Demo gegen rechts: 50 Gruppen unterstützen Protestzug durch Hall

Auf dem Marktplatz fand zuletzt am 6. März 2004 eine große Demo gegen Rechtsextremismus statt. Damals blockierten über 1500 Menschen sechs Stunden lang in Kälte und Nässe das „bürgerliche Herz der Stadt“, um eine Neonazi-Demo zu verhindern. Die geplanten Proteste am Samstag dauern voraussichtlich zwei Stunden.⇥
Arslan UfukSechs Redner sollen am Samstag ab 15 Uhr auf dem Haller Marktplatz sprechen. Danach führt ein Demonstrationszug durch die Innenstadt. Die genaue Rundtour werde noch bekannt gegeben. Mauerstraße, Gelbinger Gasse und ZOB werden dazugehören.
Das Organisationsteam der Gruppe „Fridays for Future“ in Hall plant die Aktion. „Es war eine spontane Idee. Man sieht Demos gegen den Rechtsruck in Deutschland, aber auch weltweit“, sagt Leni Trappmann. Die 15-Jährige geht in die zehnte Klasse des Erasmus-Widman-Gymnasiums. „Wir greifen bei Fridays For Future regelmäßig gesellschaftliche Themen auf“, bestätigt Orni Förster (28). Sie hat als Organisatorin die Demo angemeldet, da sie über 18 Jahre alt ist.
Überwältigender Zuspruch
Die Organisatorinnen haben daraufhin bei Gruppen, Gewerkschaften und lokalen Ansprechpartnern von „demokratischen Parteien“ angefragt, die im Bundestag vertreten sind. „Wir mussten eine Deadline setzen, die wir bis Freitagvormittag ausgereizt haben, da wir den Flyer drucken mussten“, sagt Orni Förster über die Arbeit in der vergangenen Woche. Daher sind nicht alle der rund 50 Unterstützer mit auf dem Plakat, das nun 35 Logos zeigt.
Mit dabei sind alle im Landkreis in Gremien vertretenen Parteien. Die AfD wurde nicht angefragt. Von AWO über DGB, Naturfreunde, Diakoneo, Goethe-Institut bis hin zur Samariterstiftung reicht der Unterstützerkreis.
„Wir haben uns gefreut zu sehen, wie viel Zuspruch kam und wie viele Leute für die Werte der Demokratie einstehen wollen“, erläutert die Gymnasiastin Leni Trappmann.
Wer auf eine Demonstration geht, will in der Regel genau wissen, mit welcher Sache er sich solidarisiert. „Es geht um eine Kundgebung gegen den Rechtsruck und die extreme Rechte, die sich gegen die Demokratie wendet“, sagt Orni Förster. Nicht nur die AfD sei damit gemeint, sondern alle Menschen, die sich „gegen die Verfassung und gegen die Menschenrechte richten“.
An der Rednerliste werde noch gefeilt, da sich weit mehr Interessierte gemeldet haben, als am Mikro auf dem Marktplatz zu Wort kommen können. Gesetzt sei eine Rednerin aus dem Kreis der Veranstalterinnen und eine Person aus Hall mit Fluchtbiografie.
Leni Trappmann und Orni Förster haben schon viel Erfahrung mit Demos in Hall. Sie versichern: Alles sei korrekt angemeldet worden, Ordner würden für Sicherheit sorgen, die Polizei begleite den Aufzug.
Bullinger pocht auf Vielfalt
Der Oberbürgermeister schreibt in einem Statement: „Schwäbisch Hall war immer eine weltoffene und bunte Stadt und das wird sie auch bleiben. Gerade dafür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen: für eine offene, demokratische und vielfältige Gesellschaft.“ Daniel Bullinger kann aber, anders als bei Demos in der Vergangenheit, nicht selbst vor Ort sein, sagt er auf Nachfrage. Er habe eine unaufschiebbare, familiäre Verpflichtung. Das lassen die Veranstalterinnen gelten, versichern sie. Erster Bürgermeister Peter Klink wird an der Demo teilnehmen, aber keine Rede halten teilt die Stadtverwaltung auf Nachfrage mit. Zu einer solchen wurde er auch nicht explizit aufgefordert.
Leni Trappmann, Orni Förster und den anderen Teilnehmern des basisdemokratisch agierenden Organisationsteams geht es darum, Raum für Begegnung zu schaffen. So startet eine Mahnwache mit Infoständen bereits um 12 Uhr auf dem Marktplatz. Schüler haben Plakate gestaltet, die in der Nazizeit vertriebene Personen aus Hall zeigen. Diese waren bereits zum Gedenktag der Reichspogromnacht zu sehen.
Engagement erwünscht
Intention sei es, das Einstehen für die Demokratie zu verstetigen. Jeder Teilnehmer sei frei, sich an Infoständen einzulesen und sich einer Gruppe anzuschließen – ob beim Freundeskreis Asyl oder beim Verein „Ohne Rechtsaußen“. Interessant sei auch der Infostand des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg.
„Es muss eine langfristige Sache werden“, hofft Orni Förster. Die nächste Demo in der Region ist bereits in Crailsheim für den Donnerstag vorgesehen.
Das Thema nimmt in diesen Tagen Fahrt auf. Vertreter von Unternehmen beziehen Stellung: „Wer glaubt, dass die Antwort auf die enormen globalen Herausforderungen Nationalismus, Radikalismus und Ausgrenzung ist, befindet sich auf dem Holzweg und hat in der Schwäbisch Hall-Gruppe keinen Platz“, sagt Mike Kammann, Vorstandsvorsitzender von Schwäbisch Hall. Auch die Stadträte in Hall positionieren sich auf Nachfrage eindeutig.
Bewegung im Aufbruch: Massen auf der Straße
In Deutschland sind an den vergangenen Wochenende hunderttausende Menschen zu Demos gegen Rechtsextreme auf die Straßen gegangen. Die Veranstalter wurden regelmäßig vom Ansturm überwältigt.
Auslöser dafür sind die Enthüllungen der Recherchegruppe „Correctiv“. Bei einem Treffen in Potsdam, an dem unter anderem AfD-Mitglieder dabei waren, sei es auch darum gegangen, Menschen ausländischer Herkunft außer Landes zu bringen. Die Forderung einer „Remigration“ findet man im aktuellen Europawahlprogramm der AfD. Umfragen zeigen hohe Zustimmungsraten für die Partei vor den nun anstehenden Wahlen. ⇥tob
