Es ist ein merkwürdiges Phänomen, das aber wohl viele von sich selbst kennen. Je nachdem, welches Verkehrsmittel man gerade nutzt, ärgert man sich über die entsprechenden Regeln oder die Infrastruktur. Auf dem Rad strampelnd müssten die Spuren breiter sein, im Auto hinterm Steuer sitzend fühlt man sich durch Fahrradstraßen ausgebremst. Es allen im Verkehrsraum recht zu machen, ist eine (nahezu) unmögliche Aufgabe für Verkehrsplaner. Ein weiteres Beispiel umstrittener Maßnahmen: Tempo-30-Zonen.
Wenn man als Autofahrer von der Landstraße in eine Ortschaft einfährt, kommen 30 km/h wie Schleichen vor. Doch die Geschwindigkeitsreduzierung in Orten hat ihre Berechtigung. Ziel von Städten und Gemeinden ist es, Anwohner in Ortschaften zu schützen. Sowohl der Lärm als auch die Feinstaubbelastung gehen spürbar runter, wenn Autos mit 30 statt 50 km/h durch den Ort fahren.

Kritik aus Margrethausen

Vor Kurzem äußerte sich ein Albstädter Bürger öffentlich – dem Margrethauser geht die Verwaltung bei der Verkehrsberuhigung nicht schnell genug vor. „Überall im süddeutschen Raum und auch in unseren Nachbargemeinden werden Orstdurchgangsstraßen auf 30 km/h beschränkt. Vor allem, um Gefahren und Lärm für die Anwohner zu reduzieren“, erklärt Uwe Seidel aus Margrethausen. „Geht an Albstadt die Verkehrswende gänzlich vorbei?“

Stadt weist Vorwürfe zurück

Die Kritik, Albstadt verschlafe den Trend, Tempo 30 in Stadtgebieten und viel befahrenen Ortsdurchfahrten einzuführen, kann die Stadtverwaltung jedoch nicht nachvollziehen. „Albstadt hat bereits 1990 flächendeckend 30-km/h-Zonen im Stadtgebiet in allen Wohngebieten ausgewiesen, die nach damaliger Rechtslage dafür infrage kamen“, erklärt Sarah Braun, Pressesprecherin der Stadt, auf Anfrage unserer Zeitung.
Weil sich Voraussetzungen für Tempo-30-Zonen immer wieder ändern, prüfe man regelmäßig, in welchen Bereichen der Stadt derartige Zonen neu eingeführt oder bestehende Zonen erweitert werden können. So habe der Gemeinderat auf Vorschlag der Verwaltung im vergangenen Jahr die Erweiterung der Tempo-30-Zonen in der Oststadt Ebingen und Scheibenbühl sowie in Laufen beschlossen, ebenso die neue Zone in der Kohlweilerstraße in Onstmettingen.

Kita, Unfälle oder Lärm als Grund

Die Stadtverwaltung betont, dass für eine entsprechende Geschwindigkeitsbegrenzung immer ein Grund vorliegen muss. Einer ist der Schutz „besonders schutzwürdiger Einrichtungen“, wie Kindergärten, Kitas, Krankenhäuser sowie Alten- und Pflegeheime. Ein anderer Grund wäre, wenn sich an den Straßen Unfälle häufen würden. Das ist in Albstadts Ortsdurchfahrten jedoch nicht der Fall.
Für Uwe Seidel sind all diese auf die Straßenverkehrsordnung basierenden Gründe eher Ausreden. Denn alle umliegenden Städte und Gemeinden beziehen sich auf den Lärmschutz, warum also nicht auch Albstadt? Die Stadtverwaltung bezieht sich auf den Lärmaktionsplan: Die bisherige Planung hat zu der nächtlichen Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 Kilometern pro Stunde in den Ortsdurchfahrten von Lautlingen und Ebingen (Berliner Straße und Schillerstraße) geführt. Aktuell wird die dritte Stufe des Lärmaktionsplans bearbeitet – „sollte diese ergeben, dass weitere Ortsdurchfahrten oder Vorfahrtstraßen mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung versehen werden müssen oder bereits ausgewiesene temporäre Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den ganzen Tag ausgeweitet werden müssen, wird der Gemeinderat entsprechende Beschlüsse fassen“, erklärt die Stadtverwaltung. Stimmt das Regierungspräsidium zu, setzt die Straßenverkehrsbehörde die Maßnahme um.

Passiert was in Margrethausen?

Doch was bedeutet das nun konkret für Margrethausen? Unfälle gibt es dort – glücklicherweise – kaum; eine Kita oder ein Pflegeheim gibt es entlang der Ortsdurchfahrt ebenfalls nicht. Bleibt der Lärm als Grund für Tempo 30. „Die bisher durchgeführten Lärmberechnungen ergaben keine Notwendigkeit, verkehrsrechtliche Maßnahmen wie etwa eine Geschwindigkeitsbeschränkung anzuordnen“, erklärt die Verwaltung trocken. Die Hoffnungen für Uwe Seidel und Tempo 30 in Margrethausen hängen folglich maßgeblich von der dritten Fortsetzung des Lärmaktionsplans ab – Ergebnisse werden in der zweiten Jahreshälfte erwartet.

Flüsterasphalt wird bei Sanierungen gelegt

In den letzten Jahren wurden zwei Lärmaktionspläne für Albstadt erstellt und entsprechende Maßnahmen durchgeführt. Unter anderem wurde eine nächtliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h eingerichtet in der Ortsdurchfahrt in Lautlingen (B463) und auf einem Großteil der Berliner Straße in Ebingen sowie die innerörtliche Schillerstraße.
Werden Straßen saniert, auf denen Tempo 30 gilt, lässt die Stadt Flüsterasphalt verlegen, um den Lärm zu reduzieren – ein Beispiel ist die Ortsdurchfahrt in Lautlingen.