Wenn sich die Eltern trennen, bricht für Kinder die Welt zusammen. „Der unumstößliche, sichere Hafen fehlt vom einen auf den anderen Tag. Es zieht den Kindern den Boden unter den Füßen weg“, sagt Ulrich Türk. Familie bedeutet Sicherheit, bedeutet Vertrautheit und Glück. Für Kinder ist es selbstverständlich, dass diese Geborgenheit ein Leben lang anhält. Jetzt fehlt dieser sichere Hafen – und Kinder fürchten, dass sie schuld daran sind.
„Im Alter von etwa fünf bis zehn Jahren beziehen Kinder sehr viel auf sich“, erklärt Türk. „Aber natürlich sind sie nicht schuld an der Trennung. Die Eltern haben schlicht auf der Erwachsenenebene Probleme.“ Der Pädagoge ist Dienststellenleiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Albstadt. Mehr als die Hälfte derjenigen, die Rat und Hilfe bei Türk und seinem Team suchen, haben Fragen zu Trennung und Patchwork-Familien. Beziehungsweise Bonus-Familien, denn Patchwork ist häufig negativ konnotiert und für Experten nicht mehr der gängige Begriff. „Die Trennung wirft die bestehenden Strukturen über den Haufen. Es ist ein Prozess der Neufindung“, sagt Türk. Das allein ist für junge Mädchen und Jungen belastend genug – und dann kommen eventuell noch neue Partner der Eltern dazu.

Wie müssen neue Partner auf Kinder zugehen?

Es ist eine Herausforderung: Wie gelingt es den getrennten Eltern, neue Partner in die Familie zu integrieren? Einen Königsweg gibt es nicht, das weiß Ulrich Türk. Kinder, Eltern, neue Parterinnen und Partner – die Personen und Verhältnisse sind zu individuell, um allgemeingültige Ratschläge zu geben. In der Beratungsstelle in Albstadt gehen die Pädagogen individuell auf die Betroffenen ein. Doch einige Regeln gelten für die meisten Betroffenen.

Nicht die Mama, nicht der Papa – Konkurrenz bringt nichts

Ganz wichtig: die Erwartungshaltung der neuen Partner. „Mutter und Vater sind unantastbar, also auch der getrennte Elternteil“, sagt Türk. „Ein neuer, männlicher Partner beispielsweise wird immer hinter dem Vater anstehen. Die Position Nummer eins ist besetzt.“ Es geht nicht um eine Konkurrenz, sondern darum, als Bonus-Familie neue Rollen zu finden. Die alten Normen sind nach einer Trennung der Eltern außer Kraft gesetzt. Offenheit und Interesse am Kind, das sind wichtige Aspekte, die ein neuer Partner dem Kind gegenüber auf jeden Fall zeigen muss.

Körperliche Nähe? Vorsicht

Doch dabei gilt es, eine angemessene Balance zu finden. Interesse ja, aber nicht gleich eine für das Kind unangenehme Nähe suchen. Mädchen und Jungen früh umarmen oder ein Küsschen auf die Wange drücken? „Das könnte von Kindern als übergriffig empfunden werden“, sagt Türk. Eine zu frühe Annäherung kann mehr zerstören als helfen. Vertrautheit braucht Zeit. Rituale können dabei helfen. Ein praktisches Beispiel ist der Weg zum Kindergarten oder zur Schule. „Da kann der neue Partner oder die neue Partnerin das Kind begleiten. Und selbst wenn am Anfang Schweigen herrscht, führt das zu einer Verbindung“, erklärt Türk.
Davon, dass Kinder den neuen Partner ebenfalls mit Papa oder die neue Partnerin mit Mama ansprechen, hält der Pädagoge gar nichts. Es gibt nur eine Mama und einen Papa. „Da ist es sinnvoller, den Vornamen zu verwenden. Auch der kann mit einer liebevollen Beziehung verbunden werden.“

Rückschläge können auch spät erfolgen

Doch selbst wenn der Start funktioniert, bedeutet das nicht immer eine dauerhaft-harmonische Beziehung. „Es kann Rückschläge geben. Das muss den Betroffenen bewusst sein“, warnt Türk. Denn mit zunehmendem Alter des Kindes entwickeln diese ein anderes Verständnis für die Bonus-Familie. Kritischere Fragestellungen tauchen auf. „Die neue Partnerin oder der neue Partner werden nochmals infrage gestellt.“ Eine verzögerte Ablehnung darf aber nicht persönlich genommen werden. Geduldig bleiben, lautet die Devise.

Wann stellt man den Kindern jemand Neues vor?

Die Frage, wann man einen neuen Partner zum Schutz des Kindes frühestens in die Familie integriert, kann man nicht beantworten. Manchmal kennen die Kinder den neuen Partner bereits, weil dieser zuvor ein guter Freund der Familie war. Für jede Familie ist der „passende Moment“, die Bonus-Familie auszubauen, ein anderer. Türks Erfahrungen zeigen jedoch, dass das häufig sehr schnell passiert. „Wichtig ist, dass beide Elternteile weiter das Bedürfnis des Kindes im Blick haben“, sagt Türk. Das ist nicht immer selbstverständlich, denn auch die Eltern sind in dieser Phase sehr belastet.
Gelingt eine harmonische Bonus-Familie, hat das für Eltern und Kinder Vorteile. Diese positiven Aspekte betont Ulrich Türk. „Die Familie wird größer, die Kinder erhalten eventuell sogar Stiefgeschwister als Freunde und Spielkameraden dazu.“
Ein Wechselmodell funktioniert dann gut, wenn die Eltern auch nach einer Trennung gut miteinander kooperieren und kommunizieren können. Wichtig für Eltern: In der Trennungsphase müssen sie darauf achten, dass sich die Rollen nicht vertauschen. „Oft sind es die Kinder, die die Eltern trösten“, sagt Pädagoge Ulrich Türk. Das sollte nicht sein.

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Info

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist dem Jugendamt des Zollernalbkreises zugeordnet und hat im Kreis zwei Stellen: in Hechingen und in Albstadt. In Hechingen ist die Beratungsstelle unter (07471) 93 09 17 10 und Mail an beratungsstelle.hechingen@zollernalbkreis.de erreichbar, die in Albstadt unter (07431) 80 00 12 55 und Mail an beratungsstelle.albstadt@zollernalbkreis.de.