Wenn heute Abend der Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga im Free-TV übertragen wird, werden dieses Spiel nicht nur Fans von RB Leipzig und Bayern München gespannt verfolgen. Für manche ist das Ergebnis aus sportlicher Sicht vollkommen egal – ihnen geht es rein um ihren Tippschein. „Bei einem Gewinn entsteht ein anderes Gefühl und der Körper schüttet Endorphine aus“, erklärt Martin Weise. „Die Verknüpfung der Handlung, also dem Wetten, und dem Glücksgefühl eines Gewinns, die ist gefährlich.“
Weise ist Fachbereichsleiter der Suchtberatung der diakonischen Bezirksstelle Balingen. Diese ist mit einer Außenstelle in Albstadt für den gesamten Zollernalbkreis zuständig. Spielsucht durch Sportwetten nehmen in der Bezirksstelle keine große Rolle ein, doch das hat Gründe. „Die Industrie, also die vielen Wettanbieter, präsentieren sich im Marketing natürlich immer positiv“, sagt Weise. Stars wie Oliver Kahn, Joshua Kimmich und Marco Reus werden prominent platziert. „Fußball ist immerhin der deutsche Volkssport – das kann nicht gefährlich sein“, wird damit suggeriert, wie Weise erklärt.

Hohe Schulden als Falle

Ein weiterer Grund, warum Spielsüchtige selten Beratungsstellen aufsuchen: die Sucht lässt sich lange verheimlichen. „Oft suchen die Betroffenen erst Hilfe auf, wenn sie den ‚Point of no Return‘ überschritten haben“, sagt Weise. Die Schulden sind dann häufig im Bereich um 20 000 Euro – in Extremfällen sogar im sechsstelligen Bereich.
Im Gegensatz zu Alkoholsucht beispielsweise gibt es bei der Spielsucht keine äußeren Auffälligkeiten. „Natürlich sind die Süchtigen gereizt und durch ihre Probleme belastet. Aber der Sucht können sie unauffällig auf dem Smartphone nachgehen und dort Wetten platzieren.“ Haben Partner getrennte Konten, kann der Abhängige seine Spielsucht sehr lange verheimlichen.

Sportwetten und online-Casino: Ein Teufelskreis beginnt

Die hohen Schulden führen zu einem Teufelskreis: Bleibt der Gewinn aus, versucht der Spieler dies durch einen höheren Einsatz bei der nächsten Wette auszugleichen. „Und selbst wenn das beim zweiten oder dritten Anlauf gelingt, hat er davor mehr ausgegeben als gewonnen“, sagt Weise. Verführerisch ist auch ein vermeintliches Insiderwissen. Man kennt sich ja mit Fußball aus, als steigen die Chancen zu gewinnen. So die Annahme.
Dass es bei den Einsätzen große Sprünge gibt, ist nicht selten, sondern die Regel. Wie bei allen Abhängigkeiten gibt es eine Toleranzentwicklung: Beim ersten 20-Euro-Gewinn ist die Freude immens – beim zweiten müssen es schon 100 Euro sein, damit überhaupt Freude aufkommt. Und hier ist der Punkt, an dem Betroffene gegenwirken sollten. „Wenn man Vorsätze und das Budget nicht mehr einhalten kann, wird es kritisch“, sagt Weise. Dieser Kontrollverlust ist ein Anzeichen für Sucht, ebenso wie ein dauerhafter Drang, ein Verlangen und die Vernachlässigung von Familie und Freunden.
Die Suchtberatung wie bei der Diakonie sieht Martin Weise daher vor allem als Auftakt – denn die Abhängigkeit wird die Betroffenen ein Leben lang begleiten. Das Suchtgedächntis ist eine dauerhafte Gefahr für einen Rückfall, beziehungsweise „einen Schub“, wie Weise es bezeichnet. „In der modernen Suchtberatung ist der Schub Teil des chronischen Krankheitsgedächtnisses. Wichtig ist, wie Betroffene damit umgehen und dass Beratungsstellen ihnen das Handwerk mitgeben, schnell aus der Situation rauszukommen.“
Die diakonische Bezirksstelle Balingen und Albstadt berät bei Sucht und ist unter (07433) 16 07 40 sowie unter (07431) 935 30 73 erreichbar. Ebenso per Mail an suchtberatung@diakonie-balingen.de. Alle Infos unter www.diakonie-balingen.de.

400 000 Menschen mit kritischem Spielverhalten

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht von mehr als 400 000 Menschen in Deutschland mit kritischem Spielverhalten aus. Die Hälfte gilt als pathologische Spieler.
In Deutschland gibt es 31 Sportwetten-Anbieter mit einer bundesweit gültigen Erlaubnis. Das erklärt der Deutsche Sportwettenverband mit Sitz in Berlin gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Es stehen damit insgesamt 40 legale Online-Sportwetten-Plattformen zur Verfügung.
Der Wetteinsatz für Privatpersonen liegt laut Glücksspielstaatsvertrag 2021 bei 1000 Euro, kann aber in Einzelfällen erhöht werden.