Bönnigheim
: Musikverein will Kelter als „Haus der Kultur“

Musikverein initiiert die Genossenschaftskelter als „Haus der Kultur“ und Bürgersaal zu nutzen und will dies als Projekt von Architekturstudenten prüfen lassen. Ablehnung im Gemeinderat.
Von
Jürgen Kunz
Bönnigheim
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Das beeindruckende Gebälk in der alten Genossenschaftskelter am Burgplatz. Ein Sprengwerk trägt die Decke des darunterliegenden ehemaligen Annahme- und Pressraumes.⇥

Daniel Seybold

Es war 1947 ein beachtlicher Beschluss der Bönnigheimer Weingärtnergenossenschaft, in der Not der Nachkriegszeit eine große Genossenschaftskelter auf dem Burgplatz zu bauen. Eine wechselhafte Geschichte hat das stattliche Gebäude mit seinem mächtigen Dach nun hinter sich, das zusammen mit der Ganerbenburg „ein wichtiges städtebauliches Ensemble“ bildet, wie es Kurt Sartorius als Vorsitzender der Historischen Gesellschaft bewertet. Nachdem 1972 die Traubenannahme an den neuen Genossenschaftsstandort in der Cleebronner Straße verlegt wurde, war nach einem Umbau bis 2011 ein Lebensmittelmarkt in der Kelter. 2019 kaufte die Stadt das Gebäude und es wird seither nicht mehr genutzt. Jetzt haben die kulturtreibenden Vereine mit dem Musikverein Stadtkapelle an der Spitze Interesse, es als Probenraum und als Bürgersaal zu nutzen.

Musikerheim ist marode

Seit vielen Jahrzehnten ist das Musikerheim in der Kirchheimer Straße zwischen Rewe-Markt und Bauhof der Anlaufpunkt für den Musikverein Stadtkapelle mit seinen verschiedenen Jugendorchestern. Immer wieder waren kleinere Renovierungsarbeiten nötig, doch jetzt ist das nach Auskunft von Musikvereinsvorsitzenden Ulrike Staudenrausch „so marode, dass sich eine Sanierung nicht mehr rentiert“.

Bei der Suche nach einem neuen Anlaufpunkt stieß der Musikverein auf die alte Genossenschaftskelter am Burgplatz, die von Kurt Sartorius schon vor Jahren als „Bürgersaal“ in die Diskussion gebracht worden war. Dort „in der Kulturecke mit Kulturkeller, Schnapsmuseum und Meiereihof“, wie es die Vereinsvorsitzende formuliert, wurde nun – auch nach Gesprächen mit der Historischen Gesellschaft, dem Gesangsvereins Concordia, „da capo“ und dem Kulturfenster – die Idee eines Bürgersaals in der Kelter wieder aufgegriffen. Nach einer Besichtigung des Gebäudes mit Bürgermeister Albrecht Dautel und dem Gemeinderat im Sommer des vergangenen Jahres.

Nach einer weiteren Besichtigung des Gebäudes mit einem Architekten konnte Staudenrausch durch ihre persönlichen Kontakte zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eine Gruppe Architektur-Studenten für die neue Nutzung der Kelter begeistern. Im Rahmen eines studentischen Projekts könnten diese die Möglichkeiten des ungenutzten Gebäudes ausarbeiten. Die Aufwandsentschädigung dafür betrage, so Staudenrausch, maximal 5000 Euro.

Die Vereinsverantwortlichen mit Ulrike Staudenrausch an der Spitze stellten eine Präsentation zusammen, in der Bürgermeister Albrecht Dautel dem Gemeinderat am 26. November die Idee eines „Bönnigheimer Kulturhauses“ in der Kelter am Burgplatz vorstellte. Dabei wurde die gemeinsame Nutzung durch die kulturtreibenden Vereine der Stadt, der Standort für die Städtische Musikschule und für den Musikverein Stadtkapelle Bönnigheim sowie Ausweichmöglichkeiten für andere Vereine, Vermietung als Veranstaltungsraum und als „repräsentativen und wertiger Bürgersaal“ angedacht. Das Ergebnis: Der Gemeinderat lehnt das Studienprojekt ab, mit der Begründung, dass das Gremium sich danach unter Zugzwang gesetzt fühle, wie Staudenrausch im Gespräch mit der BZ erklärte.

Brief an die Gemeinderäte

In einem persönlichen Brief, den Staudenrausch an alle Gemeinderäte schickte, erläuterte die Musikvereinsvorsitzende nochmals ihre Intention: „Was Sie geliefert bekommen, sind frische Ideen und Ansätze, an die vielleicht bisher noch gar nicht gedacht worden sind und die womöglich auch neue Wege eröffnen. In unseren Ausführungen, die Herr Dautel Ihnen sicher erläutert hat, gibt es unter anderem als vorrangige Nutzung der Kelter die Idee eines Bürgersaals. Dieser wäre für die Stadt Bönnigheim ja sinnvoll und sicher von Vorteil. Auch das ist bisher lediglich eine Idee. Leider haben Sie dem Studienprojekt nicht zugestimmt. Das finde ich persönlich sehr schade und ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum solche Möglichkeiten, die nur gewinnbringend sind und mit wenig finanziellem und gar keinem personellen Aufwand, nicht in Anspruch genommen werden.“ Enttäuscht zeigte sich danach Staudenrausch, denn nur ein Gemeinderatsmitglied habe auf ihr Schreiben reagiert.

Nutzung bietet sich an

Auch nach Einschätzung von Sartorius bietet sich vor allem der große Verkaufsraum für die Nutzung als Bürgersaal an: „Mit der mächtigen Balkendecke würde dieser Raum eine Monumentalität ausstrahlen, die einem Bürgersaal besonderes Gepräge geben würde.“ Es sei doch ärgerlich, das Bönnigheimer Familien nach Erligheim oder Botenheim ausweichen müssten, um in den dortigen renovierten Keltern zu feiern, merkte er an.

Kelter in der Nachkriegszeit gebaut

In der Not der Nachkriegszeit fasst 1947 die Bönnigheimer Weingärtnergenossenschaft den Beschluss, eine Genossenschaftskelter nach modernen Gesichtspunkten zu bauen. Erst nach der Währungsreform 1948 normalisiert sich der Betrieb. Die Stadt Bönnigheim stellte der Genossenschaft die Ganerbenkeltern und die Turnhalle zum Abbruch zur Verfügung. Zunächst wurden die Liebensteiner und die Sachsenheimer Kelter sowie das Bandhaus für den Bauplatz abgebrochen. Die Planung übernahm der Architekt O. Gamerdinger von der Bauabteilung der Württembergischen Zentralgenossenschaft. 

Der Bau der Genossenschaftskelter am Burgplatz markierte gleichzeitig den Neuanfang nach dem verheerenden Krieg. Es stellte das erst große öffentliche Gebäude dar, das in dieser schweren Zeit errichtet wurde. Der traditionelle Architekturstil des 20. Jahrhundert prägt das Gebäude mit seinem großen Dach.

Im Innern wurde die damals modernste Technik eingebaut, wobei ein Lastenaufzug die einzelnen Stockwerke verband. Der Gewölbekeller K1 aus Standstein war für Holzfässer gedacht, welche etwa 75 000 Liter fassten. Im Raum K2 wurden Stahl-Emaille-Tanks zum Vergären des Rotweins für etwa 70 000 Liter aufgestellt. Im Raum K3 ermöglichte eine herausnehmbare Deckenaus­sparung das Verbringen von Tanks oder großen Fässern in den Keller. Weiter gab es im Untergeschoss Lagerräume für zirka 80 000 Flaschen. In Annahme- und Pressraum E1 standen vier elektrische Raspeln und vier moderne Pressen der Firma Kleemann. Der Annahmeraum hatte eine Breite von 15 Metern, die stützenlos überbrückt wurden. Dies geschah durch eine aufsehenerregende Holzkonstruktion, ein sogenanntes Sprengwerk, an welchem die Deckenbalken an Eisenstangen hängen. Eine Meisterleistung des Zimmermanns Hermann Schmälzle.

Der darüber liegende Raum hatte Fenster zur Michaelsbergstraße und war mit einer abgehängten Decke und einer Heizung ausgestattet. Hier fanden die Mitgliederversammlungen, auch Veranstaltungen des Obst-und Gartenbauvereins oder der Landfrauen statt. Das Kelterstüble im südöstlichen Raum wurde von der Bönnigheimer Schreinerei Altmann aufwendig mit Lerchenholz gestaltet.

Die Kelter wurde 1950 mit einem großen Fest eingeweiht. Durch den Anschluss der Weingärtner aus Freudental, Hohenhaslach, Kirchheim und Hohenstein an die Genossenschaft wurde das Gebäude bald zu klein. So folgte 1966 der erste Bauabschnitt an der Cleebronner Straße und damit der Start zum heutigen Kellereigebäude. 1972 wurde die Traubenannahme am neuen Standort in Betrieb genommen. Die Kelter wurde 1973 zu einem Edeka-Markt umgebaut. Aus dem Annahmeraum E1 wurde durch die Integration des Gärtankraums E7 ein großer Verkaufsraum mit einer Länge von zirka 27 Metern und einer Breite von 15 Metern. Das Mietverhältnis des Edeka-Markts endet 2011. Seither wurde die Kelter teilweise als Lagerraum genutzt. 2019 erwarb die Stadt Bönnigheim das Gebäude. Heute ist es ungenutzt. ⇥Kurt Sartorius

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