Vesperkirche Albstadt: Erkennen, wie gut es einem doch geht
Wenn ich die Schicksale von anderen höre, dann wird mir ganz bewusst, dass ich zufrieden sein kann“, äußert eine ältere Besucherin im Marienheim in Ebingen. Hier im Gemeindesaal der Caritas Albstadt ist am Sonntag die zweite ökumenische Vesperkirche gestartet.
Einige Damen und ein Herr aus verschiedenen Albstädter Ortsteilen haben sich an einem Tisch zusammengefunden. Es ist kurz nach 11 Uhr und sie überbrücken den Beginn mit einem Tässchen Kaffee oder einem Glas Wasser. Einige sind noch beim Gottesdienst und das Essen kommt erst um 11.30 Uhr auf den Tisch. Da unterhält man sich schon mal angeregt, denn nicht alle Tischnachbarn kennen sich schon. Dennoch verbindet sie alle etwas. Sie möchten andere Menschen kennenlernen und sich austauschen, statt zu Hause in den eigenen vier Wänden zu sitzen.
„Ich ziehe meinen Hut vor den Leuten, die sich hier ehrenamtlich einbringen“, bringt der einzige Mann an der Tafel den Helfern große Wertschätzung entgegen. Die Dame ihm gegenüber meint, dass sie mit Kollegen in der Mittagspause kürzlich die Balinger Vesperkirche besucht habe und dort vor allem die Atmosphäre geschätzt habe. Während einer Unterhaltung mit anderen, mit fremden Leuten werde einem schnell klar, dass jeder sein Päckchen zu tragen habe, meint sie. Und prompt zählt ihr Gegenüber mehrere Krebserkrankungen und noch vieles andere auf.
Zufrieden sein
Und die Damen daneben? „Man wird bei solchen Erzählungen immer sehr viel zufriedener mit dem eigenen Schicksal. Es wird einem bewusst, dass es Schlimmeres gibt“, stimmen sie überein. Und die Menschentraube, die nach und nach durch die Eingangstür strömt, ist tatsächlich bunt gemischt. Hinten in der Ecke hat sich ein junger Mann niedergelassen. Er ist mit seiner Mutter hier und beide sind in ein Gespräch vertieft.
Gymnasiasten helfen mit
Später kommen zwei junge Mütter mit Kinderwägen. Eine von ihnen hat alle Mühe, den schreienden Nachwuchs zufriedenzustellen. Aber auch daran haben die Organisatoren gedacht. Im hinteren Teil des Saals wurde ein kleiner Kinderbereich eingerichtet. Andere Frauen fragen bei den ehrenamtlichen Bedienungen nach, ob es sich bei den Fleischküchle um Schweine- oder Rindfleisch handle. Sie sind Musliminnen und wollen es deshalb genau wissen. Aber es gibt zum Glück ja noch den Gemüseeintopf, der vor allem von den Vegetariern nachgefragt wird.
Viele Freiwillige helfen
Pro Tag, und heuer sind es zehn an der Zahl, werden zwölf bis 14 Helfer benötigt. Da, wo sich Lücken im Schichtplan aufgetan haben, wurde mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums in Ebingen „aufgefüllt“, erläutert Dekanatsreferent Achim Wicker. Außerdem hätten sich auch viele Personen gemeldet, die bereit seien, kurzfristig einzuspringen, falls jemand ausfalle. Es ist eine große, harmonische Gemeinschaft, die sich im Marienheim in der August-Sauter-Straße 21 noch bis zum 5. März zusammenfindet. Sowohl die Ehrenamtlichen als auch die Besucher.
Berater der sozialen Hilfsdienste
Hier darf jeder kommen. Hier darf man einfach sein, wie man ist. Ohne Vorurteile, ohne Stigmata. Das liegt vor allem auch den Organisatoren der beiden großen christlichen Kirchen in Albstadt am Herzen. Caritas und Diakonie schicken zudem jeden Tag Beraterinnen und Berater, die mit Rat und Tat helfen, falls es gewünscht wird. Ein niederschwelliges Angebot.
Geistlicher Impuls auf den Weg
Man muss auch nicht evangelisch oder katholisch sein, um zur ökumenischen Vesperkirche kommen zu dürfen. Damit man dennoch merkt, dass es ein kirchliches Angebot ist, gibt es täglich gegen 13 Uhr ein „Wort auf den Weg“, einen kurzen geistlichen Impuls, der vor allem auch die Seele stärken soll. In der Secontique, der Caritas-Nähwerkstatt, wurden praktische und ansprechende Schürzen genäht. Auf allen prangt das Logo der Vesperkirche – mit einem Spiegelei auf dem Teller und dem Besteck daneben. Das Essen wurde zwischenzeitlich geliefert. Es kommt normalerweise von der Firma Mey aus Lautlingen. Aber am Wochenende liefert der Verein Mariaberg aus. Schnell landen die köstlichen Speisen – Fleischküchle mit Bratkartoffeln oder Gemüseeintopf – auf den Tellern und wird von den Helfern am Tisch serviert.
Währenddessen stehen die Helfer am Kuchenbuffet schon bereit. Viele süße Kreationen wurden von fleißigen Hobbybäckerinnen abgeliefert und lassen einem das Wasser im Mund zergehen. Es ist quasi der Nachtisch für die Gäste. Denn die Vesperkirche hat täglich von 11 bis 14 Uhr geöffnet.
Kultureller Abend mit Musik
Außer am Donnerstag, 29. Februar. Dann lädt man zusätzlich um 19 Uhr zum kulturellen Programm ein. Der Sänger und Musiker Tobias Conzelmann wird die Gäste dann bei freiem Eintritt im Marienheim unterhalten. Das gab es im vergangenen Jahr bei der Premiere der Vesperkirche in Albstadt auch nicht, als man zunächst für fünf Tage die Pforten öffnete. Schnell wurde die Idee einer Fortsetzung geboren und der Wunsch nach Verlängerung laut. Die nächsten Ideen sind zusätzliche Angebote wie ein kostenloser Haarschnitt oder anderes, wenn man die entsprechenden Räume dafür hat.
Aber nun läuft erst einmal die diesjährige Vesperkirche. Und die konnte am ersten Tag die vielen Besucher kaum fassen – über 100 waren es. Dezent stehen auf den Tischen Spendengläser. Wer etwas geben will, wirft ein paar Münzen oder Scheine hinein. Aber niemand ist dazu gezwungen. Denn es geht ja schließlich um die Gemeinschaft und den caritativen beziehungsweise diakonischen Gedanken.
Im Flur unten steht immer noch der junge Mann in seiner Schürze und weist den Besuchern, die sich nicht auskennen, den Weg. Aber eigentlich müsste man nur dem Lachen und den Gesprächsfetzen, die man vernimmt, folgen. Auch dadurch fühlt man sich schnell willkommen.
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ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden täglich bei der ökumenischen Vesperkirche benötigt. Bei der Essensausgabe, beim Bedienen, beim Eindecken und Abräumen und mehr.




