Transgender: Elio (19): „Sonderrechte? Ich will doch nur leben!“

Elio ist 19 Jahre alt und kommt aus einer kleinen Gemeinde in der Region. Er ist trans und blickt mit Sorge auf die queerfeindlichen Entwicklungen in den USA – „weil die können auch leicht zu uns rüberschwappen“.
Lea Irion- Der 19-jährige Elio, ein trans Mann, berichtet von Isolation und Diskriminierung im ländlichen Raum.
- Er fand online Unterstützung und begann mit 16, seine Identität digital zu leben und sich zu outen.
- Psychische Belastungen führten zu Klinikaufenthalten; seit 2024 lebt er nach Transition authentisch.
- Elio engagiert sich für trans Jugendliche und fordert gleiche Rechte, keine „Sonderrechte“.
- Er fürchtet, dass queerfeindliche Entwicklungen aus den USA nach Deutschland überschwappen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Sonderrechte?“ – Elio, der davor mit dem Rücken an der Stuhllehne saß, rutscht jetzt nach vorne und gestikuliert mit seinen Händen. Der Vorwurf aus konservativen oder rechten Kreisen, Menschen wie er würden Sonderrechte beanspruchen wollen, treibt ihn zur Weißglut. „Was für Sonderrechte, denke ich da immer. Ich will doch nur leben!“
Elio ist 19 Jahre alt, das dritte von vier Kindern und in einer kleinen Gemeinde in der Region aufgewachsen. Irgendwann im Laufe seines Lebens hat Elio gemerkt, dass sich etwas in ihm falsch anfühlte. Schon als Kind, sagt er, sei er „schwierig“ gewesen. Impulsiv, laut, anstrengend. Nicht, weil er charakterlich so war, sondern weil mehr in ihm vorging, als seine Außenwelt damals wahrnehmen konnte. Kleider, hochgesteckte Haare, Puppen – Elio spürte, dass er einfach nicht in dieses Raster passte.
Im Digitalen fand er Zuflucht
Mit der Zeit konnte der heute 19-Jährige immer besser greifen, dass er im falschen Körper geboren wurde. Er ging später auf eine kleine Gemeinschaftsschule, in der äußerliche Veränderung unweigerlich bedeutete, dass die Klassenkameraden über einen herziehen würden. Elio versteckte sich, bis er 13 war. Dann lernte er Finn kennen.
Finn war damals schon gefestigt in seiner Transidentität. Er wohnt in der Nähe von Berlin, dem krassen Gegenteil zur hiesigen Region, und Elio glaubt, auch er hätte damals schneller begriffen, dass er trans ist, wenn er in der Hauptstadt groß geworden wäre. Elio traf Finn im Internet, in einer Ecke, in der trans Jugendliche unter sich waren, sich vernetzten und Erfahrungen, Gedanken und Sorgen austauschten. „Das Digitale war mein Fluchtraum. Im realen Leben hat niemand etwas mitbekommen“, erinnert sich Elio.
Mit 14 traute er sich erstmals, seine Haare schwarz zu färben und sich in seiner sicheren Ecke im Computer mit männlichen Pronomen anzufreunden. In der Schule gehörte er damals einer vierköpfigen Mädelsgruppe an, was alles noch komplizierter machte. Und während Elio im Stillen immer mehr zu sich fand, lebte er ein Doppelleben. In der Schule war er, wie er nicht mehr sein wollte – und nicht mehr sein konnte.
Große Mehrheit fühlt sich sicher in der Identität
Zahlreiche Studien zeigen, dass junge trans Menschen besonders häufig unter psychischen Belastungen leiden – nicht, weil ihre Identität ein Problem ist, sondern weil sie mit Ausgrenzung, Unverständnis und struktureller Diskriminierung konfrontiert sind. Eine Auswertung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie betont, dass trans Jugendliche deutlich häufiger unter Depressionen, Ängsten und Suizidgedanken leiden, besonders wenn ihnen affirmative medizinische Maßnahmen verwehrt bleiben.
Andere deutsche Studien, etwa vom Deutschen Jugendinstitut, belegen: Wer trans ist, muss sich häufig früh erklären, rechtfertigen oder gar verteidigen – und findet selten ausreichend Rückhalt im direkten Umfeld. Gleichzeitig zeigen andere Untersuchungen, wie sehr sich die psychische Gesundheit verbessert, wenn Jugendliche in ihrer Identität ernst genommen und unterstützt werden, etwa durch Familie, Schule oder medizinisches Personal.
Zudem zeigen große internationale Erhebungen, dass „Detransitionen“ selten sind und fast nie mit echten Identitätszweifeln zu tun haben: Laut der „2022 U.S. Transgender Survey“, an der über 92.000 trans und nicht-binäre Menschen teilnahmen, haben nur 9 Prozent der Befragten jemals vorübergehend wieder in ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht gelebt. Von diesen 9 Prozent gaben wiederum nur 4 Prozent an, dies aus tatsächlichen Zweifeln an ihrer Geschlechtsidentität getan zu haben – der mit Abstand häufigste Grund war dagegen äußerer Druck, etwa durch Familie, Diskriminierung oder Angst vor Gewalt. Das bedeutet: Nur etwa 0,36 Prozent aller Befragten machten eine Detransition wegen innerer Unsicherheit. Die große Mehrheit der trans Menschen fühlt sich also langfristig sicher in ihrer Identität.
„Ich wusste nicht, wohin mit mir“
Hinter diesen Zahlen stecken Schicksale wie das von Elio. Mit 16 hatte er seinen heutigen Namen gefunden und angenommen – zumindest hatte er das digital. „Ich wusste nicht, wohin mit mir“, sagt der 19-Jährige rückblickend. In der Folge habe er sich daheim verschanzt, rutschte während Corona immer mehr ins gesellschaftliche Abseits, in der Schule brach alles auseinander. Eine „krasse Zeit“ sei das gewesen, und manchmal wundere er sich, wie er diese Zeit überleben konnte. „Aus heutiger Sicht muss ich mir die Frage stellen: Warum hat mir niemand geholfen?“
Einen guten Draht zu seinen Geschwistern und seinen zwischenzeitlich geschiedenen Eltern habe er zwar immer gehabt. „Aber dass etwas nicht stimmt, hat irgendwie niemand gesehen.“ Oder nicht sehen wollen? Elio war mittlerweile 17 – und er hatte sich bereits als trans geoutet. Auch, weil er wusste, dass er sich nicht mehr in die Geschlechterrollen zwingen konnte, die andere ihm aufdrückten. Doch das Outing änderte nicht sofort alles. Noch immer lebte er ein Leben, das nicht zu ihm passte.
Im Sommer 2022 war Elio mit dem väterlichen Teil seiner Familie im Camping-Urlaub an der Nordsee. Es war heiß – über 30 Grad. Und doch saß er in einem großen, schwarzen Pulli auf einem Steg in der Sonne. Für ihn war das mehr als nur Kleidung: Es war ein Schutzmantel. Damit sein Umfeld nicht das sah, was ihn bis heute in Form von Narben an seinem Unterarm an diese Zeit erinnert. Und damit er sich selbst nicht zeigen musste in einem Körper, der sich falsch anfühlte.
Hilfe bei negativen Gedanken und Depression
Wenn Sie sich in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, reden Sie darüber. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, die es Ihnen ermöglichen, anonym mit Menschen über Ihre Situation zu sprechen.
- Bei der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) geht das online, telefonisch oder vor Ort. Sie erreichen die Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800 1110 111 und 0800 1110 222.
- Auch im Chat oder via E-Mail finden Sie dort Unterstützung.
- Außerdem gibt es mit der App „Krisen Kompass“ eine Art Notfallkoffer für Krisensituationen. Die App erhalten Sie kostenlos im Apple App Store und bei Google Play.
Sein Vater zog Konsequenzen: Nach dem Urlaub kam Elio in eine psychiatrische Klinik. Dem Vater war klar geworden, dass sich kein 17-Jähriger ohne triftigen Grund in langen, schweren Klamotten an einem so heißen Sommertag aus dem Haus quält.
Nach der Klinik begann ein neuer Abschnitt. Seine Mutter habe ihn fortan zu all den Terminen gefahren, die ihn seiner so lange erhofften Geschlechtsangleichung näherbringen würden: zum Psychologen in Hechingen, zum Gutachter in Ulm – und schließlich zur Mastektomie an der Uniklinik in Freiburg. 2023 konnte Elio mit der Hormonbehandlung beginnen, im November 2024 folgte die Operation. Seither, sagt er, führt er das Leben, das er gerne von Anfang an geführt hätte.
„Ich weiß, dass mein Weg sehr privilegiert war“, meint der 19-Jährige in völliger Bodenständigkeit. Er habe viel Kontakt zu anderen jungen trans Menschen im Zollernalbkreis und merke immer wieder: So viel Glück haben nicht alle. „Viele werden einfach nicht ernst genommen“, schildert Elio. Und als wäre der familiäre Druck nicht groß genug, verfolgen trans Menschen die immergleichen gesellschaftlichen Diskussionen darüber, ob nicht alles doch nur diese vermeintliche Phase sei. „Zuletzt war es die Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz. Was für Diskussionen ich da geführt habe …“
„Privilegiert genug gewesen, um jetzt funktionieren zu können“
Er verstehe das alles nicht. „Die Leute tun immer so, als würden trans Menschen Sonderrechte beanspruchen wollen“, klagt Elio und wird sichtlich wütend. „So als würde ich ins Grundgesetz eingreifen!“ Dabei gehe es in der Debatte nur darum, als trans Mensch wie jeder andere sein zu dürfen – mit derselben Anerkennung, denselben Chancen wie der Rest. „Natürlich“, sagt Elio, „habe ich deswegen auch schon Gewalt erfahren. Bislang nur verbal.“
Die vergiftete gesamtpolitische Stimmung gegenüber trans Menschen habe insofern auch direkte Auswirkungen auf sein Leben hier in der Region. In erster Linie schützt sich Elio dadurch, dass er sich isoliert – aus Angst vor Angriffen. „Dann gehe ich halt nicht mehr aufs Volksfest nach Balingen, zum Beispiel, oder nicht mehr zur Fasnet“, sagt er. Man werde viel vorsichtiger. Vor allem dann, wenn man den Blick über den Atlantik in die USA wirft. Dort, wo unter Trump queer- und transfeindliches Verhalten wieder so normal zu werden scheint wie die Tasse Kaffee am Morgen. Die Entwicklungen machten ihm Angst, erzählt Elio, „weil die können auch leicht zu uns rüberschwappen. Vor allem, wenn man selbst einen queerfeindlichen Kanzler hat.“
Wie blickt man denn unter all diesen Aspekten in die Zukunft – und in welche? Elio lacht. An seinem rechten Handgelenk trägt er ein Freundschaftsarmband in seinen Lieblingsfarben: Rot und Schwarz. Es erinnert ihn an seinen besten Freund Finn. Elio überlegt kurz und sagt dann, er sei einfach „privilegiert genug gewesen, um jetzt funktionieren zu können“. Er meint damit: Sein eigentliches Leben hat seit seiner Transition überhaupt erst begonnen. „Angespannt“ beobachte er die Weltpolitik. Vor Ort versuche er derweil, anderen jungen trans Menschen da weiterzuhelfen, wo niemand sonst mehr weiterhelfen würde. „Und ich hoffe halt“, sagt Elio, „dass es hier einfacher wird. Irgendwann, irgendwie.“

