Queeres Leben
: Unterstützt die CSDs auf dem Land!

Rund 500 Menschen kamen am Samstag nach Balingen, um für Sichtbarkeit zu kämpfen. Warum dieses Signal wichtig und stark ist – und was ein CSD dieser Größe braucht.
Kommentar von
Mara Veigel
Balingen
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Queeres Leben ist überall: Nicht nur in den bunten Großstädten. Der erste CSD in Balingen hat ein Zeichen gesetzt.

Queeres Leben ist überall: Nicht nur in den bunten Großstädten. Der erste CSD in Balingen hat ein Zeichen gesetzt.

Sophie Holzäpfel

Als Ende Juli Veranstalter zur Pride nach Stuttgart einluden, kamen mehrere hunderttausend Menschen. Es war ein großer Erfolg für die Landeshauptstadt, am Ende wurde es der größte CSD, den die Stadt je feierte. Der Empfang fand, wie immer, im Rathaus statt. Natürlich war das Haus mit Regenbogen beflaggt, ebenfalls der Landtag. Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper betonte, wie wichtig es sei, gerade in Zeiten, in denen queere Menschen vermehrt Übergriffen und Feindseligkeiten ausgesetzt sind, die Fahne zu hissen. Der CDU-Mann sagte: „Stuttgart ist eine liberale und tolerante Stadt.“ Die klare Botschaft: Queeres Leben gehört zu unserer Gesellschaft und ist schützenswert.

Es gibt den viel zitierten Spruch der Schriftstellerin Audre Lorde, der übersetzt ungefähr das heißt: „Ich bin nicht frei, wenn eine andere Frau unfrei ist.“ Ich möchte den Satz gerne mal aufs Menschsein übertragen. Wenn wir uns bewusstmachen, dass unsere trans Nachbarin und der schwule Lehrer des Sohnes ein weniger privilegierteres, nämlich unsicheres Leben führen müssen aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität, dann sollten wir alle etwas dagegen tun.

Deutschlandweit leben mehr als neun Millionen Menschen, sprich etwa elf Prozent der Bevölkerung, als lesbisch, schwul, bisexuell, trans oder anders queer. Das lässt folgende Schätzung ableiten: Der Zollernalbkreis hat rund 190.000 Menschen, somit sind es 20.000 queere Menschen im Kreis.

Hier schützt nicht die Masse der Tausenden

20.000 Menschen, für deren Rechte an diesem Samstag ein gut 30-köpfiges Team einen CSD in Balingen auf die Beine gestellt hat, obwohl es im vergangenen Jahr in Albstadt eine rechtsextreme Gegendemonstration gab. Obwohl es Anfeindungen von rechts außen und leider auch aus der Mitte der Gesellschaft gibt. Obwohl es schwieriger war als noch im vergangenen Jahr, Sponsoren zu finden. Obwohl eine Debatte losging, die weite Kreise über Balingen hinaus zog und obwohl das Rathaus in Balingen an diesem Samstag keine Flagge zeigte. 500 Personen kamen in Balingen zusammen, um zu demonstrieren, sichtbar zu sein. Das ist stark – und wichtig.

Stark vor allem, weil hier nicht die Masse der Tausenden schützt, wie es vielleicht bei der Stuttgart Pride der Fall war. Viele Teilnehmende trugen am Samstag Sonnenbrillen, wollten nicht fotografiert werden, geschweige denn ihren Namen in der Zeitung öffentlich machen. Denn sie haben Angst vor Anfeindung und Diskriminierung – weil das zu ihrem täglichen Leben gehört.

Die Menschen, die hier aufstehen, machen sich angreifbar. Veranstalter bekommen Steine in den Weg gelegt. Wer auf der Demo mitläuft, wird mit Sicherheit erkannt und fotografiert werden. Das kostet Kraft, sich trotzdem zu beteiligen. Denn nicht nur die AfD ist im Zollernalbkreis stark und kämpft offen gegen queeres Leben. Die Strukturen sind konservativ, queere Personen fühlen sich viel schneller alleine und sehen sich Hetze und Anfeindungen ausgesetzt. Daher ist es umso wichtiger, gerade im ländlichen Raum, zu unterstützen und zu zeigen: Hier findet queeres Leben statt und das gehört zu unserer vielfältigen Gesellschaft.