Nach Eklat im Vorjahr: Der CSD im Zollernalbkreis geht in die zweite Runde – trotz allem

Kevin Paal, Peter Demmer und Dominik Ochs (von links) gehören zum etwa zehnköpfigen Orga-Team des diesjährigen CSD in Balingen. Die tragenden Organisationen sind der Verein „Immerwaslos“ aus Albstadt und die Jusos Zollernalb; Kevin Paal und Dominik Ochs gehören beide der SPD an.
Lea Irion- Der CSD Zollernalb 2025 findet am 6. September in Balingen statt, mit Parade und Kundgebung.
- Ziel: Sichtbarkeit für queere Menschen im ländlichen Raum trotz Anfeindungen und Finanzproblemen.
- Wegen Sponsorproblemen entfällt die Afterparty, Spenden tragen die Finanzierung.
- Rechtsextreme und antifaschistische Demos prägten den ersten CSD 2024 in Albstadt.
- Der CSD soll künftig jährlich rotieren und ein Zeichen gegen Hass setzen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Das sind doch die Verrückten!“ – Dominik Ochs muss schwer gestaunt haben, als er gerade auf Sponsorensuche war und diese Antwort am Telefon bekam. Im vergangenen Jahr sei das noch anders gewesen. Nicht einfacher, aber anders. „Die politische Großwetterlage hat sich zur Bundestagswahl leider geändert“, sagt Ochs. Alle Unternehmen im Zollernalbkreis hätten ihm abgesagt – manchmal sachlich, manchmal freundlich. Und manchmal unsäglich.
Der Satz, der Dominik Ochs bei einem Sponsorentelefonat entgegenschlug – „Das sind doch die Verrückten!“ – galt dem Christopher Street Day. Denn Ochs organisiert gemeinsam mit Peter Demmer, Kevin Paal, Funny Arnold, Pascal Conzelmann und weiteren Personen den CSD Zollernalb 2025. Demmer ist Vorsitzender der Albstädter Jugendinitiative „Immerwaslos“, Paal leitet die Jusos Zollernalb – zwei Organisationen, die auch 2025 den Christopher Street Day in den Zollernalbkreis bringen wollen und werden. Trotz erheblicher Sponsoring-Probleme, und auch trotz aller Anfeindungen, die das Team schon im Vorjahr aushalten musste.
Das Wichtigste in Kürze
Der Christopher Street Day findet am Samstag, 6. September 2025, in Balingen statt. Los geht’s um 17.30 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz, anschließend zieht eine Parade durch die Innenstadt. Zum Abschluss ist ein musikalisch umrahmter Ausklang geplant, eine Afterparty wird es in diesem Jahr voraussichtlich nicht geben. Organisiert wird der CSD ehrenamtlich von einem Team um Peter Demmer (Immerwaslos e. V.), Dominik Ochs und Kevin Paal (beide Jusos Zollernalb). Ziel ist es, queeren Menschen im Zollernalbkreis Sichtbarkeit zu geben – und deutlich zu machen: Ihr seid nicht allein.
„Ich will dir dein schwules Herz rausreißen und an meine arischen Hunde verfüttern!“ – Das ist keine Fiktion, das ist Realität: Solche strafrechtlich relevanten Hassnachrichten erreichten das Team im vergangenen Jahr. „Sowas hält man irgendwann nur noch mit Zynismus aus“, kommentiert Ochs und beginnt zu lachen, meint es aber ernst. „Ich verstehe die Angst vor fremden Sachen“, fügt er an. „Aber ich habe keinerlei Verständnis für solchen Hass.“
Worin der Hass gipfeln kann, zeigte der erste CSD im Zollernalbkreis vergangenes Jahr. Damals riefen rechtsextreme Gruppen aus dem Zollernalbkreis dazu auf, nach Albstadt zu reisen und an einer Gegendemo teilzunehmen. In etwa 80 größtenteils junge Männer kamen diesem Aufruf nach. Noch viel größer wurde aber eine unangemeldete Demo antifaschistischer Gruppierungen, an der rund 250 Menschen teilnahmen – mehr als doppelt so viele wie auf der rechten Gegenseite. Die Polizei kam an ihre Belastungsgrenze. „Albstadt scheint zerrissen zwischen Gegensätzen“, berichtete damals die Tagesschau.
Es waren Nebenschauplätze, worauf die Organisatorinnen und Organisatoren gerne verzichtet hätten. „Seit 2016 waren wir eigentlich auf einem guten Weg“, sagt Dominik Ochs und meint damit die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Lebensrealitäten. „Aber wir haben den Punkt verpasst. Jetzt scheinen wir uns in diesen kleinkarierten Nebenschauplätzen zu prügeln.“ Im Umkehrschluss diene das nur denjenigen, die queeren Menschen ohnehin eine vermeintliche „Ideologie“ unterstellten. „Auch die politische Sprache hat sich massiv verschärft“, beklagt Kevin Paal. „Wir waren mal weiter.“
„Der CSD im Zollernalbkreis ist da – und geht nicht mehr weg“
Das spürt das Orga-Team auch beim Blick auf den Kontostand. Wenige hundert Euro dümpeln dort im Moment, zugesagt seien 1050 Euro. Gebraucht hätte es – mit allem, was mal geplant war – „um die 7000 bis 8000 Euro“, schätzt Ochs. Ist die Konsequenz also eine Absage des diesjährigen Christopher Street Days? „Ganz klar nein“, sagt Demmer. „Der CSD im Zollernalbkreis ist da – und geht nicht mehr weg.“ Er verstehe aber trotzdem nicht, dass die größten Unternehmen im Kreis, die allesamt angefragt worden seien, nicht mal 150 Euro für das kleinste Sponsoring-Paket übrig hatten – oder haben wollten. „Das ist dann schon ein Statement.“
Richten müssen es schlussendlich Spenden von Privatpersonen oder das Orga-Team selbst, das im Rahmen seiner Möglichkeiten eigenes Geld beisteuert. Es hat zur Folge, dass es in diesem Jahr unter anderem keine Afterparty zum CSD geben wird. 2024 konnte man noch in Ebingens „KulTurm“ feiern gehen. Doch das fällt dieses Jahr flach. „Wir müssen den Spaßteil kappen“, moniert Demmer. Aber man sei dennoch stolz, überhaupt etwas auf die Beine zu stellen.
Was für 2025 geplant ist
Dieses Jahr findet der Christopher Street Day erstmals in Balingen statt – und firmiert fortan als „CSD Zollernalb“. Damit wollen die Veranstalterinnen und Veranstalter ein Zeichen für Sichtbarkeit im ganzen Kreis setzen: Künftig soll der CSD jährlich rotieren, also jedes Mal in einer anderen Stadt im Zollernalbkreis stattfinden. Der Auftakt beginnt dieses Jahr am Samstag, 6. September, um 17.30 Uhr, mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz. Danach zieht eine Parade durch die Innenstadt und kehrt zum Marktplatz zurück, wo es einen musikalisch umrahmten Ausklang geben soll – stand jetzt ohne Afterparty, aber mit einem klaren politischen Anliegen.
„Es geht uns vor allem um die Signalwirkung“, sagt Ochs. Der Christopher Street Day im Zollernalbkreis solle queeren Menschen signalisieren: „Ihr seid nicht allein.“ Kevin Paal findet noch mal deutlichere Worte. „Queere Leute gibt es natürlich auch im ländlichen Raum“, betont er. „Es ist nicht so, als wären die nicht hier, nur, weil man sie nicht sieht.“ Man habe gesehen, welche positiven Entwicklungen der erste CSD in Albstadt angestoßen habe.
„Für mich waren es vor allem die kleinen Geschichten“, erinnert sich Demmer und erzählt von einem alten Freund, der einen Bekannten auf dem Christopher Street Day in Albstadt getroffen habe – in diesem Kontext aber völlig unerwartet, was das unverhoffte Wiedersehen der beiden umso schöner machte. „Und wenn der CSD zu sowas führt“, sagt Demmer, „ist es das Tollste, was passieren kann.“




CSD in Balingen:Queer sein ist keine Ideologie!
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