichen Beitrag“, betont Karin Woyta, „und sind über jede Unterstützung glücklich“.

Info Die Fahrradwerkstatt befindet sich im Talgraben 44 in Geislingen und ist zwischen Oktober und März montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Dort werden auch Pedelecs verliehen. Kontakt: E-Mail an fahrrad@sab-gp.de oder Telefon (07331) 62651. Mehr zum Angebot der SAB auf www.sab-gp.de im Internet.

Alles zur GZ-Weihnachtsaktion „Gemeinsam geht’s besser“

Helfen Mit Veranstaltungen können Sie die Projekte der diesjährigen GZ-Weihnachtsaktion „Gemeinsam geht‘s besser“ unterstützen. Möglich sind beispielsweise Konzerte, Kabarett-Abende, Benefiz-Essen, Basare, Partys oder Tombolas – zum Beispiel im Betrieb oder im Verein.
Geldspenden Sie können entscheiden, ob Sie für alle Projekte spenden möchten oder für einzelne (bitte auf der Überweisung vermerken). Die Spendenkonten:
Kreissparkasse Göppingen IBAN: DE24 6105 0000 0006 0770 99
Volksbank Göppingen
IBAN: DE14 6106 0500 0608 0000 00
Jeder Spender wird in der GEISLINGER ZEITUNG ­genannt und erhält auf Wunsch eine Spendenbescheinigung (bitte Adresse angeben). Anonyme Spenden sind auch möglich (dies bitte auf der Überweisung vermerken).
Projektpartner Die sechs ausgewählten  Projektpartner der diesjährigen GZ-Weihnachtsaktion sind der Förderverein „Hospiz im Oberen Filstal“; Selina Schrag aus Eybach mit ihrem Hilfsprojekt für Kinder in Ruanda, die Pestalozzischule in Geislingen; der Geislinger Skatepark-Verein; der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst der Malteser sowie die Fahrradwerkstatt der SAB.
Bargeld Wer eine Spende bei der GZ abgeben möchte, wird gebeten, vorab einen Termin zu vereinbaren. Das GZ-Team kommt gerne auch zu Ihnen, um Ihre Spende abzuholen.
Kontakt Bei allen
Fragen und Ideen zur ­GZ-Weihnachtsaktion 
„Gemeinsam geht’s besser“ können Sie sich an GZ-­Redakteur Ilja Siegemund wenden – unter Telefon (07331) 202-47 oder per E-Mail an i.siegemund@swp.de