Christopher Street Day 2025
: Premiere in Balingen – über 400 Menschen feiern Vielfalt

Der erste CSD in der Eyachstadt hat gezeigt, wie wichtig Sichtbarkeit und Vorbilder auch im ländlichen Raum sind. Was am Samstag geboten war.
Von
Sophie Holzäpfel
Balingen
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Zur Begrüßung gab es Seifenblasen und Sonnenschein.

Zur Begrüßung gab es Seifenblasen und Sonnenschein.

Mara Veigel
  • Erster Christopher Street Day (CSD) in Balingen mit 350–500 Teilnehmenden gefeiert.
  • Reden, Musik und Infostände setzten Zeichen für Vielfalt und Toleranz im ländlichen Raum.
  • Sprecher Pascal Conzelmann betonte die Bedeutung von Vorbildern und Akzeptanz.
  • Kritik am Gemeinderat: Regenbogenflagge wurde nicht am Rathaus gehisst.
  • Demonstration verlief friedlich, mit buntem Umzug und klarer Botschaft für Menschenrechte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Im Zollernalbkreis konnte er als queerer Jugendlicher keine Vorbilder finden. Deshalb ging Pascal Conzelmann auf Reisen – und traf in der Pfalz auf ein schwules Winzer-Pärchen. Von den beiden Männern, Robert und Elmar, habe er vor allem eines gelernt: sich selbst zu akzeptieren und zu sich zu stehen.

„Die beiden sind heute hier“, sagt der 21-Jährige am Samstagabend und winkt ihnen von der Bühne aus zu. Vor ihm, auf dem Balinger Marktplatz: Ein buntes Menschenmeer. Manche haben sich in Regenbogenflaggen gehüllt, andere tragen schlichte Alltagskleidung. Einige haben bunt bemalte Gesichter mit Glitzerstaub. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Menschen mittleren Alters und Senioren – sie alle sind gekommen, um für Vielfalt und Toleranz einzustehen. Es ist der erste Christopher Street Day (CSD) in der Eyachstadt. Schon um 17 Uhr füllt sich die Innenstadt. Die Polizei spricht später von 350 bis 400 Demonstrierenden, Mit-Organisator Peter Demmer vom Verein „Immerwaslos“ von 500.  Auf dem Marktplatz fliegen Seifenblasen durch die Luft, aus den Lautsprechern schallt ein Song von der Band „Die Ärzte“.

Etwa 100 Menschen kamen am Samstagmorgen zum Queer-Gottesdienst in die Balinger Stadtkirche. Der katholische Pfarrer Wolfgang Braun bei der Predigt.

Etwa 100 Menschen kamen am Samstagmorgen zum Queer-Gottesdienst in die Balinger Stadtkirche. Der evangelische Pfarrer Reinhold Schuttkowski bei der Predigt.

Peter Demmer

„Sucht euch aktiv Vorbilder“

Conzelmann, Sprecher der CSD-Veranstalter, verwandelt sich bei seiner Rede auf der Bühne binnen Sekunden: Plötzlich trägt er einen weißen Arztkittel, eine Nickelbrille und einen grauen Schnauzer und verkörpert Magnus Hirschfeld: Der Mediziner und Sexualforscher (1868–1935) war Jude, Sozialist und lebte offen schwul. „Er war außerdem der erste Arzt überhaupt, der eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt hat“, sagt Conzelmann.

Für die queere Community sei Hirschfeld so etwas wie ein Vater, auch heute noch. Dann wendet sich Conzelmann mit einer Botschaft an die Anwesenden: „Ich weiß, wie es ist, sich hier alleine, sich falsch zu fühlen. Sucht euch aktiv Vorbilder, dann verschwindet das Alleinsein.“ Applaus brandet auf. Insbesondere im ländlichen und oft konservativ geprägtem Raum, wie dem Zollernalbkreis, sei es wichtig, sich für Sichtbarkeit einzusetzen.

Unterstützung von vor Ort

Am Bahnhof gab es bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung Unterstützung für den CSD: Der „Freundeskreis gegen rechts Balingen“ hat Zugreisende mit Musik und Redebeiträgen empfangen. „Wir wollen alle, die heute für den CSD anreisen, willkommen heißen. Und dafür sorgen, dass sie sicher zum Marktplatz kommen und sich wohlfühlen“, sagt eine Sprecherin des Freundeskreises.

Auch auf dem Marktplatz gab es Stände von verschiedenen Einrichtungen: der Verein „Feuervogel“, der Verein für Antidiskriminierung im Zollernalbkreis, die AIDS-Hilfe Tübingen-Reutlingen und „Best friends for a second Life“ waren mit Infoständen vor Ort.

Vor etwa einem Monat habe er am CSD in München teilgenommen, sagt der 21-Jährige Conzelmann. Dort zeichne sich ein ganz anderes Bild als in Balingen: Die ganze Stadt sei voller Regenbogenflaggen. In der Eyachstadt sei ein solches Bild derzeit nur schwer vorstellbar, bemerkt er. „Genau deshalb braucht es den CSD hier: Um Rechte zu erkämpfen, um Freiheit zu erkämpfen und um eine Gleichberechtigung herzustellen, für jeden Menschen.“

Vorbilder und Verbündete finden – das rät etwa Pascal Conzelmann, Sprecher des CSD Balingen.

Vorbilder und Verbündete finden – das rät etwa Pascal Conzelmann, Sprecher des CSD Balingen.

Mara Veigel

Mobbing auf dem Schulhof

Ramona Fuchs von den Jusos kritisiert in ihrer Rede die Entscheidung des Gemeinderats, die Regenbogenflagge nicht am Rathaus zu hissen. Sie wendet sich direkt an die Demonstrierenden: „Ihr zeigt Haltung.“ Diese Haltung vermisse sie vor allem auch auf bundespolitischer Ebene. Umso wichtiger sei es, ein klares Zeichen für Toleranz zu setzen. „Balingen bleibt bunt und vielfältig.“ Heute, sagt wenig später Nadja Lück, Regionalleiterin von Caritas, seien sie alle gemeinsam laut. „Für eine Gesellschaft, in der jede und jeder gleichberechtigt leben kann.“ Nach den Redebeiträgen ertönt Musik.

Ihm seien Gerüchte von einer nicht angemeldeten Gegendemonstration zu Ohren gekommen, so der SPD-Stadtrat und Mit-Organisator Dominik Ochs zu Beginn der Veranstaltung. Der Verdacht sollte sich nicht bestätigen, doch sein Wunsch von einer „friedlichen, harmonischen Veranstaltung mit vielen Menschen“ erfüllen. Anders als vor etwa einem Jahr in Albstadt. Beim ersten CSD im Zollernalbkreis überhaupt kam es zu einem großen Polizeieinsatz. Damals waren rechtsextreme und antifaschistische Gruppen aufeinandergestoßen.

Ganz anders am Samstag in Balingen: „Es läuft alles sehr friedlich“, bestätigt ein Polizeisprecher während der Demonstration. Lediglich ein paar „Pöbler“, wie Peter Demmer sie nennt, werden eine Stunde später über den Marktplatz gehen. Ihre homophoben Sprüche gehen aber in der Musik und den Redebeiträgen unter.

Karin und Dorothee Kies (von links) haben beide Mobbing-Erfahrung in ihrer Jugend gemacht. Sie sind Mitglieder des Vereins "Rainbowbats". Eine Schnittstelle zwischen Gothics und queerer Gemeinschaft.

Karin (links) und Dorothee Kies haben beide Mobbing-Erfahrung in ihrer Jugend gemacht. Sie sind Mitglieder des Vereins "Rainbow bats". Eine Schnittstelle zwischen Gothics und queerer Gemeinschaft.

Sophie Holzäpfel

Inmitten der Menschenmenge stehen Karin und Dorothee Kies. Die beiden sind Mitglieder des Vereins „Rainbow bats“ : eine Schnittstelle zwischen Gothics und der queeren Gemeinschaft, erklärt Karin Kies. Sie sind zur Demonstration gekommen, um für Menschenrechte einzustehen. Sie selbst sei in ihrer Schulzeit immer wieder von homophoben Mitschülern gemobbt worden. Vor einigen Jahren habe ihnen ein Neonazi bei einem Konzert Mord angedroht, erinnert sich Dorothee Kies. Die Gewalt gegenüber queeren Menschen nehme zu. „Politikerinnen und Politiker sollten Neutralität nicht mit Positionslosigkeit verwechseln“, betont Karin Kies.

Wenige Meter entfernt stehen Nox und Bruno Lazé: Die beiden sind aus Reutlingen angereist. Dort sind sie Mitglied im CSD-Team. Es brauche auch auf Bundesebene feste Zugeständnisse der Regierung, dass die Akzeptanz queerer Menschen weiter vorangetrieben werde, findet Nox. Ihr ist es wichtig, vor allem CSD-Veranstaltungen im ländlichen Raum zu unterstützen. „Es sollte selbstverständlich sein, dass alle Menschen dieselben Rechte haben“, schiebt Lazé noch hinterher. Die Regenbogenflagge sei kein politisches Symbol, sondern sie stehe für Vielfalt und Akzeptanz, ja, für Menschenrechte.

30 Minuten durch die Innenstadt

„Antifaschismus hat was mit Moral zu tun und nicht mit Extremismus“, sagt Peter Demmer auf der Bühne, kurz bevor sich der Zug gegen 18 Uhr in Bewegung setzt. Mit wehenden Fahnen, Trillerpfeifen, Bannern und selbstgebastelten Plakaten, auf denen „Love is love“ (Liebe ist Liebe) und „Stop the Hate“ (Beendet den Hass) zu lesen ist. Sie ziehen durch die Balinger Innenstadt, tanzen, singen, halten einander an den Händen. Menschen öffnen die Fenster und winken den Demonstrierenden zu. Es sei sogar noch besser als sie es sich erhofft haben, sagt Peter Demmer zufrieden.

Als die Demonstrierenden nach einer halben Stunde zurückkehren, schweben erneut Seifenblasen über den Marktplatz. Für die Veranstalter ist klar: Mit dem ersten CSD hat Balingen ein starkes Signal gesetzt – für Vielfalt, für Akzeptanz und für eine Zukunft, in der queeres Leben auch im ländlichen Raum sichtbar ist.

  • In Balingen hat am heutigen Samstag, 6. September, der erste CSD stattgefunden.

    In Balingen hat am heutigen Samstag, 6. September, der erste CSD stattgefunden.

    Mara Veigel
  • Zur Begrüßung gab es Seifenblasen und Sonnenschein.

    Zur Begrüßung gab es Seifenblasen und Sonnenschein.

    Mara Veigel
  • Am Marktplatz ging es los.

    Am Marktplatz ging es los.

    Sophie Holzäpfel
  • Hier geht’s lang: Knapp 500 Menschen sind laut Veranstalter am Samstag nach Balingen gekommen.

    Hier geht’s lang: Zirka 450 Menschen sind laut Veranstalter am Samstag nach Balingen gekommen.

    Mara Veigel
  • Diese Gruppe ist aus Reutlingen angefahren.

    Diese Gruppe ist aus Reutlingen angefahren.

    Sophie Holzäpfel
  • Die Sprecherinnen und Sprecher Fanny Arnold (links), Dominic Ochs (mitte) und Peter Demmer begrüßten die Menge: „Antifaschismus hat was mit Moral zu tun!“

    Die Sprecherinnen und Sprecher Fanny Arnold (links), Dominik Ochs (mitte) und Peter Demmer begrüßten die Menge: „Antifaschismus hat was mit Moral zu tun!“

    Mara Veigel
  • Karin und Dorothee Kies (von links) haben beide Mobbing-Erfahrung in ihrer Jugend gemacht. Sie sind Mitglieder des Vereins "Rainbowbats". Eine Schnittstelle zwischen Gothics und queerer Gemeinschaft.

    Karin und Dorothee Kies (von links) haben beide Mobbing-Erfahrung in ihrer Jugend gemacht. Sie sind Mitglieder des Vereins "Rainbowbats". Eine Schnittstelle zwischen Gothics und queerer Gemeinschaft.

    Sophie Holzäpfel
  • Ordnerinnen und Ordner sorgten für Sicherheit.

    Ordnerinnen und Ordner sorgten für Sicherheit.

    Mara Veigel
  • „Jetzt erst recht“: Beim CSD geht es um Sichtbarkeit und Vielfalt - und so vielfältig waren auch die Plakate.

    „Jetzt erst recht“: Beim CSD geht es um Sichtbarkeit und Vielfalt - und so vielfältig waren auch die Plakate.

    Mara
  • Es hing zwar keine Regenbogenfahne am Rathaus, dafür waren aber die ein oder andere bei der Stadtkirche zu sehen.

    Es hing zwar keine Regenbogenfahne am Rathaus, dafür war aber die ein oder andere bei der Stadtkirche zu sehen.

    Mara Veigel
  • Laut, lässig und friedlich zieht der bunte Zug eine halbe Stunde lang durch die Balinger Innenstadt.

    Laut, lässig und friedlich zieht der bunte Zug eine halbe Stunde lang durch die Balinger Innenstadt.

    Sophie Holzäpfel
  • Rund um den Marktplatz gab es einige Stände. Auch Annelie Sanyang (links) und Selina Nna von der Antidiskriminierungsstelle Zollernalbkreis waren vor Ort.

    Rund um den Marktplatz gab es einige Stände. Auch Annelie Sanyang (links) und Selina Nna von der Antidiskriminierungsstelle Zollernalbkreis waren vor Ort.

    Mara Veigel
  • Der Demozug setzte sich in Bewegung, die CSD-Teilnehmende zeigten ihre Plakate.

    Der Demozug setzte sich in Bewegung, die CSD-Teilnehmende zeigten ihre Plakate.

    Mara Veigel
  • Die Botschaften sind klar: Liebe kann nicht falsch sein.

    Die Botschaften sind klar: Liebe kann nicht falsch sein.

    Mara Veigel
  • Auch SPD-Politiker Robin Mesarosch (von 2021 bis 2025 Abgeordneter im Bundestag) tummelte sich bei der Kundgebung im Publikum.

    Auch SPD-Politiker Robin Mesarosch (von 2021 bis 2025 Abgeordneter im Bundestag) tummelte sich bei der Kundgebung im Publikum.

    Mara Veigel
  • Liebe ist Liebe: eine von vielen Botschaften am Samstag.

    Liebe ist Liebe: eine von vielen Botschaften am Samstag.

    Sophie Holzäpfel
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