CSD in Balingen
: Queer sein ist keine Ideologie!

Beim CSD in Balingen geht es um mehr als Sichtbarkeit. Queeres Leben ist keine Ideologie – und braucht mehr denn je gesellschaftlichen Rückhalt, findet Autorin Lea Irion.
Kommentar von
Lea Irion
Balingen
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2024 gab es in Albstadt den ersten CSD im Zollernalbkreis. 2025 wird er in Balingen stattfinden – stößt aber auf mehr Hürden als im Vorjahr.

2024 gab es in Albstadt den ersten CSD im Zollernalbkreis. 2025 wird er in Balingen stattfinden – stößt aber auf mehr Hürden als im Vorjahr.

CSD Zollernalb

Wer glaubt, queere Menschen seien eine importierte Modeerscheinung deutscher Großstädte, der irrt gewaltig. Der entscheidende Grund, weswegen es den Christopher Street Day überhaupt gibt, ist Sichtbarkeit für ebenjene Menschen zu schaffen, die sich aus Angst vor Hass und Hetze verstecken. Wer das ausblendet, macht es sich in seiner persönlichen Einfalt nur allzu bequem und verschließt die Augen vor dem Fakt, dass die Gesellschaft schlicht und ergreifend mehr ist als das, was konservative Rollenbilder als objektive Wahrheit verkaufen.

Unternehmen, die sich vor Sponsoring-Anfragen wegducken, zeigen kein wirtschaftliches Kalkül – sondern Feigheit. Dahinter verbirgt sich wohl die Angst, jene laute Minderheit zu verärgern, die queeren Menschen eine „Ideologie“ andichtet, die es so nie gegeben hat. Die Diskussion hat sich längst vom Kern wegbewegt, um den es ursprünglich ging, nämlich allen Menschen dieselben Rechte und Chancen einzuräumen – ungeachtet des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Wer behauptet, das sei doch längst der Fall, hat offensichtlich keine persönlichen Schnittmengen mit queeren Menschen – oder ignoriert die Realität ganz bewusst.

Einen CSD mit dem Wort „verrückt“ abzutun, zeigt insofern nicht nur Ignoranz, sondern auch Verachtung. Eine Erhebung des Online-Portals Statista verdeutlichte vor kurzem, dass die Zahl der Straftaten gegenüber queeren Menschen in Deutschland im Jahr 2023 bei 1.785 Fällen lag – vor zehn Jahren waren es noch 240. Ein alarmierender Anstieg, der jegliche Diskussion über die Notwendigkeit eines Christopher Street Days ad absurdum führt. Wer queeren Menschen eine „Ideologie“ unterstellt, stellt deren Existenz infrage. Und das ist nicht hinnehmbar.

Es geht nicht um „Regenbogenpolitik“

Dabei sollte es in dieser Thematik eigentlich um Menschenrechte gehen. Darum, dass wir uns als Gesellschaft endlich öffnen, dass niemand mehr seine Identität verstecken oder sich für sein Dasein rechtfertigen muss. Es geht weder um „Ideologien“ noch um „Wahn“. Es geht darum, dass es nicht falsch ist, anzuerkennen, dass die Schubladen, in die wir uns über Jahrhunderte gezwängt haben, keinen Platz in einer modernen Gesellschaft haben – und eigentlich nie hatten.

Wir als Menschheit sind einfach zu verschieden, als dass wir uns alle in dieselben Rollenbilder pressen könnten. Es sind Rollenbilder, die man aktiv „verlernen“ muss. Das ist schwierig und kollidiert mit vielen Werten, die insbesondere im konservativen Zollernalbkreis gefestigt sind. Aber wenn diese Werte dazu führen, dass andere Menschen ausgegrenzt werden, ist es spätestens jetzt an der Zeit, diese zu überdenken. Denn am Ende geht es nicht darum, „Regenbogenpolitik“ zu betreiben – sondern darum, Menschen nicht allein zu lassen.