Die Vorgehensweise der Täter ist in vielen Fällen gleich. Sie bauen Vertrauen zu den Jugendlichen auf und stärken deren Selbstwertgefühl. Der Austausch erfolgt scheinbar auf Augenhöhe – bis beiläufig nach einem anzüglichen Foto der jungen Frau oder des jungen Mannes gefragt wird. „Dieses eine Bild kann reichen, um in die Abhängigkeit des Täters zu geraten“, sagt Michael Malina. Das zuvor aufgebaute Vertrauen nutzen die Kriminellen aus, erhöhen den Druck auf ihre Opfer und verlangen weitere, immer freizügigere Aufnahmen.
Malina, Diplom- und Sexualpädagoge, kennt die Gefahren von Cybergrooming genau. „Etwa 30 Prozent der Jugendlichen bis 18 Jahren in Deutschland hatten bereits eine konkrete Anfrage eines Täters“, sagt der Experte, Referent für Studienorientierung an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Cybergrooming bezeichnet das Annähern und Vorbereiten einer sexuellen Belästigung im Internet mit dem Ziel eines sexuellen Missbrauchs. Die Täter sind dabei auf unterschiedlichen Plattformen unterwegs: Soziale Netzwerke, Videoportale wie TikTok oder Onlinespiele. „Das Portal an sich ist egal“, sagt Malina. „Wichtig ist für Täter, dass Einzelchats möglich sind.“

TikTok und Insta: Ersatz für reale Bestätigung

Über Fakeprofile nehmen sie Kontakt zu ihren Opfern auf. Oft sind das Jugendliche mit einem geringen Selbstwertgefühl. Denn: „Wenn sich junge Erwachsene ihre Bestätigung nicht über die Eltern, Freunde, die schulische oder sportliche Leistung holen können, suchen sie im Internet danach“, sagt Malina. „Likes“ und positive Nachrichten sind der Ersatz für eine fehlende Bestätigung im analogen Alltag. „Jugendliche unterscheiden schon seit Jahren nicht mehr zwischen real und virtuell. Sie nehmen das Internet als reale Lebenswelt wahr.“
In dieser digitalen Lebenswelt ist es für Täter ein Leichtes, Kontakt aufzunehmen. Eine Masche auf TikTok und Instagram: Sie geben sich als Mitarbeiter einer Agentur aus und schreiben junge Frauen an. Ihnen gefällt das Profil der Frau, sie wäre perfekt dafür geeignet, für die Mode oder den Schmuck der Agentur zu werben. Dafür benötige der „Agent“ lediglich noch ein neues Foto des Mädchens. „Und weil die junge Frau noch keine 18 Jahre alt ist, solle sie ihren Eltern nichts verraten“, erklärt Michael Malina. „Sie bauen auf eine Geheimhaltung.“

Was können Eltern tun?

Diese Geheimhaltung wird auch erzwungen. Das Druckmittel: unter der Androhung, ein anzügliches Foto zu veröffentlichen oder den Eltern zu zeigen, verfestigt sich die Abhängigkeit vom Täter. Aus Scham schweigen die Opfer. Dabei wären gerade die Eltern wichtige Ansprechpersonen – und stehen in der Verantwortung. „Viele unterschätzen die Gefahren und überlassen die Kinder im Internet sich selbst“, sagt Malina. Dabei müssten sie von Beginn an, wenn sich Kinder für digitale Plattformen interessieren, selbst informieren und sie begleiten. Bereits wenn man wenige Aspekte beachtet – private statt öffentliche Profile erstellen, niemals die Wohnadresse angeben – sei der Schutz fürs Kind deutlich erhöht. „Eltern müssen immer Ansprechpersonen sein. Je näher sie ihr Kind im Internet begleiten, desto eher trauen sich diese, im Zweifelsfall auf sie zuzugehen“, sagt Malina.
Wie viele Fälle von Cybergrooming im Zollernalbkreis jährlich angezeigt werden, kann die Polizei auf kurzfristige Anfrage nicht mitteilen. Den Tatbestand „Cybergrooming“ als solchen gibt es im Strafgesetzbuch (StGB) laut Polizeipräsidium Reutlingen nicht. Er fällt unter den Paragrafen der „sexuellen Handlungen ohne Körperkontakt“. Davon werden nur wenige zur Anzeige gebracht. „Im Jahr 2021 wurden Fälle im höheren einstelligen Bereich erfasst“, so die Polizei.

Wie erkennt man Täter? Ein paar Anzeichen gibt es

Können Jugendliche Täter selbst erkennen? Oft ist das Bauchgefühl entscheidend, sagt Diplom-Pädagoge Malina. „Wenn Täter in Vorleistung gehen und dem Opfer etwas schenken, ist das verdächtig. Ebenso, wenn junge Frauen anscheinend als eine von ganz wenigen für eine Werbekampagne ausgewählt werden.“ Generell geben die Täter wenig bis nichts von sich selbst preis, sondern fragen das Opfer aus. Die eigene Kamera ist beim Chatten ausgeschaltet. „Bei einem solchen Verhalten sollte man hellhörig sein.“
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Safer Internet Day: Vortrag an der Hochschule

Die Informatik-Fakultät der Hochschule Albstadt-Sigmaringen beteiligt sich am Safer Internet Day am heutigen Dienstag, 7. Februar, mit einer zu dieser Thematik passenden Informationsveranstaltung. Eingeladen sind Eltern, interessierte Fachkräfte und Jugendliche, die sich über dieses Thema informieren wollen. Experten der Hochschule geben einen Einblick in die Strategien von Tätern. Sie zeigen Möglichkeiten, wie man Cybergrooming technisch, aber auch pädagogisch begegnen kann, um Risiken zu minimieren.
Mit dabei sind der Cyberpsychologe Prof. Dr. Stefan Sütterlin, Prof. Dr. Christian Henrich, der Diplom-Pädagoge Michael Malina sowie Studierende der Hochschule. Beginn ist um 19 Uhr im Haux-Gebäude, Poststraße 6 in Albstadt, Raum 205-018.
Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es gibt einen Livestream unter www.hs-albsig.de/sid23-online.